Freund von dem jüngern Beamten ein Paket mit beiliegendem Schreiben , aus welchem wir folgende Stelle ausheben : » Mir will scheinen , daß bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte , dessen Befriedigung sie allein glücklich macht , und dies bemerkt man ja schon an verschiedenen Menschen . Der eine , der sein Ohr mit vollen , anmutig geregelten Tönen gefüllt , Geist und Seele dadurch angeregt wünscht , dankt er mir ' s , wenn ich ihm das trefflichste Gemälde vor Augen stelle ? Ein Gemäldefreund will schauen , er wird ablehnen , durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft erregen zu lassen . Wer ist denn so begabt , daß er vielseitig genießen könne ? Sie aber , vorübergehender Freund , sind mir als ein solcher erschienen , und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen französischen Verirrung zu schätzen wußten , so hoffe ich , Sie werden die einfache , treue Rechtlichkeit deutscher Zustände nicht verschmähen und mir verzeihen , wenn ich nach meiner Art und Denkweise , nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde , als wie sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Häuslichkeiten sehen läßt . Lassen Sie sich ' s gefallen und gedenken mein . « Achtes Kapitel Wer ist der Verräter ? » Nein ! nein ! « rief er aus , als er heftig und eilig ins angewiesene Schlafzimmer trat und das Licht niedersetzte ; » nein ! es ist nicht möglich ! Aber wohin soll ich mich wenden ? Das erstemal denk ' ich anders als er , das erstemal empfind ' ich , will ich anders . - O mein Vater ! Könntest du unsichtbar gegenwärtig sein , mich durch und durch schauen , du würdest dich überzeugen , daß ich noch derselbe bin , immer der treue , gehorsame , liebevolle Sohn . - Nein zu sagen ! des Vaters liebstem , lange gehegtem Wunsch zu widerstreben ! wie soll ich ' s offenbaren ? wie soll ich ' s ausdrücken ? Nein , ich kann Julien nicht heiraten . - Indem ich ' s ausspreche , erschrecke ich . Und wie soll ich vor ihn treten , es ihm eröffnen , dem guten , lieben Vater ? Er blickt mich staunend an und schweigt , er schüttelt den Kopf ; der einsichtige , kluge , gelehrte Mann weiß keine Worte zu finden . Weh mir ! - O ich wüßte wohl , wem ich diese Pein , diese Verlegenheit vertraute , wen ich mir zum Fürsprecher ausgriffe ! Aus allen dich , Lucinde ! und dir möcht ' ich zuerst sagen , wie ich dich liebe , wie ich mich dir hingebe , und dich flehentlich bitten : Vertritt mich , und kannst du mich lieben , willst du mein sein , so vertritt uns beide ! « Dieses kurze , herzlich-leidenschaftliche Selbstgespräch aufzuklären , wird es aber viele Worte kosten . Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer Schönheit , den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin , der würdigsten Frau , überließ ; diese leitete die Stunden und Tage des Kindes zum Leben , Lernen und zu allem guten Betragen . Sie starb , und im Augenblicke fühlte der Vater , daß er diese Sorgfalt persönlich nicht weiter fortsetzen könne . Bisher war alles Übereinkunft zwischen den Eltern ; sie arbeiteten auf einen Zweck , beschlossen zusammen für die nächste Zeit , was zu tun sei , und die Mutter verstand alles weislich auszuführen . Doppelt und dreifach war nun die Sorge des Witwers , welcher wohl wußte und täglich vor Augen sah , daß für Söhne der Professoren auf Akademien selbst nur durch ein Wunder eine glückliche Bildung zu hoffen sei . In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund , den Oberamtmann zu R. , mit dem er schon frühere Plane näherer Familienverbindungen durchgesprochen hatte . Dieser wußte zu raten und zu helfen , daß der Sohn in eine der guten Lehranstalten aufgenommen wurde , die in Deutschland blühten und worin für den ganzen Menschen , für Leib , Seele und Geist , möglichst gesorgt ward . Untergebracht war nun der Sohn , der Vater jedoch fand sich gar zu allein : seiner Gattin beraubt , der lieblichen Gegenwart des Knaben entfremdet , den er , ohne selbsteigenes Bemühen , so erwünscht heraufgebildet gesehn . Auch hier kam die Freundschaft des Oberamtmanns zustatten ; die Entfernung ihrer Wohnorte verschwand vor der Neigung , der Lust , sich zu bewegen , sich zu zerstreuen . Hier fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen Familienkreis zwei schöne , verschiedenartig liebenswürdige Töchter heranwachsen ; wo denn beide Väter sich immer mehr und mehr bestärkten in dem Gedanken , in der Aussicht , ihre Häuser dereinst aufs erfreulichste verbunden zu sehn . Sie lebten in einem glücklichen Fürstenlande ; der tüchtige Mann war seiner Stelle lebenslänglich gewiß und ein gewünschter Nachfolger wahrscheinlich . Nun sollte , nach einem verständigen Familien- und Ministerialplan , sich Lucidor zu dem wichtigen Posten des künftigen Schwiegervaters bilden . Dies gelang ihm auch von Stufe zu Stufe . Man versäumte nichts , ihm alle Kenntnisse zu überliefern , alle Fähigkeiten an ihm zu entwickeln , deren der Staat jederzeit bedarf : die Pflege des strengen gerichtlichen Rechts , des läßlichern , wo Klugheit und Gewandtheit dem Ausübenden zur Hand geht ; der Kalkül zum Tagesgebrauch , die höheren Übersichten nicht ausgeschlossen , aber alles unmittelbar am Leben , wie es gewiß und unausbleiblich zu gebrauchen wäre . In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward nun durch Vater und Gönner zur Akademie vorbereitet . Er zeigte das schönste Talent zu allem und verdankte der Natur auch noch das seltene Glück , aus Liebe zum Vater , aus Ehrfurcht für den Freund seine Fähigkeiten gerade dahin lenken zu wollen , wohin man deutete , erst aus Gehorsam , dann aus Überzeugung . Auf eine auswärtige Akademie ward er gesendet