zu richten für gut finden . Fragen Sie mich ohne Scheu ! « » Wenn ich das thue , « sprach Herr Beil nach einigem Zögern , » so ist es nicht Neugierde , die mich treibt ; doch möchte ich erfahren , ob die Mutter des Knaben seinen Aufenthalt weiß , ob es ihr erlaubt ist , ihn zu sehen . « » Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen , - meine Schwester verheiratete sich , sie machte , was die Welt eine glänzende Partie nennt ; doch lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hängt ihr ganzes Herz an dem Knaben . « » Und wie habe ich mich zu benehmen , wenn sie einen Versuch machen wollte , das Kind zu sehen ? - Sie sagten mir selbst , man forsche demselben von andern Seiten nach . « » Ganz recht , daß Sie daran denken ; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und das Kind zu sehen verlangen , so fragen Sie , ob sie schon länger in hiesiger Stadt sei ; gibt man Ihnen zur Antwort , sie komme soeben von einer Reise nach England zurück , so können Sie ihr das Kind getrost in die Arme führen . « » Doch nun ist es Zeit , daß ich mich entferne , « sagte der Baron nach einer Pause , indem er sich erhob - » meine Pferde schaudern , der Morgen dämmert auf , kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen ; ich habe Sie einen wilden Traum durchträumen lassen ; ich führte Sie auch über öde Haiden und selbst ein wenig am Rabenstein vorüber . - Adieu , mein Freund , denken Sie , daß ich ganz der Ihrige bin . Gebieten Sie über mich : soll ich etwas für Sie erlangen in der niedrigsten Hütte oder am Throne des Königs , ich werde es thun . - Leben Sie wohl ! Sobald es mir möglich ist , suche ich Sie wieder auf . Sollten Sie etwas dringendes für mich haben , so wissen Sie ja meine Wohnung . « - Hierauf drückte er dem Herrn Beil herzlich die Hand , verließ das Zimmer und gleich darauf das Haus . Dieser trat an ' s Fenster und blickte dem Baron lange nach , wie er leicht und gewandt über die Straße dahin schritt und bald um die nächste Ecke verschwunden war . Ja , der Morgen dämmerte auf , ein trüber , kalter Wintermorgen ; am Himmel jagte der Wind graue Wolken , welche , über die Stadt hinwegfliehend , zuweilen einzelne Schneeflocken hernieder flattern ließen . Die Windfahnen drehten sich kreischend , zwischen den entfernteren Häusern lag ein feiner frostiger Duft , und an einem Brunnen , der sich gerade dem Hause gegenüber befand , hatten sich seit einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet . Draußen war es unbehaglich , aber im Zimmer strömte der Ofen eine angenehme Wärme aus . Herr Beil löschte die Kerze aus , die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr widerstehen und brannte mit dunkelrother Gluth . Nachher fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und es war ihm zu Muth , als habe er wirklich einen wilden Traum geträumt oder als habe er während der Nacht ein seltsames Buch gelesen , eine Räubergeschichte , wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt . Er versank in tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh , als bald darauf eine helle Kinderstimme an sein Ohr schlug , die laut und lustig rief : » Onkel Beil , ich bin erwacht und möchte gern aufstehen ! « Fünfundsechzigstes Kapitel . Ein gefährliches Papier . Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten ledernen Lehnstuhl , den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifuß zu nennen pflegte . Es war ein ehrwürdiges Möbel , das er , von jeher ein geordneter Mann , sich schon auf der Universität angeschafft hatte , und von dem sich zu trennen ihm unmöglich war . Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch , mit einem Leder überzogen , dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war , und glänzte an verschiedenen Stellen wie polirt . Ach ! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die alten Arme geöffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz ; wie viele Gedanken hatten , hier ruhend , schon des Doktors Kopf durchzogen . Bei gewöhnlichen Veranlassungen brauchte er ihn selten , aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte , sei es über einen schwierigen Krankheitsfall , sei es über irgend eine Familienangelegenheit , so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen . Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln müssen ; als sein Besitzer einstens krank und wieder auf dem Wege der Besserung war , stand er so , daß die ersten Strahlen der Morgensonne über ihn und den Genesenden hinspielten ; auch in dem Schlafzimmer war er früher häufig , der Doctor hatte ihn gleich zu Anfang seiner Ehe neben das Bett seiner Frau gerollt , und das waren damals seine seligsten Augenblicke gewesen , wenn er aus Geschäften oder von Gesellschaften spät heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte . Ja , damals hatte der Stuhl eine große Rolle gespielt : auf ihm hatte der glückliche Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt , auf ihm hatte die junge schöne Mutter zum ersten Mal nach jener verhängnißvollen Zeit ausgeruht , und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrückt . Aber auch die kleinen Leiden seines Besitzers , die nachher so groß , ja endlich unheilbar werden sollten , waren auf eben diesem Stuhle überdacht worden , und es war , als ob das alte Möbel in der That eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn ausübte : denn wenn dieser sich auch in der größten Erregung darauf niedergelassen hatte , so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken , er wurde nachgiebiger , auch trauriger , wie das