Sie hörte ihm am liebsten zu , wenn er redete , und mußte sie bon gré mal gré jemand Anderm ihr Ohr leihen , so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton , und strebte , an dem , was er unterdessen sagte , Theil zu nehmen , so wie sie in allen streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die höchste Instanz zu betrachten und zu ehren schien . Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner Meinung , so geschah es auf eine Art , welche deutlich bewies , daß nur das Verlangen , den Faden des Gesprächs mit ihm weiter fortzuspinnen , aber keine der seinigen entgegengesetzte Ueberzeugung sie dazu vermochte . Alle diese kleinen , oft so charakteristischen Züge , die auf Liebe hinzudeuten pflegen , gossen in Alexanders , durch Eifersucht leicht aufgeregtes , stürmisches Gefühl , eine linde Beruhigung über diesen Punkt , und er gönnte der blassen , verbleichten Auguste , so zuwider sie ihm auch war , den offenbar für sie zu schönen und jugendlichen Verehrer , da ihm dadurch die Sorge , er möchte sich um Erna bewerben , vom Herzen fiel . Die Gräfin , deren lebendig regsamer , Sinn stets , auch bei der angenehmsten Unterhaltung , nach Abwechselung verlangte , foderte Erna auf , Musik zu machen . Ohne sich lange zu weigern , setzte sie sich zum Fortepiano , und bat Linovsky um seine Begleitung mit der Violine . Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte , sie , die mit der herrlichsten Blüthe aller Eigenschaften , welche das Vollkommene bezeichnen , eine Anspruchslosigkeit verband , die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber ihrer Kunst noch erhöhte . Ihre zarten Finger schienen , leicht wie ein Gedanke , über die Tasten hinschwebend , beseelte Sprachwerkzeuge zu seyn . Sie weckte die schlummernden Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit , mit der nur die tiefe Bedeutung verglichen werden konnte , die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu legen wußte . Als sie nun die volle , silberhelle Stimme erhob , sie mit ihrem trefflichen Spiel zu verschmelzen , da enthüllte sich der Umfang ihrer Kunst ganz in der Entwirrung der schwierigsten Passagen , in den überraschendsten Läufern , in den meisterhaftesten Intervallen , so wie die Tiefe ihres Gefühls , der Melodie erst durch die reinste Intonation eine Seele verleihend , im erschütternden Ausdruck gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft , mild besänftigt durch den schmelzenden Erguß sanfter Empfindung , und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges wie ein frommer Gedanke sich aufwärts zu den Sternen erhebend , sich aussprach . Süß berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer höheren Sphäre entquollenen Töne in sich gesogen , und - so seelenvoll auch Linovsky ' s Spiel auf der Violine war - doch nur Erna ' s Laut vernommen , nur ihr auf den Schwingen ihres göttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend , aus welchem das prosaische Applaudissement der Gräfin ihn jetzt rauschend und störend herab zog . Er vermochte es nicht über sich , Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu bezeugen , wie sehr sie ihn gerührt , entzückt und erschüttert habe . Worte dünkten ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der Gefühle zu entweihen , die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig ihn durchbebten . Aber als sie nun aufstand , und - wenn ihn nicht alles täuschte - ihr Blick , gleichsam verschämt und schüchtern ihn , ihn vor Allen , zu suchen schien - als ihr der seinige begegnete , der flammend nur an ihr hing - da - er las es in ihrer lieblichen Verwirrung - da - das wußte er gewiß - konnte kein Zweifel an dem unauslöschlichen Eindruck , den sie auf ihn gemacht hatte , Raum in ihrer Seele finden . Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder , und das tief gesenkte Auge fest auf die Stickerei heftend , mit der sie eben beschäftigt war , gewann sie bald ihre gewöhnliche Unbefangenheit wieder . Die Gesandtin , welche unterdessen von ihren Lieblingsgesängen , den eigentlichen Volksliedern , gesprochen hatte , die oft , nicht nur das innerste Gepräge des Nationalcharakters ausdrückend , sondern auch die ehrwürdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt festhaltend , kunstlos und rührend zum Herzen dringen , weil sie vom Herzen abstammen , bat Erna , einige derselben , die sie auf ihren gemeinschaftlichen Reisen gelernt habe , zu singen , und sie that es ohne alle musikalische Begleitung , nur durch ihre graziöse Mimik unterstützt , welche sie so ganz der kindlichen Eigenthümlichkeit der Gesänge , die sie vortrug , anzupassen wußte . Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied , das sie einst in Frankreich von einer Prozession junger Mädchen gehört hatten , die , ein Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekränzend , es sangen , und das sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprägt hatte . Es bestand blos in diesen vier Zeilen : Doux enfant Jesus ! Donne moi le Saint Esprit , Et toutes les vertus De ta mère Marie , Marie , Marie . Alle hörten bewegt diese Worte an , die durch Erna ' s reine , jetzt sanft gedämpfte Stimme und eine ganz eigene kunstlose , aber die innersten Saiten des Gefühls berührende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen . Die Gesandtin erzählte , daß die Sängerinnen meist nur erst zwölfjährige Kinder gewesen wären , welche mit ihren leichten , fast ätherischen Gestalten , in ihrer südlichen Blässe , mit dem dunklen Haar und Augen , in denen eine schwärmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters gepaart habe , ihr wie eine Schaar Verklärter erschienen wären . Sie habe sich der Thränen nicht enthalten können , und wisse noch selbst nicht , ob der Anblick der weißgekleideten , geisterhaft an ihr vorüberschwebenden Kinder , oder die rührende Weise ihres Liedes