Vergangenen in der Seele auszulöschen . Natürlicherweise gehen dadurch alle Vortheile verloren , welche sie aus der Erinnerung der ausgestandenen Strafen oder der genoss ' nen Seligkeit , und aus dem Bewußtseyn dessen , womit sie das eine oder das andere in ihrem vormaligen Leben verdient hatten , zum Behuf des neuangehenden hätten ziehen können . Das Uebel würde zwar , wie er zu verstehen gibt , nicht so groß seyn , wenn sie ( was nur bei Wenigen der Fall zu seyn scheint ) weise genug wären , nicht über ein gewisses Maß zu trinken : aber da die meisten viel Durst zu haben scheinen , und daher nicht leicht das rechte Maß treffen , würde es nicht billig und freundlich gewesen seyn , ihnen das Wasser der Vergessenheit in einem Becher zu reichen , der gerade nicht mehr und nicht weniger gehalten hätte als ihnen zuträglich war ? So schlecht durch diese Dichtung die Weisheit und Güte des obersten Weltregierers gerechtfertiget ist , so wenig scheint sie uns auch über die Freiheit der Seele , insofern sie neben der Nothwendigkeit bestehen kann , ins Klare zu setzen . Die Seelen wählen zwar die Bedingungen , unter welchen sie ihr neues Erdenleben antreten wollen , nach Belieben ; aber diese Freiheit ist den meisten mehr nachtheilig als vortheilhaft , und scheint mehr ein Fallstrick als eine Wohlthat zu seyn . Der Armenier sah z.B. wie eine Seele ( und es war sogar eine aus dem Himmel wiederkehrende ) mit unbegreiflicher Hastigkeit nach einer Tyrannie griff , auf welche , wenn sie sich nur ein wenig Zeit genommen hätte sie recht anzusehen , ihre Wahl unmöglich hätte fallen können . Dieser Fall muß sehr oft vorkommen , da es den Seelen , wie es scheint , theils an genugsamer Bedenkzeit , theils an Einsicht und Unterscheidungskraft fehlt ; überdieß gesteht der Dichter selbst , daß sehr viel dabei auf den Zufall ankomme , und daß die letzten wenig oder keine Wahl mehr haben . Aber auch ohne dieß können sie ihrem Schicksal nicht entgehen . Denn sobald sie das , was sie in ihrem neuen Leben seyn wollen , gewählt haben , gibt Lachesis jeder einen Dämon zu , der dafür zu sorgen hat , daß alles , was zu ihrem erwählten Loose gehört , pünktlich in Erfüllung gehe . So wird z.B. die Seele , welche sich , von der glänzenden Außenseite verblendet , die Tyrannie gewählt hatte , erst da es zu spät ist gewahr , daß sie ihre eigenen Kinder fressen , und eine Menge anderer ungeheurer Frevelthaten begehen werde ; sie heult und jammert nun ganz erbärmlich , aber vergebens ; ihre Wahl ist unwiederruflich , und der Dämon , unter dessen Leitung sie steht , wird nicht ermangeln , alle Umstände so zu ordnen und zu verknüpfen , daß die Kinder gefressen und die Uebelthaten begangen werden , wie groß auch der Abscheu ist , wovon sie sich itzt gegen die Erfüllung ihres Looses durchdrungen fühlt . Alle übrigen Feierlichkeiten , welche vorgehen , indem die Seelen von Lachesis zu Klotho , von Klotho zu Atropos , und sodann , unter dem Thron der Anangke vorbei , nach dem Lethäischen Gefilde abgeführt werden , können keinen andern Sinn haben , als die unvermeidliche Nothwendigkeit anzudeuten , die über ihnen waltet . Der Profet hat gut sagen , die Tugend sey herrenlos , d.i. frei und unabhängig ; was kann das den armen Seelen frommen , die das Schicksal in Lagen versetzt , worin es ihnen äußerst schwer , wo nicht gar unmöglich gemacht wird , zu diesem von Wahn und Leidenschaft unabhängigen Zustand zu gelangen , der die Bedingung der Tugend ist ? Plato hätte also den vermuthlichen Hauptzweck des Mährchens von dem , was der Armenier Er in der Geisterwelt gesehen , so ziemlich verfehlt ; und , da überdieß seine Bilder , der Erfindung und Darstellung nach , meistens so beschaffen sind , daß keine gesunde Einbildungskraft sie ihm nachmalen kann : so gestehe ich , wenn jemals darüber gestimmt werden sollte , ob die Ilias und Odyssee seinen poetischen Dialogen in den Schulen Platz zu machen habe , so werde ich mit meiner Stimme die Mehrheit schwerlich auf seine Seite ziehen . Nach dieser langen Reise , die wir machen mußten , um unserm dichterischen Mystagogen durch die verworrenen und immer wieder in sich selbst zurückkehrenden Windungen seines dialektischen Labyrinths zu folgen , ist wohl , sobald wir wieder zu Athem gekommen sind , nichts natürlicher als uns selbst zu fragen : was für einen Zweck konnte der Mann durch dieses wunderbare Werk erreichen wollen ? Für wen und zu welchem Ende hat er es uns aufgestellt ? War seine Absicht , das wahre Wesen der Gerechtigkeit aufzusuchen und durch die Vergleichung mit demselben die falschen Begriffe von Recht und Unrecht , die im gemeinen Leben ohne nähere Prüfung für ächt angenommen und ausgegeben werden , der Ungültigkeit und Verwerflichkeit zu überweisen : wozu diese an sich selbst schon zu weitläufige und zum Ueberfluß noch mit so vielen heterogenen Verzierungen und Angebäuden überladene Republik , deren geringster Fehler ist , daß sie unter menschlichen Menschen nie realisirt werden kann ? Oder war sein Zweck , uns die Idee einer vollkommenen Republik darzustellen ; warum läßt er sein Werk mangelhaft und unvollendet , um unsre Aufmerksamkeit alle Augenblicke auf Nebendinge zu heften , und uns stundenlang mit Aufgaben zu beschäftigen , die nur an sehr schwachen Fäden mit der Hauptsache zusammenhangen ? Arbeitete er für denkende Köpfe und war es ihm darum zu thun , die Materie von der Gerechtigkeit gründlicher als jemals vor ihm geschehen war , zu untersuchen , wozu so viele Allegorien , Sinnbilder und Mährchen ? Schrieb er für den großen leselustigen Haufen , wozu so viele spitzfindig tiefsinnige , räthselhafte , und wofern sie ja einen Sinn haben , nur den Epopten seiner philosophischen Mysterien verständliche Stellen ? Soll ich dir sagen , Eurybates , wie ich mir