ich mich noch ein wenig sträubte , mit mir von dannen . Ich müßte durchaus den Hof sehen , suchte er mir begreiflich zu machen . So trat ich mit ihm in den dichtgeschaarten Kreis , welcher sich um die höchsten Herrschaften gebildet hatte . Der König , freundlich und mild aussehend , wie immer in Teplitz , hatte sich mitten unter den Kurgästen auf einer Bank niedergelassen . Neben ihm saßen zu beiden Seiten die vor kurzem angekommene Königin von Würtemberg , und deren erhabene Schwester . Dieser zunächst sah man die Fürstin von Liegnitz , diese schöne , anziehende , sonnenklare Gestalt , die den Augen wie Himmelblau wohlthut . Und mehrere andere Sonnen und Sterne erster und zweiter Größe schimmerten umher und dazwischen , und manches berühmte Haupt , das Welten entdeckt und Systeme ausgebrütet , neigte und beugte sich hier als schmiegsamer Trabant und Nebenplanet . Auch Alexander von Humboldt , welcher den König diesmal ins Bad begleitet , ebenso groß als Hofmann wie als Naturforscher , stand , dienstgefällig lächelnd , in diesem Kreise . Es war eine interessante Kour im Freien , und die Spazierengehenden bewegten sich vor dieser Gruppe unermüdlich auf und ab , und konnten sich nicht satt schauen . - Ich hielt es endlich für Zeit , zu Mittag zu essen , und ging mit dem Philister in meinen Gasthof zurück . Hier hatte ich eine Zeitlang vor ihm Ruhe , weil er nicht mit an der Tabled ' höte speiste , wo er sich wahrscheinlich genirte , sondern allein auf seinem Zimmer sein Diner nach der Charte abhielt . Und jetzt , Heilige , laß Dir genügen , wenn ich Dir bloß sage , daß ich es mir vortrefflich schmecken ließ und auch in ziemlich guter Nachbarschaft saß . Die Küche wird zwar in Prag erst ausgezeichnet , wo sie sich zur Kunst erhebt , aber wer , wie ich Norddeutscher , nur ein Dilettant in der Gutschmeckerei ist , konnte auch allenfalls an diesem Diner seine Freude haben . Schenke mir nur Deinen Segen zu meiner Mahlzeit , liebe Heilige ! - Nach dem Mittagessen machte ich in langsamer Beschaulichkeit meine mille passus durch die Gassen der Stadt . Ueberall flogen glänzende Equipagen , mit Herr und Dame , oder sogenannte Gesellschaftswagen , mit einer buntgemischten Uebervölkerung an Bord , zu Lust- , Wall- und Irrfahrten an mir vorüber . Die hellstrahlende Sonne warf über alles Leben und Treiben einen festlichen Schein , und der Himmel zeigte ein Feiertagsgesicht und lachte aus wolkenlosen Höhen . Ich schlenderte noch lange einsam umher , und fing endlich an , mich über den schönen Sonnenschein zu langweilen und melancholisch zu machen . Wer weiß nicht , daß auch der Sonnenschein melancholisch machen kann ? Während eine einzige Menschenseele , die Dein gehört , unter Sturm und Ungewittern Dich heiter erhält . Die liebe Seele , die mein gehört , ist aber weit von mir entrückt , nicht bloß durch örtliche Fernen , sondern durch Lebensfernen . Nicht durch Raum , nicht durch Zeit , nicht durch Glück , sondern durch das Verhältniß . Nicht durch Sinn , nicht durch Geist , sondern durch die Form . Nicht durch das Herz , nicht durch das Auge , sondern durch die Hand . Nicht durch den Gedanken , sondern durch die Regel . Nicht durch das Verständniß , sondern durch das Bekenntniß . Nicht durch Nein , sondern durch das Ja . Nicht für die Ewigkeit , aber für das Leben . Siehst Du , Heilige , wie mich der Sonnenschein melancholisch machen kann ? Da klopfte mir plötzlich Jemand von hinten auf die Schulter . » Ueberall habe ich Sie gesucht ; wo stecken Sie denn ? « wurde ich mit grober Stimme angeredet . Das war mein Philister . Er hatte sein Opfer nur zu gut wieder gepackt . Ich aber wurde ärgerlich , daß er mich gestört , denn ich war gerade im Begriff gewesen , eine Elegie , zu der ich sonst so selten komme , in mir fertig zu dichten . Ich beschloß endlich , Rache an ihm zu nehmen , und indem ich es ihm zusagte , mit ihm spazieren zu gehen , bog ich bei der Kreuz-Kapelle , der wir uns jetzt näherten , geradewegs in den Kirchhof ein . Wie alte Frauen Sonntag Nachmittags zu ihrem Vergnügen auf den Gottesacker hinausgehn , mit Brille , Gesangbuch und einem Stück Kaffeekuchen im Pompadour , so wollte ich auch meinen Philister , mit dem ich mir gar nicht mehr anders zu helfen wußte , nach derselben Analogie hierher unter die Gräber spazieren führen . Vielleicht gelang es mir , ihn hier auf den Kirchhof abzusetzen . Er wanderte auch gutwillig mit , und ich bedeutete ihm noch zum Ueberfluß , daß ein Kirchhof eigentlich die größte Merkwürdigkeit in der Welt sei . Daher ein Reisender , wie er , durchaus auf den Kirchhof müsse . Er sagte kein Wort , und folgte mir mit einem sonderbaren Gesicht zwischen den grünen Schlummerstätten der Todten hindurch . Ein leiser Wind schien in den trauernden Laubgehängen Wiegenlieder zu flüstern , und durch dichte Cypressenbüsche streute die Sonne ein gedämpftes , träumerisches , grünliches Licht über die Gräber aus . Ich setzte mich auf einen kühlen Grabstein , und ließ einen Augenblick das große Gefühl der Ruhe , das hier ringsher aus gebrochenen Herzen keimte , über mich kommen . Der Philister war stehen geblieben , und las die Inschrift eines Denksteins , der mir gerade gegenüber aufgerichtet war . Und welchen Edlen nennt die Urne , damit wir seiner Asche ein andächtiges requiescat in pace zurufen ? fragte ich . Der Philister las mit seiner lauten , trockenen Stimme den Namen : Johann Gottfried Seume , gestorben am 13. Juni 1810 . Ach , Seume ! Guter , ehrlicher , deutscher Seume ! Hätte ich doch fast diese Merkwürdigkeit von Teplitz vergessen , daß Deine irdischen Gebeine , gewiß recht ermüdet