So habe ich dich wieder , du geliebter Sohn , und keine Macht soll dich mir rauben , du bleibst nun an meiner Seite ; wie eine Löwin , die ihre Jungen schützt , so will ich dich mit meinem Blute bewahren ! - Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren , denn gut kann der Mensch gegen jeden sein , aber nur das Blut bindet die Liebe unauflöslich ; so kann dich keine Mutter lieben , wie ich und die heilige Mutter , der ich dich so oft in meinem Gebete empfahl ! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder fürchten , in deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden , ohne Himmel schmachtet . Ich darf dich nicht von mir lassen , du mußt dich blödsinnig anstellen , um vor ihnen sicher zu sein , ihre Gaben sind wie des Teufels Schätze , in der Nacht glänzt es wie Gold , am Tage sind es Kohlen . Was soll ich dir schenken zu der seligen Stunde , bewahre den Ring , bis du eine Jungfrau findest , die dir noch über dies teure , väterliche Andenken geht , verschenke ihn nicht leichtsinnig . « - Berthold betrachtete den Ring und blickte zu Apollonien . Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln , da blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster , da fiel die gute Frau auf ihre Knie nieder und rief inbrünstig : » Ich darf dich wieder sehen , du scheinst in zwei Augen , die ich zu deinem Licht geboren ; ruhig wird jetzt die Trauer meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten ; die Lerchen steigen wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich nicht mehr ungültig an . « Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister , der ernst über ihr stand und er sprach milde : » Der höchste Verstand ist die Güte ; wo mir die noch fehlt , da bin ich ein unverständiger Geselle , diesmal aber meine ich doch etwas zusammengeführt zu haben mit Verstand , dessen sich die höchste Güte nicht zu schämen brauchte . « Während er noch so wohlgefällig sprach , trat der Prior ein und warnte ihn ängstlich , der Bürgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete Bürger umringen . Die Fremde meinte , es wäre wegen der Tochter , aber der Baumeister schüttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte , er habe ihn sehr heftig von einer Frau sprechen hören , welche sich für die Erbtochter eines regierenden Hauses ausgäbe , aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrügerin verfolgt würde . » Ich weiß , was sie wollen « , seufzte die Fremde , » die edlen Steine aus dem Erbe des Vaters , gebt es ihnen , ich besitze Diamanten von reinerem Wasser in den Freudentränen , die ich weine . Laßt sie ein , die neidischen Seelen , sie sollen fühlen , daß sie mir nichts nehmen können , so lange ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte , er ist mein und keine Gewalt trennt mich von ihm . « Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu überzeugen , der Besitz jener Kostbarkeiten könne nur ein Vorwand sein , ihr werde der Sohn von den Unerbittlichen nicht gegönnt , um noch in ihr das Vergehen des unglücklichen Gemahls zu rächen . » Ihr wißt ihn jetzt wohlbewahrt , reichlich versorgt « , sagte er , » Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm , Euer Gelübde ist gelöst , erfüllt die Wünsche meiner Treue , lohnt meinen vieljährigen Dienst ! Was ist Euch der fürstliche Name , dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt Eurer Mutter und wegen der Vermählung mit dem unbekannten Ritter für verlustig achten . Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Straßburg schützen . « - Aber die Fremde hob den Schädel des geliebten Gatten auf und sprach : » Alles könnte ich Euch schenken , und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige , was Ihr verlangt , mein Herz , meine Hand , sie beide sind nicht mein ; von meinem Gatten , von meinem Sohne trennt mich kein Entschluß , nur die Gewalt , die mich dem Leben entreißt , kann mich von ihnen scheiden . Überlaßt mich dem Geschicke meines Himmels . « In diesem Augenblicke stieß der zornige Bürgermeister die Leute der Fremden , die ihn aufhalten wollten , ungeduldig von sich und trat ein , mit dem Ausrufe » Im Namen meines Grafen ! « Aber der Baumeister führte ihm in dem Augenblicke , wo er die Fremde für eine Gefangne erklären wollte , die zitternde Apollonia entgegen . Diese unerklärliche Erscheinung brachte den heftigen Mann außer Fassung ; hätte er Berthold erblickt , so hätte sein Zorn eine Erklärung gefunden , aber die Fremde hielt ihn noch in ihren Armen . » Du hier ? « fragte der Bürgermeister stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten . Nach kurzer Besinnung nahm er sie beim Arm , Berthold wollte sie zurückhalten , aber sie selbst entzog ihm in der Angst die Hand , die er von der Abgewendeten ergriffen hatte . Eine Unbestimmtheit hatte alle ergriffen , die jeden lähmte , und wie Krankheiten im Menschen solche Vorgefühle von Erschöpfung voranschicken , so schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lüften wie eine allgemeine Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken . Ein Sturm erbebte durch die Gassen der Stadt , den die innerlich Erschütterten bis jetzt überhört hatten . Mit steigender Heftigkeit pochten die Luftadern , die fallenden Reihen der Dachsteine , die klirrenden Fenster , das Geschrei der Menschen , die sich in ihren wankenden Holzgebäuden nicht mehr sicher glaubten , wurden jetzt erst hörbar , wo der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers , wo sich alle noch befanden , aufschlug , Stroh