doppeltem Sinne . Wie sehnlich wünschte sie den Gatten weg ; denn die Luftgestalt des Freundes schien ihr Vorwürfe zu machen . Aber das , was Eduarden hätte entfernen sollen , zog ihn nur mehr an . Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar . Sie hatte geweint , und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut verlieren , so gewinnen diejenigen dadurch unendlich , die wir gewöhnlich als stark und gefaßt kennen . Eduard war so liebenswürdig , so freundlich , so dringend ; er bat sie , bei ihr bleiben zu dürfen , er forderte nicht , bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden , er dachte nicht daran , daß er Rechte habe , und löschte zuletzt mutwillig die Kerze aus . In der Lampendämmerung sogleich behauptete die innre Neigung , behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte über das Wirkliche : Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen , Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele , und so verwebten , wundersam genug , sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander . Und doch läßt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben . Sie brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprächen und Scherzen zu , die um desto freier waren als das Herz leider keinen Teil daran nahm . Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte , schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken , die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten ; er schlich sich leise von ihrer Seite , und sie fand sich , seltsam genug , allein , als sie erwachte . Zwölftes Kapitel Als die Gesellschaft zum Frühstück wieder zusammenkam , hätte ein aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen können . Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern Behagen , das ein Paar Liebende empfinden , die sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten , dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschämt und reuig dem Hauptmann und Ottilien entgegentraten . Denn so ist die Liebe beschaffen , daß sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden . Ottilie war kindlich heiter , nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen . Ernst erschien der Hauptmann ; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen , indem dieser alles in ihm aufregte , was einige Zeit geruht und geschlafen hatte , nur zu fühlbar geworden , daß er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfülle und im Grunde bloß in einem halbtätigen Müßiggang hinschlendere . Kaum hatten sich die beiden Gäste entfernt , als schon wieder neuer Besuch eintraf , Charlotten willkommen , die aus sich selbst herauszugehen , sich zu zerstreuen wünschte ; Eduarden ungelegen , der eine doppelte Neigung fühlte , sich mit Ottilien zu beschäftigen ; Ottilien gleichfalls unerwünscht , die mit ihrer auf morgen früh so nötigen Abschrift noch nicht fertig war . Und so eilte sie auch , als die Fremden sich spät entfernten , sogleich auf ihr Zimmer . Es war Abend geworden . Eduard , Charlotte und der Hauptmann , welche die Fremden , ehe sie sich in den Wagen setzten , eine Strecke zu Fuß begleitet hatten , wurden einig , noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen . Ein Kahn war angekommen , den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne verschrieben hatte . Man wollte versuchen , ob er sich leicht bewegen und lenken lasse . Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten Eichbäumen angebunden , auf die man schon bei künftigen Anlagen gerechnet hatte . Hier sollte ein Landungsplatz angebracht , unter den Bäumen ein architektonischer Ruhesitz aufgeführt werden , wonach diejenigen , die über den See fahren , zu steuern hätten . » Wo wird man denn nun drüben die Landung am besten anlegen ? « fragte Eduard . » Ich sollte denken , bei meinen Platanen . « » Sie stehen ein wenig zu weit rechts , « sagte der Hauptmann . » Landet man weiter unten , so ist man dem Schlosse näher ; doch muß man es überlegen . « Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder ergriffen . Charlotte stieg ein , Eduard gleichfalls und faßte das andre Ruder ; aber als er eben im Abstoßen begriffen war , gedachte er Ottiliens , gedachte , daß ihn diese Wasserfahrt verspäten , wer weiß erst wann zurückführen würde . Er entschloß sich kurz und gut , sprang wieder ans Land , reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte , sich flüchtig entschuldigend , nach Hause . Dort vernahm er , Ottilie habe sich eingeschlossen , sie schreibe . Bei dem angenehmen Gefühle , daß sie für ihn etwas tue , empfand er das lebhafteste Mißbehagen , sie nicht gegenwärtig zu sehen . Seine Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke . Er ging in dem großen Saale auf und ab , versuchte allerlei , und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln . Sie wünschte er zu sehen , allein zu sehen , ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zurückkäme . Es ward Nacht , die Kerzen wurden angezündet . Endlich trat sie herein , glänzend von Liebenswürdigkeit . Das Gefühl , etwas für den Freund getan zu haben , hatte ihr ganzes Wesen über sich selbst gehoben . Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch . » Wollen wir kollationieren ? « sagte sie lächelnd . Eduard wußte nicht , was er erwidern sollte . Er sah sie an , er besah die Abschrift . Die ersten Blätter waren mit der größten Sorgfalt , mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben , dann schienen sich die Züge zu verändern , leichter und freier zu werden ; aber wie erstaunt war er , als er die letzten Seiten mit den Augen überlief ! » Um Gottes willen ! « rief er aus , » was