vor meinem Vater zu stehen und von ihm Rathschläge und Wünsche für meine Zukunft aussprechen zu hören , die keine Bedeutung mehr für mich haben . Es drückt mich eben so , daß ich nicht den Muth besitze , meiner Liebe und meiner Braut gerecht zu werden , indem ich meinem Vater sage , daß ich bereits gewählt und mich gebunden habe . Aber kann ich meinem Vater , den ich sehr gealtert finde und sehr gebeugt sehe , unter den obwaltenden Umständen ein Zugeständniß abfordern , das er mir , wie ich jetzt weiß , nur widerstrebend geben würde ? Meine Ergebenheit für meinen Vater , mein Ehrgefühl , ja , selbst meine Liebe für Hildegard sträuben sich dagegen . Sie ist kein Mädchen , das einer Familie aufgedrungen werden darf , und doch liegt mir Alles daran , sie auch von meinem Vater als meine künftige Gattin anerkannt zu wissen . Ich ziehe in das Feld , und da ich jetzt in den Besitz meines mütterlichen Vermögens treten soll , möchte ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe verfügen , denn Hildegard wird keinem anderen Manne angehören , wenn ich sterbe . Darauf kenne ich ihr Herz . Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage , mit keiner Bemerkung unterbrochen , da Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehörte , denen man zu Hülfe kommen muß , damit sie sich überwinden und erschließen . Er war vielmehr , wo er vertraute , zu überströmender Mittheilung geneigt , wurde sich in derselben gegenständlich , rührte und tröstete sich nach eigenem Bedürfen , sobald er nur erst dahin gekommen war , sich auszusprechen , und der Caplan hatte also keine große Mühe , den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen , wennschon er es nicht für angemessen fand , ihn über denselben sofort aufzuklären . Er hatte niemals den Grundsatz , daß der Zweck die Mittel heilige , zu dem seinigen gemacht , aber er war , wie so Mancher , unter dessen Augen sich viele Lebensschicksale abgewickelt haben , zu der Ansicht gelangt , daß in dem Dasein der Menschen , wie in der Natur überhaupt , das Geringere dem Stärkeren dienen müsse . Da er ohne persönliche Wünsche und also ohne persönliche Hoffnungen war , hatte er , weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann , ohne in seiner Thätigkeit zu erlahmen , das Wohlergehen und Gedeihen des Arten ' schen Geschlechtes und der von demselben gegründeten katholischen Gemeinde zu seiner Herzenssache gemacht , und beharrlich wie die Kirche , der er angehörte , suchte er in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzuführen , was der Vater begonnen hatte und was durch die Noth des Tages beeinträchtigt und gefährdet ward . Jedes Wort , das Renatus zu ihm gesprochen , hatte den scharfblickenden Geistlichen davon überzeugt , daß der junge Freiherr , stolz auf den Rang , den sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte , augenblicklich mehr mit der Sorge um dessen würdiges Fortbestehen , als mit seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt , und daß von einer eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte Braut , für Hildegard , bei Renatus nicht die Rede war . Aber der Caplan hütete sich , ihm dieses bemerklich zu machen . Er wollte ein mild erwärmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des Widerspruches zu einer Flamme anfachen , die man nicht leicht wieder dämpfen und erdrücken konnte , wenn man dies zu thun etwa nöthig finden sollte . Der Caplan war es im Gegentheile nach den schweren Erfahrungen , welche das von Leidenschaften stürmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen lassen , sehr wohl zufrieden , daß Renatus sein unschuldiges Herz einem edeln jungen Mädchen zugewendet hatte , dessen Bild ihn begleiten , und ihn vor den Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte . Aber daß Renatus sich mit einem armen Mädchen verheirathete , lag eben so außerhalb seiner als außerhalb des Freiherrn Ansichten . Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitteln , welche der Freiherr seiner Zeit für den Pfarrer seiner katholischen Kirche bestimmt , den Sakristan und die vier Chorschüler unterhalten ; denn es war , da der Freiherr sich nach dem Tode der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte , nicht zu der Feststellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke gekommen , und auch die Hoffnung , daß man in den Chorschülern sich brauchbare Handwerker und eine katholische Gemeinde erziehen werde , hatte sich nicht verwirklicht . Weil man für die Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man , wenn einmal ein solcher vorhanden war , bei ihm auf die Weigerung stieß , einen Katholiken in sein Haus aufzunehmen , war man stets genöthigt , die Chorschüler , sobald sie herangewachsen waren , in die Lehre nach der Stadt zu schicken , und die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter Meisterschaft mehr ihrem Vortheile angemessen , ihr Gewerbe in den großen Städten , als auf den Gütern des Freiherrn zu betreiben , auf denen obenein die Abneigung und das Mißtrauen der protestantischen Bevölkerung ihnen hindernd entgegentraten . Man mußte also immer auf ' s Neue katholische Knaben heranzuziehen suchen , und wenn es an und für sich auch ein gutes Werk war , diesen eine wohlgeleitete Erziehung zu geben , so ward das Unternehmen , weil es in sich nicht fortwirkte , sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies , doch kostspieliger , als man erwartet hatte , und der Freiherr hatte schon bei seiner Rückkehr aus Italien alle Theilnahme dafür verloren . Er hatte es kein Hehl , daß er den Kirchenbau bereute , er kam auch selten in die Kirche , obschon Vittoria oft zur Messe fuhr , und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Sänger zu sprechen kam , fragte er nicht , wie sie