irren , oder die Vorliebe , die du zu gewissen Zeiten für sein System in dir findest , und die Leichtigkeit , womit du in einer andern Stimmung darüber scherzen und lachen könntest , entspringt aus einer und eben derselben Quelle ; nur daß sie in jenem Fall reiner und geistiger , in diesem etwas dicker und milchartiger fließt . Es gibt , wie du weißt , angenehme und sogar wohlthätige Täuschungen ; aber es ist immer gut , in allen menschlichen Dingen ( unter welche ich auch die meteorischen und göttlichen rechne ) klar zu sehen ; zu wissen , wann , wo , und wie wir getäuscht werden , und auf keine Art von Täuschung mehr Werth zu legen als billig ist . Die Stimmung , in welcher die Platonischen Mysterien so viel Reiz für dich haben , und worin das , was sie uns offenbaren , dir wirklich das Innerste der Natur aufzuschließen scheint , ist ( mit deiner Erlaubniß ) nur dem Grade nach von derjenigen verschieden , worin der tragische Pentheus zwei Sonnen und zwei Theben , oder seine Mutter Agave35 das abgeriss ' ne Haupt ihres Sohnes für den Kopf eines jungen Löwen ansieht . Die Phantasie ist immer eine unsichere Führerin , aber nie gefährlicher , als wenn sie sich die Larve der Vernunft umbindet und aus Principien irre redet . Doch was sage ich von Gefahr ? Für dich , lieber Speusipp , können diese sublimen Träume nichts Gefährliches haben , wenigstens so lang ' es nur ein lustiges Gastmahl oder einen Kuß der Lasthenia bedarf , um dich aus den überhimmlischen Räumen in deine angeborne Höhle herabzuzaubern . Um so weniger hätte ich mir also ein Bedenken darüber zu machen , wenn mich die Lust ankäme , das zierliche Gebäude von Spinneweben , worein du deine geliebten Ideen gegen allen Angriff geborgen zu haben glaubst , mit einem einzigen Hauch umzublasen ? - Doch nein ! wenn ich auch aus dieser scherzenden Drohung Ernst zu machen vermöchte , wer wollte einem Freund ein harmloses Spielzeug mit Gewalt aus den Händen drehen ? Alles was ich mir erlauben kann , ist , dir meine Weise über diese Dinge zu denken darzulegen , und es dann deinem eigenen Urtheil zu überlassen , ob du Ursache finden wirst , mich von der Beschuldigung einer allzugemächlichen Gleichgültigkeit im Forschen nach Wahrheit loszusprechen . Ist es nicht sonderbar , daß wir vom Nichts entweder gar nicht reden müssen , oder uns so auszudrücken genöthigt sind als ob es Etwas wäre ? Freilich sollten wir , da dem Worte Nichts weder eine Sache noch eine Vorstellung entsprechen kann , gar kein solches Wort in der Sprache haben . Was ist Nicht-Seyn ? Ein Unding , ein hölzernes Eisen , eine unmögliche Verbindung zwischen Nein und Ja , kurz etwas sich selbst Aufhebendes . Was ist , ist , und da es nie Nichts seyn konnte , so liegen in dem Begriff des Seyns alle Arten von Seyn : gewesen seyn , itzt seyn , künftig seyn , immer seyn , nothwendig enthalten . Mit der dilemmatischen Formel , » Seyn oder Nicht-Seyn « ist gar nichts gesagt ; hier findet kein » oder « statt ; Seyn ist das Erste und Letzte alles Fühlbaren und Denkbaren . Indem ich Seyn sage , spreche ich eben dadurch ein Unendliches aus , das alles was ist , war , seyn wird und seyn kann , in sich begreift . Indem ich also mich selbst und die meinem Bewußtseyn sich aufdringenden Dinge um mich her , denke , ist die Frage nicht : woher sind wir ? oder warum wir ? - sondern das Einzige was sich fragen läßt und was uns kümmern soll , ist was sind wir ? Und ich antworte : wir sind zwar einzelne aber keine isolirten Dinge ; zwar selbstständig genug , um weder Schatten noch Widerscheine , aber nicht genug , um etwas anders als Gliedmaßen ( wenn ich so sagen kann ) oder Ausstrahlungen ( wenn du es lieber so nennen willst ) des unendlichen Eins zu seyn , welches ist , und alles , was da ist , war , und seyn wird , in sich trägt . Da all unser Denken im Grund entweder auf Anschauen oder bloßes Rechnen mit Zeichen hinausläuft , das Unendliche aber sich weder überschauen noch ausrechnen läßt , so bleibt mir , wenn ich mir das wie meines Daseyns im Unendlichen einigermaßen klar zu machen wünsche , kein anderes Mittel als mir an dem dürftigen Begriff genügen zu lassen , den ich durch Bilder und Vergleichungen erhalten kann ; z.B. mit einem Baum oder einem gegliederten Körper , der aus einer unendlichen Menge von Theilen zusammengesetzt ist , von welchen jedes seine eigene Art und Weise , Gestalt , Bildung und Einrichtung hat , aber sich doch nur dadurch in seinem Daseyn erhalten und gedeihen kann , daß es mit dem Ganzen in engester Verbindung steht , und von dem aus demselben und durch dasselbe strömenden und durch alle Theile sich ergießenden Leben seinen Antheil empfängt . Jedes Blatt eines Baums ist in dieser Rücksicht zugleich ein kleines Ganzes und Theil eines größern , des Zweiges , so wie dieser einem Ast , der Ast ( an Stärke und Fülle der Zweige und Blätter oft selbst ein Baum ) dem Hauptstamm einverleibt ist . Wenn mir diese von materiellen Dingen erborgte Vergleichungen kein Genüge thun wollen , stelle ich mir das unendliche Ist ( welches durch das geheimnißvolle Ei im Tempel zu Delphi36 bezeichnet zu seyn scheint ) unter dem Bilde der Seele , und alles was durch und in ihm ist , wie die Gedanken vor , welche , wiewohl durch die Kraft der Seele erzeugt und gleichsam aus ihr hervor strahlend , doch weder außer ihr seyn , noch als Bestandtheile von ihr betrachtet werden können . Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken das große Geheimniß der Natur zu symbolisiren