Schicksal wohl fertig werden können ; aber was sollte er beginnen , nun er sich gebunden hatte ? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen , wenn sein Vermögen ihm verloren ging ? - Alle jene Bedenken , welche er eben an dem Tage vor seiner Verlobung gegen dieselbe gehegt hatte , stiegen jetzt in erhöhtem Maße vor ihm auf , und das Herzeleid Vittoria ' s , die Täuschung , in welcher sein Vater von ihr gehalten ward , das ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln Hintergrunde , auf welchem er sich und seinen Zustand wie in einem Spiegelbilde betrachten konnte . Aber er sah sich in demselben nicht mehr als den sorglosen und glücklichen Jüngling , als welchen er sich bisher betrachtet hatte . Seine Jugend lag mit Einem Male weit hinter ihm , sein Glück zerrann wie Nebel vor seinem Auge . Er war ein Mann geworden , von welchem um der Selbsterhaltung , um der Ehre seines Hauses willen ein schweres Opfer gefordert ward . Er trat plötzlich in die vordere Reihe seines Geschlechtes , er übernahm dessen Sorgen , Lasten und Pflichten , da die Schultern seines Vaters müde geworden waren ; und nicht sein persönliches Wünschen , die Ehre seines Hauses mußte jetzt sein erstes und sein höchstes Ziel sein . Er trug ein großes Verlangen , den Caplan allein zu sehen , sein Herz im Gespräche mit dem treuen Freunde zu befreien , aber er konnte an dem Tage nicht dazu kommen . Der Freiherr hielt ihn beständig in seiner Nähe . Er sah auch Vittoria nicht anders , als in Gegenwart der Andern , und wie überall , wo es tiefe Mißstände in einer Familie gibt , war man es seit lange gewohnt , sich in der Unterhaltung an der Außenseite der Dinge zu halten . Es war von dem Vorhaben des Freiherrn in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede , indeß man gedachte desselben nur als einer ehrenvollen Anerkennung , die der Freiherr dem Sohne zu gewähren für gut befand , und dieser ward dadurch genöthigt , des bevorstehenden Ereignisses ebenfalls nur mit Heiterkeit zu erwähnen . Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so fröhlich , daß die Schatten von des Freiherrn Stirn davor verschwanden , wie draußen die Wolken vor des Frühlings ersten , mächtigen Sonnenstrahlen . Renatus wußte nicht , ob er sie bewundern und beklagen , ob er sie verachten und hassen solle . Sie erschien ihm wie ein unheimliches Räthsel ; eben deßhalb nahm sie jedoch seine Phantasie gefangen , und während ihre eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn übte , betrachtete er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung , wenn er sich sagte , daß der Freiherr ihn zum Schützer dieser Frau ersehen , und daß er einzustehen habe für des Knaben Zukunft , der ihr in seiner Schönheit und in seiner fremdartigen Anmuth so völlig ähnlich war , daß eben diese Aehnlichkeit des älteren Bruders Herz bestrickte . Er mußte es sich immer wiederholen , daß er im Vaterhause sei , so verändert fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht über die Seinigen und seine Stellung zu ihnen verwandelt . Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner Zukunft gelangen . Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeußersten zum andern , bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides , die wohlthätige Ermüdung , ihn in ihre Arme nahm und der Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste und das Unvereinbarste zusammenführte . Drittes Capitel Früh , ehe der Freiherr noch aufgestanden war , ritt Renatus nach Rothenfeld hinüber , um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rath zu holen . Er fand ihn mit seinem Gehülfen , der inzwischen auch nicht jünger geworden war , bei der Morgensuppe sitzen , denn der Caplan war der Ersten einer gewesen , welcher bei der Theuerung der Colonialwaaren sich bereit erwiesen hatte , auf ihren Gebrauch zu verzichten , obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe gewöhnt gewesen und bei seiner großen Mäßigkeit eigentlich auf denselben als auf ein ihm nothwendiges Reizmittel angewiesen war . Wie Renatus ihn in dem hellen Sonnenlichte vor sich sah , bemerkte er , daß seine Schläfen tief eingesunken waren . Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein , und man hatte in der Pfarrwohnung , obschon der älteste Diener und treueste Freund der Arten ' schen Familie sie bewohnte , die Verwüstungen , welche die Einquartierten während der ersten Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten , kaum auf das Nothdürftigste hergestellt . Die Fensterläden waren erneut , aber immer noch nicht angestrichen , die Wände noch eben so verräuchert , als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen , der Kachelofen hatte zwar die nöthigen Ersatzsteine erhalten , aber sie paßten nicht zu demselben . Es war Alles in Verfall gerathen ; nur die Blumentöpfe des Greises blühten wohlgepflegt am Fenster , und sein Antlitz sah noch eben so edel und so zufrieden aus , als in den Tagen , in welchen die vorsorgliche Freundschaft der Baronin Angelika in Schloß Richten allen seinen Bedürfnissen schon im voraus begegnet war . Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand , erzählte er ihm , was vor seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war . Er verhehlte ihm nichts , weder die Stimmung , in welcher er sich befunden , als er sich seiner Neigung für seine Jugendgespielin bewußt geworden war , noch die Zweifel , die ihn nachdem befallen hatten ; auch nicht die Umstände , unter denen er sich Hildegard angelobt , ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung erhalten hatte . Er berichtete darauf , was am gestrigen Tage zwischen ihm und seinem Vater verhandelt worden war , und sagte dann : Nie in meinem Leben habe ich mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden . Es drückt mich , mit einem solchen Geheimnisse