wunderte aber nichts so sehr , als daß die Pariser zwischen diesen Denkmälern so leichtsinnig umherlaufen konnten , haschend nach Tand und leeren Zerstreuungen , nach dem Genuß des Augenblicks . Mein Erstaunen wuchs , als ich sie , in diesen ernsten Tagen der Bedrängnis , scherzen und witzeln hörte . Es tat mir wehe , mein Herz blutete . Persönliche Bekanntschaft veranlaßte meinen Vater , sich mit seinen Untergebenen dem Korps des Marschalls Marmont anzuschließen , mehr noch die Sage , daß der Marschall beauftragt sei , Paris zu decken . Mich hatte er zu der rechtschaffenen Familie gebracht , bei welcher meine Mutter wohnte , als sie mich gebar . Die Wirtin war seitdem verwitwet und lebte mit ihren beiden Töchtern , meines Alters , still und eingezogen . Sie erkannte meinen Vater nach einigen Erläuterungen und konnte sich nicht genug freuen , das kleine Mädchen wiederzusehen , welches sie bei dessen Geburt zuerst auf ihrem Schoße gewiegt . » Sie sind an einem merkwürdigen Tage geboren , liebes Kind « , sagte sie ; » noch immer höre ich den Donner des Geschützes und das Vivatrufen im Augenblick Ihrer Geburt . Wahrlich , so wird keine Prinzessin begrüßt ! Wir andern Weiber schreckten immer zusammen bei dem Lärmen ; und als nun Ihr Vater ins Zimmer stürzte und frei war - ach , du mein Gott ! wir weinten alle wie die Kinder . Aber wir liebten , auch die schöne blasse , unglückliche Frau von ganzem Herzen . Nun , wo ist sie denn , die gute Mutter ? « Uns traten Tränen in die Augen bei dieser zuversichtlichen Frage . Die darauf folgenden Erzählungen dämpften die Freude der ehrlichen Frau gar sehr , und unsre vernarbten Wunden brannten von neuem . Mein Vater empfahl mich der würdigen Matrone zur mütterlichen Aufsicht . » Sorgen Sie nicht « , sagte sie , » sie soll meine dritte Tochter sein und mein Augapfel . Verlassen Sie sich auf mich , und wehren Sie uns nur tapfer den Feind ab . Unser armer Kaiser , Gott segne ihn ! kann sich fast nicht mehr all der Gegner erwehren . Ja , das ist keine Kunst ; viele Hunde sind des Löwen Tod , sagt das Sprüchwort . « So schwatzte sie immerfort , während sie uns in mein Zimmer führte ; es war dasselbe , in welchem meine Mutter mich gebar . Mit unnennbaren Empfindungen warf ich mich auf das Bett , wo ehemals meine arme Mutter so viele Tränen geweint . » Wohl dir « , rief ich aus , » daß du jetzt dem Erdenschmerz entnommen bist ! Was würde dein Herz erleiden , hättest du auch dies noch erlebt ! « Meine gute Wirtin und ihre freundlichen Töchter taten alles mögliche , mich nach der Abreise meines Vaters zu erheitern . Manon schloß sich mit ihrer gewohnten Liebe an mich ; der ehrliche Antoine ging täglich auf die Feldpost , sich nach Briefen für mich zu erkundigen , welche ich auch recht oft erhielt . Der Vater hatte mehreren glücklichen Gefechten beigewohnt und sprach mir viel Mut ein . Die Nachrichten von der Großen Armee lauteten günstig : der Kaiser sah sich wieder stark genug , gegen den Rhein vorzurücken ; man hoffte , daß die Feinde ihm folgen würden und müßten und daß so das Kriegstheater über unsere Grenzen hinaus verlegt werden würde . Eitle menschliche Hoffnung , trügliche Berechnungen des endlichen Verstandes ! im Buche des Schicksals stand es anders geschrieben als in den Operationsplanen eines erfahrenen Kriegsrats . Der Feind rückte , unbekümmert um seinen gefährdeten Rückzug , mit seiner ganzen Macht auf Paris , und der Marschall Marmont mußte auf Verteidigung denken ; er besetzte die feste Stellung von Montmartre . Mein Vater kam bei dieser Gelegenheit noch einmal in die Stadt , mich mit seiner Gegenwart zu erfreuen . In seiner Gesellschaft befand sich ein junger Pole von den Lanziers , jetzt Adjoint des Marschalls , ein junger , schöner Mann voll Feuer und Mut , dem Kaiser von ganzem Herzen ergeben . Die natürliche Leutseligkeit und Zuvorkommenheit meines Vaters machte ihn vorzüglich für Fremde sehr anziehend , welchen er auch seinerseits immer eine besondre Aufmerksamkeit widmete , ein Zug in seinem Charakter , welcher mir immer sehr schätzbar gewesen ist . Er liebte gewiß sein Vaterland und seine Mitbürger mit glühender Seele , wovon sein ganzes Leben und sein Tod unwidersprechliche Beweise gegeben haben . Er war stolz , ein Franzose zu sein , doch war er nicht eitel , es zu sein , er erkannte den Wert eines jeden fremden Volkes und konnte diese vornehme Absonderung durchaus nicht leiden , welche viele für Vaterlandsliebe ausgeben . » Wir sind ja alle Kinder eines Vaters « , pflegte er zu sagen , » und noch immer zeigt dieser gütige Vater , durch seinen gleichverteilten Segen , daß wir ihm , im ganzen , alle gleich wohlgefällig sind . Wir schlagen uns wie unartige Kinder um das Spielgerät , ich hoffe aber , wir werden einst vernünftig genug werden , um uns alle mit Bruderliebe zu umfassen . Freilich , solange die Flegeljahre noch dauern , muß jeder die Partei desjenigen nehmen , mit welchem er eine gemeinschaftliche Mutter hat oder welcher der Schwächere ist oder welcher ihm am meisten recht zu haben scheint ; er muß aber nie vergessen , daß er mit den Gegnern einen gemeinschaftlichen Vater hat , und ist die Fehde vorüber , so eifre jeglicher dem andern nach im Guten und lege nicht durch Maulen oder kindisches Prahlen neuen Grund zum Streit . Ja hätte ich nur ein einziges Stückchen Brot zu geben , ich würde es dem hungernden Fremden , vor allen , reichen ; denn der einheimische Bruder fände eher eine zweite Hülfsquelle als der , welchem des Hauses Gelegenheit ganz unbekannt ist . « So dachte und fühlte mein edler Vater , wenige werden ihm gleichen . Oh , könnte ich sein