welcher jedes Stück seit soviel Jahren an selbem Platze unverrückt gestanden , in eine fremde ärmliche Wohnung ziehen , über welchem mühseligen und verwirrten Geschäft sie fast den Kopf verlor . Den Rest des Verkaufswertes legte sie aber nicht etwa wieder an , um aufs neue zu sparen und das Unmögliche möglich zu machen , sondern sie legte ihn gleichgültig hin und nahm davon das wenige , was sie brauchte , aber ohne zu rechnen . Übrigens bemühten sich jetzt die Leute um sie , halfen ihr , wo sie konnten , und verrichteten ihr alle Dienste , welche sie sonst anderen so bereitwillig geleistet . Sie ließ es geschehen und kümmerte sich nichts darum , sondern brütete unverwandt über dem Zweifel , ob sie unrecht getan , alles an die Ausbildung und gemächliche Selbstbestimmung ihres Sohnes zu setzen , und dies Brüten wurde einzig unterbrochen von der zehrenden Sehnsucht , das Kind nur ein einziges Mal noch zu sehen . Sie setzte zuletzt eine bestimmte Hoffnung auf den Frühling , und als dieser verging und der Sommer anbrach , ohne daß er kam , starb sie . Auf Heinrichs Frage , ob sie ihn angeklagt , verneinten das die Nachbarsleute , sondern sie habe ihn immer verteidigt , wenn jemand auf sein Verhalten angespielt ; jedoch habe sie dabei geweint , und auf eine Weise , daß ihre Tränen unwillkürlichen Vorwurfs genug schienen gegen den verschollenen Sohn . Dies verhehlten ihm die guten Leute nicht , weil sie ein wenig Bitterkeit ihm für zuträglich hielten und dachten , es könne ihm , da er nun in gutem Gedeihen begriffen sei , nicht schaden , etwas gekränkt zu werden , damit der Ernst um so länger vorhalte und er nun ein gründlich guter Bürgersmann werde . So war nun der schöne Spiegel , welcher sein Volk widerspiegeln wollte , zerschlagen und der einzelne , welcher an der Mehrheit mitwachsen wollte , gebrochen . Denn da er die unmittelbare Lebensquelle , welche ihn mit seinem Volke verband , vernichtet , so hatte er kein Recht und keine Ehre , unter diesem Volke mitwirken zu wollen , nach dem Worte Wer die Welt will verbessern helfen , kehre erst vor seiner Tür . Ungeachtet des Widerspruches seiner Gastfreunde suchte er die Wohnung noch auf , in welcher die Mutter gestorben , ließ sich dieselbe übergeben und brachte die Nacht darin zu , im Dunkeln sitzend . Wenn ihr bloßer , durch ihn verschuldeter Tod sein äußeres Leben und Wirken , auf das er nun alle Hoffnung gesetzt hatte , fortan unmöglich machte , so brach in dieser Nacht die Tatsache sein innerstes Leben , daß sie endlich mußte geglaubt haben , ihn als keinen guten Sohn zu durchschauen , und es fielen ihm ungerufen jene furchtbaren Worte ein , welche Manfred von einem durch ihn vernichteten blutsverwandten weiblichen Wesen spricht : » Nicht meine Hand , mein Herz , das brach das ihre , Es welkte , mich durchschauend . « Es war ihm , als ob alle Mütter der Erde ihn durchschauten , alle glücklichen ihn verachteten und alle unglücklichen ihn haßten als auch zur Rotte Korah gehörig . Da nun aber in Wirklichkeit nichts an ihm zu durchschauen war als das lauterste und reinste Wasser eines ehrlichen Wollens , wie er jetzt war , so erschien ihm dies Leben wie eine abscheuliche , tückische Hintergehung , wie eine niederträchtige und tödliche Narretei und Vexation , und er brauchte alle Mühen seiner ringenden Vernunft , um diese Vorstellung zu unterdrücken und der guten Meinung der Welt ihr Recht zu geben . Als das enge Gemach sich mit dem Morgengrauen ein wenig erhellte , sah er den alten bekannten Hausrat , der einst die bequemeren Räume erfüllt , unordentlich und ängstlich zusammengehäuft ; er wagte nicht , einen Schrank zu öffnen , und tat endlich nur einen altmodischen Koffer auf , der da zunächst stand . Er enthielt die alten Trachten von den Vorfahrinnen seiner Mutter , wie sie die Frauen gern aufzubewahren pflegen . Großblumige oder gestreifte seidene Röcke und Jäckchen , rote Schuhe mit hohen Absätzen , silbergewirkte Bänder , Häubchen , mächtige weiße Halstücher mit reichen Stickereien , Fächer , bemalt mit Schäferspielen , Fischern und Vogelstellern , und eine Menge zerquetschter künstlicher Blumen , alles das lag vergilbt und zerknittert durcheinander und war doch mit einer gewissen unverwüstlichen Frische anzufühlen , da die weibliche Schonung und Sparsamkeit in der Aufregung diese Festkleider und Putzsachen wohl erhalten und so alt werden ließ . In früheren Jahren , da sie noch eine jüngere Witwe war , hatte sich die Mutter alle Jahr einmal das bescheidene Vergnügen gemacht , an fröhlichen Festtagen die Tracht ihrer Großmutter anzulegen und sich darin etwa zu einem kleinen Abendschmaus zu setzen , und der kleine Heinrich hatte sie alsdann höchlich bewundert und nicht genugsam betrachten können . Er drückte den Deckel wieder zu und ging durch die Stadt , um hier und da altbefreundete Leute zu begrüßen ; man sah ihn groß an , erwies ihm aber Ehre , und es hieß schon überall , er habe ein großes Glück in der Fremde gemacht . Dann begab er sich aufs Land , um seine Vettern und Basen zu sehen , die zerstreut waren . Alle hatten die Stuben voll Kinder , die einen waren wohlhabend , die anderen schienen bedrängt und klagten sehr ; doch alle waren gleichmäßig beschäftigt und belastet mit ihren Zuständen und schienen sich selbst nicht viel umeinander zu kümmern . Die Frauen waren schon verblüht , rasch und gesalzen in ihrem Tun und Sprechen und die Männer abwechselnd gleichmütig und einsilbig oder jähzornig . Sie schienen Heinrich zu beneiden , daß er nun alles noch vor sich habe , was sie schon durchgelebt zum Teil , und das einzige , worin sie ein herzliches Einverständnis mit ihn fanden , war die Klage um die Verstorbenen . Heinrich trieb sich eine Zeitlang bei ihnen umher und gab sich meistens mit ihren Kinder