der Gebrauch . Mein Vater zog diese Sprache jeder andern vor , weil von ihr zu seiner Zeit nicht nur seine , sondern auch die geistige Bildung aller derer ausgieng , die sich nicht geradezu dem eigentlichen Gelehrtenstande widmen wollten , und die klassischen Schriftsteller der Franzosen blieben ihm zeitlebens die liebsten , ich könnte wohl sagen , die einzigen , die er las . Von der deutschen schönen Litteratur hatte er in seiner Jugend nur wenig kennen gelernt , und dies wenige war ihm nicht erfreulich gewesen , wie es denn auch in jener , trüben Gottschedischen Zeit einem Geiste wie dem seinigen nicht zusagen konnte . Daher blieb ihm ein unüberwindliches Vorurtheil gegen alle deutsche Schriftsteller , besonders gegen die deutschen Poeten , welches er mit fast allen damals lebenden , gebildeten Männern theilte , die darin dem Beispiele Königs Friedrichs des zweiten folgten . Auch ich lernte deshalb erst spät die Schätze meines eigenen Volcks kennen , obgleich um die Zeit , da ich geboren ward , schon die hellstrahlende Morgenröthe am deutschen Kunsthimmel den glorreichen Tag verkündete , der jezt uns leuchtet . Mehr als aller meiner übrigen guten Anlagen erfreute sich mein Vater jenes unserm Geschlechte eignen leichten Auffassungsvermögens , mit dessen Hülfe wir spielend errathen , was die Männer mühsam erlernen , und durch welches ich besonders mich auszeichnete . Diese den Frauen ganz eigenthümliche Gabe könnte uns fast verleiten , an gute , oder doch wenigstens gut gelaunte Feen zu glauben , die ihren Lieblingen schon in der Wiege eine ganz eigne Gewandtheit verleihen , welche sie fähig macht , von allem für sie passenden Wissenswerthen sich wenigstens die schimmernde Oberfläche anzueignen . Ohne tiefer ins Reich der Wissenschaften einzudringen , oder auch nur eindringen zu wollen , umschwärmen diese vor andern Begünstigten auf leichtem Fittig die Blüthen und lassen den Männern gern das mühsame Geschäft , im Schweise ihres Angesichts den Wurzeln nachzugraben . Auch sind sie nicht nur fähig , sich zu freuen , wenn kluge Männer reden , weil sie verstehen wie sie ' s meinen , sondern sie wagen es zuweilen im scherzenden Uebermuth , mit glücklicher Keckheit sich neben diese klugen Männer hinzustellen , und sie durch die ihnen beiwohnende Zauberkraft mitunter selbst ein wenig irre zu machen . Diese geistige Geschmeidigkeit ist aber dennoch für die , welche sie besitzen , beiweitem nicht gefahrlos , und sollte nach meiner jetzigen Ansicht wohl eher in Schranken gehalten , als geübt und bewundert werden . Doch mein Vater war hierin andrer Meinung . Ihm galt anspruchslose , heitre Liebenswürdigkeit zu Hause wie in der Welt für eine der ersten Eigenschaften meines Geschlechts ; er hielt dafür , daß wir , um zu dieser zu gelangen , wohl einer höheren Geistesbildung , aber durchaus keiner Gelehrsamkeit bedürften , die er geneigt war , eher für ein Hindernis anzusehen . Daher belächelte er mit wahrer Lust meine kleinen wissenschaftlichen Scharlatanerien und lies mich gewähren . Während meine geistige Entwickelung auf diese Weise meinen Vater ergözte und beschäftigte , sorgte meine gute trefliche Mutter auf seinen Antrieb dafür , mir durch frühe Gewöhnung die möglichste Unabhängigkeit von allen jenen unbedeutenden Kleinigkeiten zu verschaffen , die so oft den ausgezeichnetsten Frauen quälende Fesseln anlegen . So wie ich heranwuchs , brachte sie durch Lehre und Beispiel mich dahin , daß ich weder des Schneiders , noch der Putzmacherin bedurfte . Selbst die Kammerjungfer und den Friseur lernte ich im Fall der Noth entbehren , und das war damals keine Kleinigkeit . Auf diese Weise glaubte mein Vater , geistig und körperlich am besten für meine Zukunft mich auszustatten , möge diese mich nun in die Welt führen , oder in die Einsamkeit meines Stiftes . Denn schon damals trug ich dieses Ordenskreuz , als Geschenk einer fürstlichen Pathe , bei welcher meine Grosmutter einst Hofdame gewesen war , und es gab meinem Vater keine geringe Beruhigung , mich dadurch gegen die Stürme des Lebens einigermassen gesichert zu wissen . So blühte ich denn allmählig heran , im schönsten Verhältnisse zu meinen Eltern , gleich glücklich in der äussern , wie in meiner mir selbst geschaffnen innern Welt ; denn auch diese fehlte mir nicht . Lesen war damals zwar nicht das unentbehrliche Bedürfnis jedes Alters , jedes Geschlechts und jedes Standes , was es jezt ist . Die Mütter mußten sogar noch zuweilen ihre Töchter ermahnen , endlich einmal ein Buch in die Hand zu nehmen , statt daß sie in unsern jetzigen Tagen über das viele Lesen sich ereifern , und es nicht ganz mit Unrecht einen geschäftigen Müssiggang schelten . Indessen habe ich doch ziemlich früh angefangen , Romane zu lesen . Mein Vater verbot es mir nicht , wie er denn überhaupt vom Verbieten nicht viel hielt , aber er bewachte doch die Wahl meiner Lektüre , und hüthete mich besonders vor den französischen Romanen jener Zeit , deren verderbliche Tendenz , unerachtet seiner Vorliebe für ihre Verfasser , er sich dennoch nicht verbarg . Indessen war es in meiner Jugend weit schwerer als jezt , sich eine unterhaltende Lektüre zu verschaffen . Lesbare , deutsche Romane fanden sich fast eben so selten , als Leihbibliotheken , die man kaum dem Namen nach kannte . Man behalf sich damals aus Noth wie jezt aus Wahl mit Uebersetzungen aus dem Englischen , und ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens , mit welchem ich im Schranke der Mutter einer meiner Gespielinnen eine lange Reihe Bücher entdeckte , die unter dem Titel einer Landbibliothek eine Anzahl solcher übersetzten Romane vereinigte . Hier lernte ich denn unzählige Lords und Ladies , Sirs und Misses kennen , deren Thaten und Leiden mit der , den Romanschreibern jener Nazion noch bis diese Stunde eignen Breite und Weitschweifigkeit uns bis auf die geringsten Details vorgeführt wurden , sogar bis auf die Farbe des Kleides , welches die Heldin oder der Held bei wichtigen Gelegenheiten trugen . Vor allem aber wurden die Hochzeitkleider nicht nur des endlich