aus und verließ sein Zimmer . Vor Biancas Thür blieb er einige Augenblicke stehen und horchte . Es war still darin ; seufzend , eine gute Nacht mit sehnsüchtiger Lippe lispelnd , schritt der Graf die Treppe hinunter , schloß die Hausthüre auf und sah sich dem finstern Halbbruder gegenüber . - Zwischen Beiden ward kein Wort gewechselt . Sie begrüßten sich nur mit Blicken , in denen Jeder die Gedanken des Andern zu lesen suchte . Martell war eben so bleich , wie Adrian , Hände und Arme zitterten ihm merklich . Neben einander fortschreitend schlugen sie den Weg nach der Fabrik ein . Sie gingen sehr langsam , um den Arbeitern nicht zu begegnen , die sich im Hofe versammelten und daselbst so lange warteten , bis die Fabrikglocke das Ende der Arbeitszeit verkündigte . Mit dem Schlage zwölf standen sie unter dem ehemaligen Burgthore , über dessen gothischer Wölbung das verwitterte Wappen der Boberstein mit seinen Emblemen und seiner colossalen Grafenkrone , wie sich unsere Leser erinnern werden , noch sichtbar war . » Zur Seite ! « sagte Martell , das erste Wort , welches die feindlichen Brüder mit einander wechselten , und deutete nach einer tiefen Mauerblende , die wohl in früherer Zeit als Wachthaus benutzt worden sein mochte . Diese Blende lag im Schatten und war geräumig genug , um zwei bis drei Personen fassen und verbergen zu können . Die Brüder traten in die Vertiefung und ließen hier , den Blicken Aller entzogen , die Schaar der abgelösten Arbeiter schweigend an sich vorüberwandeln . Erst als es wieder still geworden war , verließen sie ihr Versteck und betraten den fünfeckigen großen Hof der Fabrik . Zwei pechschwarze Rauchwolken stiegen fast senkrecht aus den beiden thurmhohen Schornsteinen , neigten sich aber durch einen seltsamen Zufall , welchen der Luftzug in den obern Regionen der Atmosphäre herbeiführen mochte , so gegen einander , daß sie ein colossales Kreuz bildeten , welches tief schwarz und unbeweglich gerade über dem Hofe stand und sich scharf gegen den glänzenden Nachthimmel abzeichnete . Adrian bemerkte dieses Kreuz zuerst , blieb stehen und machte seinen Begleiter darauf aufmerksam . Gleichgiltig betrachtete es Martell , sein fest verschlossener Mund verzog sich zu einem matten Lächeln , er zuckte die Achseln und ging nach der Fabrikthüre , die zu seinem Saale führte . Auf diesem Wege mußten sie an Blutrüssels Kerker vorüber und Beiden schien es , als belustige sich der Gefangene damit , daß er in einem gewissen Tacte Schläge gegen die Mauer führte . Sie beachteten indeß dieses Geräusch durchaus nicht , da sie mit sich selbst viel zu beschäftigt waren . An der Treppe blieb Martell stehen und lud Adrian durch eine Handbewegung ein , ihm voranzuschreiten . Stirnrunzelnd und einen scharfen mißtrauischen Blick auf den Halbbruder werfend , gab er dem Verlangen seines ehemaligen Spinners nach . In diesem Augenblicke schritten noch drei Männer durch ' s Thor auf den Hof . Diese waren Aurel , Gilbert und Vollbrecht . » Wo können die seltsamen Menschen hingegangen sein ? « sagte der Kapitän . » Ich sehe Niemand . « » Ohne Zweifel in den Saal der Spinner , deren Arbeiter nach strenger Weisung des Herrn Grafen in dieser Nacht Urlaub erhalten haben , « erwiederte Vollbrecht . » Aber das ist ja unbegreiflich räthselhaft ! « » So lassen Sie uns eilen , damit wir es enträthseln ! « Drei Minuten später erstiegen die drei Freunde dieselbe Treppe , die so eben erst unter den Fußtritten Martells und Adrians geseufzt hatte . Sechstes Kapitel . Das Duell . Wir haben schon erwähnt , daß die Nacht sternhell und still war . Die halbvolle Mondsichel goß ihr silbernes Licht in blendender Fülle über die schlummernde Gegend und spiegelte sich in den zahllosen Fensterscheiben der Fabrik . Zögernd betrat Adrian von Martell gefolgt den Spinnsaal . Bei dem Anblick der jetzt ruhenden Maschinen mit ihren tausend Rädern und Zangen , mit den unheimlichen Hebeln , Stangen und Bügeln , mit den gezahnten Wellen , die sich in Manneshöhe kreuzten und verbanden , und auf deren polirtem Stahl jetzt der Mond seine bleichen Flammen spielen ließ , überlief den Herrn am Stein ein kalter Schauer . Noch niemals hatten seine Maschinen einen so gewaltigen , so grauenhaften Eindruck auf ihn gemacht . Er dünkte sich in einen Gerichtssaal versetzt , um von unsichtbaren Geschworenen einstimmig und erbarmungslos verdammt zu werden , und schaudernd mußte er des wüsten Traumes gedenken , der ihn am Morgen vor der Einbringung seiner verbrecherischen Söldlinge gefoltert hatte . Ja , das war derselbe Saal , in dem er sich damals unter körperlosen Arbeitern qualvoll wandeln sah ! So schwarzblau , kalt und eisern glänzte in jener Traumnacht über ihm der Himmel , so hell und blendend und ohne Wärme schien der Mond in die weiten Räume . Genau so lange düstre ölige Flammen lohten aus den gläsernen Lampenhüllen und verbreiteten einen widerlichen stinkenden Dunst im öden menschenleeren Saale ! - Adrian blieb wie verzaubert an der Thür stehen und richtete seine fragenden Blicke auf Martell . Dieser lächelte , winkte dem Halbbruder und schritt nun mit ihm den breiten Gang entlang , welcher den Saal in zwei gleiche Hälften schied , bis etwa in dessen Mitte . Hier befanden sich hart neben einander die beiden Spindelfluchten , an denen Martell und Simson gearbeitet hatten , von deren Kämmen dem kleinen Hans der Fuß abgerissen worden war und wo Adrian Maja ' s Tochter als Leiche dem jammernden Vater zum Neujahrsgeschenk aufbewahrt hatte . Man hörte das Surren der Maschinen aus den übrigen Sälen , in denen gearbeitet wurde , das Sausen und Zischen des Dampfes und empfand das schütternde Dröhnen des ganzen Gebäudes , im Uebrigen aber unterbrach kein Laut die mitternächtliche Stille . » Wir sind zu Stelle , « sagte Martell . » Hier ist der Ort , wo Sie mir Genugthuung geben werden , Herr am Stein . « Adrian verneigte sich