gebrauchen wollten , ohne je eine Sehne darüberziehen zu können . - » Warum ging ich denn nicht auch unter wie jene , die ich achtete ? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Übermaßes und überzog die Klarheit ? « Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm : ein flammender Wagen rollte auf einem seitwärts vom Prinzengarten ablaufenden Wege davon ; langsam rückte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den Blumenbühler Berg hinan . » Den langsamen Wagen kenn ' ich , wer ist der schnelle ? « fragte Albano den Lektor . » Herr von Cesara hat uns verlassen « , versetzt ' er . Albano schwieg , aber er empfand den letzten Schmerz , den ihm der Ritter geben wollte . Er bat den Lektor sehr , ihn allein den Weg nach Blumenbühl gehen zu lassen , weil er lauter Umwege nehme . Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater-Herzens ohne Brust besuchen . Als er durch die lärmvolle Vorstadt ging , sah ihn ein alter Mann lange starr an , floh plötzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau , die ihm begegnete , zu : » Der Alte geht um ! « Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fürsten gewesen , war blind und vor kurzem wieder heil geworden ; darum sah er den ähnlichen Sohn für den Vater an . - In der Stadt war die gewöhnliche Volksfreude über Wechsel laut . In einem Hause war ein Kinderball , in einem andern eine Treppe von Sprichwörterspielern ; indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede Bühne verschloß . Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musensöhne heraus . Im Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden . Einige Leute hört ' er im Vorbeigehen sagen : » Wer hätte sich das träumen lassen ? « - » Ganz natürlich , « ( versetzte der andere ) » ich mauerte damals auch mit an der fürstlichen Gruft und sah Ihn wie dich . « In der Bergstadt waren am Trauer-Schloß alle Fensterreihen hell beleuchtet , als geb ' es ein froheres Fest . Im Hause des Ministers waren alle finster , oben unter den Statuen des Dachs schlich ein einziges Lichtchen umher . » Nein , « ( dachte Albano ) » ich brauche nicht nachzusinnen , warum sank ich nicht auch mit unter . O genug , genug fiel von mir in die Gräber - Ich muß mich doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen ; - wie Taucher schwimmen die Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker . « Draußen sah er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbühler Wege stehen , die ihm einst bei der Begleitung des Kahlkopfs begegnete ; sie schauete starr hinauf dem erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte , Träume zu denken und die Zukunft , als sie der Wirklichkeit zuschauete . Überall lagen in seiner Bahn die zuckenden Spinnenfüße , welche der erdrückten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren . Durch einen Flor sah er das Leben liegen , wiewohl es kein schwarzer , sondern ein grüner war . Sehnsüchtig kam er im Tartarus , aber schaudernd vor ihm , weil ihm die Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog , auf dem herrnhutischen Gottesacker an , wo in einem Garten ohne Blumen , den eingesunkne , eingeschlafne Trauerbirken umstanden , der weiße Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift schimmerte : » Nimm mein letztes Opfer , Allgütiger ! « Vor dem in eine Brust von Stein geschlossenen Herzen , das sich mit nichts regte , nicht mit einem Stäubchen , tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fühlte , daß er seine Eltern würde geliebt haben , und schwur sich , ihnen zu gefallen , wenn ihre hohen Augen sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten . Er drückte den kalten Stein wie eine Brust an sich ; und ging mit sanften Schritten weg , als ginge der Greis neben ihm in seiner eignen , ihm so ähnlichen Gestalt . Er sah auf von seinem Wege zum Berge , wo ihn der Vater abends am Pfingst- und Abendmahlstage gefunden , wie zu einem Tabor der Vergangenheit ; und im Gange durch das Birkenwäldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221 , wo einst zwei Stimmen , seine Eltern , seinen Namen ausgesprochen hatten . So von der heiligen Vergangenheit eingeweiht , kam er in seinem Kindheits-Dörfchen an und sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfüllt , obwohl jene zu traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gäste . 146 . Zykel Albano fand in der Verklärung , worin der Himmel ihm nur der Vergrößerungsspiegel einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vater-und Mutterland heiliger Eltern , in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus , worein er trat , festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere geläutert oder nur nachgespielt auf einer Bühne . Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz . Sie wichen eilig zurück , Julienne flog die Treppe herab und küßte den Bruder zum erstenmal öffentlich , in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh . Als sie ihn losließ , fing aus der Nacht im Kirchturm das Geläute als Zeichen an , daß der tote Bruder in die Kirche einziehe ; da stürzte sie wieder auf Albano zurück und weinte unendlich . Sie ging mit ihm hinauf , ohne zu sagen , wen er droben neben dem Pflegevater finde . Eine alte Flötenuhr , deren mühsames Spiel von jeher seltenen Gästen dargeboten wurde , quoll ihm , als er die Türe öffnete , mit den Nachklängen der Kindertage entgegen . Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts herabgehenden Schleier , welche mit seinem Pflegevater sprach , wandte sich um nach ihm , da er eintrat . Es war Idoine , aber der alte Zauberschein fuhr wieder