zwanzigster Brief Eduard an Amanda Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters , und habe zum erstenmal einen Busen voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht . Hier war ich als Knabe - glücklich ohne es zu wissen , eine heitre Welt stand vor meinem Blick , mein Leben war Genuß und Thätigkeit . Hier war ich oft als Jüngling , mit Wunsch und Gefühl . Oefters weinte ich da an einem schönen Abend oder Morgen , Thränen , deren Quelle ich nicht kannte . Ach ! es waren schon damals Thränen der Sehnsucht , die ich Dir weinte , obwol ich Dich nicht kannte , einzige Amanda ! warum sah ich Dich damals nicht , warum verband uns nicht Ein Himmel , Eine Flur ? - Und als ich Dich endlich fand , als mich die Liebe mit Dir vereinigte , wie war es möglich , Dich wieder zu verlassen ? - Ich habe viel darüber nachgedacht , was mich ans Leben hält , und was überhaupt den Menschen so ans Leben fesselt , und ich weiß es , ich habe es gefunden , es ist die Liebe , einzig sie allein . Wenn ich aufhöre zu lieben , so höre ich auch gewiß auf zu leben . Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande , die alle menschliche Gesellschaft zusammen halten , und wenn ich mich in schwarzen Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke , so schaudert mir , und ich ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe . - Ich bin jung , und habe wenig Leiden erprüft , aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude gefühlt . Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprüfte Lagen bis zur Wirklichkeit hinein . Ehe ich Dich kannte , fühlte ich öfters unbeschreibliches Verlangen , banges Gefühl von Alleinsein . Die Natur war damals meine Geliebte . Wie oft bin ich auf die Knie gesunken , den Busen voll Sturm , das Auge voll Thränen , und habe die Blumen geküßt und die Erde ! - Dann schwärmte ich rastlos umher , und ich brauche Dir nicht zu sagen , daß es kein gemeiner Taumel , kein gewöhnlicher Durst nach Vergnügen war . Eine Art von Verzweiflung jagte mich , und bei allem Reichthum meiner Gefühle , dünkte ich mich arm . Da führte mein Genius Dich zu mir - und alles , was ich je empfunden , wiederholte sich schöner bei Dir . Der Sehnsucht Thräne , der Wehmuth Seligkeit , die tiefe Ehrfurcht , das stumme Entzücken , - das alles gab ich nun Dir , und Du warst reicher als die Natur , Du nahmst und gabst . - O ! Einklang der Seelen ! Mittheilung ohne Worte ! O ! selige , selige , selige Zeit ! - Gleich einer glücklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor . Die Liebe leitete uns auf geheimnißvollem Weg dahin ; aber wir mußten sie verlassen , unser Weg hat weiter keinen Zusammenhang mit ihr , und einsam und getrennt treibt der Strom den öden Nachen hinab . - Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen , wo Du , leuchtendes Gestirn ! mir fehlst ? - Ach ! ich bin so kleinmüthig ! und das macht die Entfernung allein , die Entbehrung , die mich alles Sinnes und Muthes beraubt ! - Die Welt weicht von mir zurück . Leiser , und immer leiser verhallen in dem weiten All die Töne der Liebe , der Freude , unvermerkt löset sich ein Band nach dem andern , und an dem großen Accord menschlicher Wünsche und Freuden schließt sich der Ton meines Herzens nicht mehr an . Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz , und gräbt die Wunde doch tiefer . Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin , worinnen ich Dich so oft gesehn . Ach ! daß ich die Träume , die die Sehnsucht Deinem Auge entlockt , wenn Du einsam in die nächtliche Gegend blickst , nicht von Deinen Wangen küssen kann ! daß ich nicht mehr gegenwärtig bin , um die Musik Deiner Rede zu vernehmen , wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen , daß ich oft selbst das Hören darüber vergaß ! - Kann der todte Buchstabe mir ersetzen , was einst so lebensvoll , so göttlich vor mir stand ? - Nein ! meine Empfindung gleicht der Empfindung eines Greises , der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurückblickt . Alles Glück liegt hinter ihm , und vor ihm , eine stille , leere , dunkle Gegend . Ein Plätzchen habe ich hier gefunden , heimlich zwischen Bergen und Gesträuch , dem Garten ähnlich , wo einst Engel zu mir herabstiegen . Hier will ich mir eine kleine Kapelle bauen , einfach , prunklos und mit weichem Boden , daß man leise geht , wie der verstohlne Tritt der Liebe . Ueber dem Altar hängt Dein Bild ; auf ihm liegt alles , was ich je in seligen Stunden von Bändern , Blumen und Briefen von Dir erhielt . Vier Säulen sind darinnen , der Phantasie , Erinnerung , Hoffnung und Liebe geweiht , und jede trägt das Gemälde einer Sonne aus der kurzen Blüthenzeit meines Glücks . Zuweilen muß ich auch einen Menschen mit mir dahin führen , um dort zu beten , denn welcher Genuß ist ungetheilt ? - Aber behutsam , sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl , und wol manches Jahr wird hingehen , daß keiner in den Tempel meiner Allgegenwärtigen tritt . Und wenn auch einer der Erste seines Jahrhunderts wäre , so müßte er dennoch geliebt , glücklich geliebt haben , wenn er mich begleiten dürfte . Aber große Menschen werden nicht ohne Liebe ; sie allein bringt uns den Vollkommnen näher . - Wäre nur meine Kapelle schon fertig , daß ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe