wegen seines Vermögens nicht ohne Grund gewesen waren . Sein Capital stand , wenn man die Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden Möglichkeiten in Betracht zog , keineswegs sicher auf dem Gute , und die vor ihm eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnißmäßig höhere Zinsen , als der Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen für angemessen fand . Auch sah der Freiherr wohl , daß Renatus die Farbe wechselte , als er das betreffende Schriftstück unterzeichnete , indeß der Vater behandelte nur die Mündigkeits-Erklärung des Sohnes als ein ernstes Ereigniß , an das er mit aller Würde und Feierlichkeit heranging . Er umarmte den Sohn , nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann , einen Mann von wahrer Ehre und seinen Freund , und gab dann auf die Regelung der Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht . Er erklärte sie für eine bloße Form , da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein könne , meinte dann , daß Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines mütterlichen Erbtheiles trete , wo er es in dem Grunde und Boden des Familiengutes anlege ; und als dann im Laufe des Nachmittages der militärische Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf , war von den abgethanen Geschäften natürlich keine Rede mehr . Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht , es seinen militärischen Gästen , es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des Landes , in seinem Schlosse an irgend etwas fehlen zu lassen , was zu bieten er im Stande war , und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf , daß der Empfang seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache . Er hatte sonst es nicht leicht gewagt , dem Freiherrn gegenüber Verlangnisse zu äußern und Vorschläge zu thun ; aber er war nun großjährig gesprochen , er hatte auch sein ganzes , persönliches Vermögen hergegeben , seinem Vater eine Erleichterung zu bereiten , und man konnte es doch in der That nicht wissen , ob es nicht das letzte Mal sei , daß er im Vaterhause weile . Er hatte nie gefühlt , was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe . Jetzt erwachte sie in ihm . Er wollte froh sein , er wollte genießen und Andere mitgenießen lassen , was er besaß . Er blieb in beständiger Bewegung und Aufregung , erhielt alle Andern in derselben , und noch niemals hatte er seinem Vater so wohlgefallen , noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt , daß sein Sohn ihm doch sehr ähnlich sei . Er gab jetzt allen Wünschen desselben unbedingte Folge . Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt , die Säle , die Zimmer , die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt , wie in den Tagen , deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wußte . Wo die jetzt beschränkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte , half die militärische Bedienung der Einquartierten aus , die man für die wenigen Stunden , in denen man ihrer bedurfte , in die Livréen des Hauses steckte ; es waren deren noch mehrere von früher her vorhanden . Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schloßthorseite an das Fenster treten , ohne daß es ihm durch das Herz schnitt , wenn die Allee , die prächtige Allee , ihm fehlte , wenn er so weit hinaus die große Fläche übersehen konnte . Sie kam ihm wie ein Schlachtfeld vor , es schwebten traurige Schatten , Unheil verkündende Geister über ihr . Aber Niemand von seinen Kameraden vermißte die alten Bäume , es vermißte auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufsätze und Pracht-Geräthschaften , die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert und den großen alten Schenktisch geschmückt hatten . Es waren während des Krieges viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten Zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den großen Städten in verhältnißmäßige Sicherheit zu bringen gesucht . Renatus fragte nicht darum , er nahm ohne Weiteres das Letztere an . Man ritt , man jagte in den schönen Revieren der Herrschaft , Alles wurde besehen , Alles bewundert : der Ahnensaal im Schlosse und die Kirche in Rothenfeld und die prächtige Familiengruft , in welcher die Baronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre Ruhestätte gefunden hatte . Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden , ohne daß Renatus zur Besinnung kam . Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren nicht . Vittoria schien auch neu belebt zu sein , die Anwesenheit so vieler Männer , der Eindruck , den sie auf dieselben machte , die Bewunderung , welche sie durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte , zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten . Renatus konnte es nicht über sich gewinnen , noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und die seltene Zufriedenheit zu stören , die ihn umgab . Es ward von Hildegard gar nicht mehr gesprochen . Nur mit Mühe fand er die Muße , seiner Braut zu schreiben oder ihrer in Ruhe zu gedenken . Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der ganzen Umgegend zusammengebeten . Man tanzte noch einmal , und man spielte . Spät , als die Dunkelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Knospen des Frühlings ausgebreitet lag , flammte oben auf der Margarethen-Höhe ein Feuerwerk empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glänzte in farbigem Licht das Wort : » Victoria . « Es war eine Ueberraschung , mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirthen den Dank für ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte ; denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach , so huldigte es auch der schönen Schloßherrin , und es kam dabei nicht in Betracht , daß der Freundschaftstempel sehr verfallen war , daß man alte Geräthschaften und Reisig in dem Raume aufbewahrte