, sondern daß du dich habest enthalten können , ihn bei einer so guten Gelegenheit nicht mit noch schärferm Salze zu reiben . Er habe sich nicht wenig gefreut , sagte er , viele seiner eigenen Gedanken über dieses sonderbare Werk in deinen Briefen bestätiget zu finden , und wenn er etwas an den letztern tadeln möchte , wär ' es bloß , daß du hier und da eher zu viel als zu wenig Gutes davon gesagt habest ; zumal von der Schreibart , welche , seiner Meinung nach , nichts weniger als rein Attisch , geschweige musterhaft schön genennt zu werden verdiene ; da sie nicht selten von allzugesuchter Zierlichkeit und geschwätziger Schönrednerei , noch öfter von Heraklitischer Dunkelheit und von Metaphern , die an einem jungen Nachahmer des Pindar und Aeschylus kaum erträglich wären , entstellt werde , und bald bis zur plattesten Gemeinheit herabsinke , bald wieder in die Wolken steige , um sich in dithyrambischen Schwulst und Bombast zu verlieren . Doch behauptet er , daß seine Fehler meistens nur von allzu großem Reichthum an Gedanken und einer zu üppig in Ranken , Blätter und Blumen aufschießenden Phantasie herrühren , und durch große und erhabene Schönheiten reichlich vergütet werden . Aber woher kommt es , frage ich , daß ein Leser , der Xenophons Anabasis oder Cyropädie nicht eher aus der Hand legen kann , bis er nichts mehr zu lesen findet , über Platons Politeia mehr als einmal einschläft , oder doch vor Gähnen und Ermüdung nicht weiter fort kann ? Mir wenigstens , nachdem deine Briefe mich zu dem heroischen Entschluß gebracht haben , dieses Meer von Anfang bis zu Ende durchzurudern , ist es unmöglich gewesen anders als nach fünf- oder sechsmaligem Absetzen und gewaltsamen neuen Anläufen damit zu Rande zu kommen . Plato hatte so viel von deiner Beurtheilung des Werks worauf er seine Unsterblichkeit vornehmlich zu gründen scheint , reden oder vielmehr flüstern gehört , daß er ( wie mir Speusippus sagt ) endlich neugierig ward , sie selbst zu sehen . Er durchblätterte das Buch , und sagte , indem er es zurückgab : » es ist wie ich mir ' s gedacht hatte . « - Wie so ? fragte einer von den Anwesenden . - Er lobt ( versetzte Plato ) wovon er meint er könnt ' es allenfalls selbst gemacht haben , und tadelt was er nicht versteht . Eine kurze und vornehme Abfertigung , flüsterte jemand seinem Nachbar zu ; aber eine laute Gegenrede erlaubte der ehrfurchtgebietende Blick des Göttlichen nicht , und so ließ man den unbeliebigen Gegenstand fallen , und sprach - von dem Thesmophoros des alten Dionysius von Syrakus , dem die Athener an dem letzten Bacchusfeste , aus Höflichkeit , Staatsklugheit oder Laune , den tragischen Siegeskranz zuerkannt haben . Daß er ihn verdient haben könnte , mußte diesen Tyrannenfeinden ein von aller Wahrscheinlichkeit gänzlich entfernter Gedanke scheinen , weil auch nicht Einer darauf verfiel . Bei dieser Gelegenheit erzählte jemand für gewiß : Dionysius habe die Schreibtafel des Aeschylus ich weiß nicht um wie viel Tausend Drachmen an sich gebracht , in Hoffnung ( setzte der platte Witzling hinzu ) es werde so viel von dem Geiste des Fürsten der Tragiker darin zurückgeblieben seyn , daß er nichts als dessen Schreibtafel nöthig habe , um Aeschylus der Zweite zu werden . Er mag sich dessen um so getroster schmeicheln , sagte Plato , da ihm so feine Kenner des Schönen , als die Athener sind - oder seyn wollen , eine Urkunde darüber zugefertigt haben . - In diesem Ton und in diesem Geiste müssen vermuthlich alle Handlungen dieses in seiner Art gewiß großen Mannes ausgelegt worden seyn , oder es wäre unmöglich , daß eine bereits dreißigjährige glückliche und in so vielen wesentlichen Stücken musterhafte Staatsverwaltung ihm nicht einen bessern Ruf unter den Griechen erworben hätte . Ich habe vor kurzem von Kleonidas und Antipater Briefe erhalten , die mir sehr angenehme Nachrichten von meinem Lysanias und von eurer fortdauernden Zufriedenheit mit ihm ertheilen . Er selbst fühlt sich so glücklich in eurer Mitte , und verspricht sich so viel Gutes von seinem Aufenthalt in dem gastfreundlichen Hause meines Aristipps , daß ich kein so gefälliger Vater seyn müßte als ich bin , wenn ich ihm seine Bitte um Verlängerung desselben nicht mit Vergnügen zugestände , insofern er sich nicht zu viel schmeichelt , da er deine Begünstigung seiner Wünsche für etwas Ausgemachtes hält . 10. Speusippus an Aristipp . Unsre Freundschaft , lieber Aristipp , ist , gleich edlem Wein , alt genug um Stärke zu haben , und wir kennen beide einander zu gut , als daß du mir zutrauen solltest , ich könnte die scharfe Censur , die du in deinen Anti-Platonischen Briefen an Eurybates über den neuesten Dialog meines Oheims ergehen lassen , von einer schiefen Seite angesehen und beurtheilt haben . Ich habe dir nie zu verheimlichen gesucht , daß mich weniger eine natürliche Uebereinstimmung meiner Sinnesart mit der seinigen , oder Ueberzeugung von der Wahrheit seiner spekulativen Philosophie , als das enge Familienverhältniß , worin ich mit ihm stehe , zum Platoniker gemacht hat . Er hat sich daran gewöhnt , den künftigen Erben seiner Verlassenschaft auch als den Erben seiner Philosophie zu betrachten , und ich kann es nicht über mein Herz gewinnen , ihm einen Wahn zu rauben , an welchem das seinige Wohlgefallen und Beruhigung zu finden scheint . Wenn du ihn aus einem so langen und nahen Umgang kenntest wie ich , würdest du ihn , denke ich , in mehr als Einer Rücksicht , des Opfers würdig halten , welches ich ihm durch diese kleine Heuchelei bringen muß . Im Grunde kann ich mir ihrentwegen keinen Vorwurf machen , und dieß nicht bloß um der Bewegursache willen , sondern weil wirklich die Augenblicke ziemlich häufig bei mir sind , wo ich mich versucht fühle , oder mir wohl gar in vollem Ernst einbilde , das wirklich zu seyn ,