» Ich bin simpel Legationsrath , « lächelte Wandel . - » Sie sind ein geborner Geheimer . Ja , wenn Sie das wüssten , Sie müssten aber noch mehr wissen . « Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studirende Gesicht des Kaufmanns beobachtet , und glaubte darauf gelesen zu haben , was ihm Ruhe gab . Der Mann war innerlich bewegt . Plötzlich griff er nach seiner Hand , oder vielmehr nach dem untern Arm , es ist aber möglich , daß der treuherzige Freundesdruck auch der Wucht des Stockes galt , den er mit dem Arme schüttelte und sehr schwer fand . Mit einer Stimme , dem Widerhall eines vollen Herzens , sprach er : » Herr van Asten , Sie drückt etwas . Ich bedaure , daß es mir nicht gelungen , Ihr volles Vertrauen zu erwerben . Könnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschütten , schon das würde Sie erleichtern . Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer , und Auswege und Mittel , die dem selbst Bedrängten entgehen . Mein Gott , sollte der drohende Krieg - aber ich schweige - « Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann : » Geheimes will ich Ihnen gar nichts sagen , aber was die ganze Börse erfahren hat , das können Sie auch wissen . Wir hatten für 10,000 Thaler Weine aus Bordeaux bestellt - « » Wir ? - Ah , das ist das kleine Kompagnongeschäft mit Seiner Excellenz . Sie exportirten dafür Holz und Bretter von Seiner Excellenz Gütern . « - » Wissen Sie das auch ? - Schadet nichts . « - » Das Schiff muß jetzt in Stettin angekommen sein . « - » Ist ! - Mit Weinen , delikaten Weinen - volle Ladung zum Werth von 100,000 Thalern unter Brüdern . « - » Hundertausend ! Eine volle Null zu viel . « - » Da liegt es , das Geheime , mein Herr Legationsrath . Nur eine einzige Null zu viel bei der Bestellung . Der Casus ist klar - ein Schreibfehler . Wer ihn beging ist gleichgültig . Der Zufall kann einen Artillerielteutenant auf den Kaiserthron bringen , und der Zufall ein großes Reich stürzen , warum nicht auch ein großes Handlungshaus . « - » Es beweist nur , welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben muß . « - » Es beweist , daß Einem auch der Kredit den Hals zuschnüren kann . « - » Ich begreife Ihre Lage , die Waare ist für den Augenblick nicht abzusetzen , sie übersteigt weit den momentanen Bedarf . Alles schränkt sich ein . Indeß wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen . Ihre Freunde werden sich zeigen . « - » Haben sich schon gezeigt . « - » Sie werden Ihnen beispringen . « - » Sind schon gesprungen . Kommen lauter kleine Wechselchen zurück : Werden noch mehr kommen . « - » Excellenz der Minister - « » Pst ! Excellenz sind ja kein Kaufmann , lassen mich nicht vor . Verdenk ' s ihnen auch nicht , sind ja nicht in die Gilde eingeschrieben . Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance mitmachen . Alles kordial , mündlich . Setzten ein großes Vertrauen in mich , was ich sehr ästimire . Wenn wir den Profit gemacht , war ' s ja beim alten van Asten , ob er die Hälfte auszahlen wollte . Verklagt hätte er mich nimmer . « - » Aber er setzte den Werth seiner Hölzer auf ' s Spiel . « - » Wird kein Narr gewesen sein ! Auf Höhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauerstraße intabuliren lassen . Jedes Kind sieht nun ein , daß ich mit Excellenz nicht die Schuld eines Schreibfehlers halbiren kann , und Excellenz haben zwar einen vortrefflichen Magen , aber die Hälfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus . « Eine Pause trat ein . Der Legationsrath blickte mit verschränkten Armen vor sich nieder : » Ihre Lage ist traurig , aber nur wer sich selbst aufgiebt , ist verloren . Die Weine unter dem Steuerverschluß , gleichviel ob hier oder in Stettin , sind ein todtes Kapital , welches das größte Haus ruiniren könnte . Wäre Ihr Medoc nicht ein Kapital , das zwei- , dreihundert Prozent eintrüge , wenn Sie es an einer Nordküste lagern hätten , wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft hat ? Wird die Schifffahrt geschlossen , sind Sie wieder ein Krösus . « » Alle Zeichen deuten , daß wir Krieg anfangen . « » Alle Zeichen sind trügerisch , wo kein Wille ist . Noch schwankt die Wage . Die Kabinetsräthe sehen es ein , der König möchte den Frieden erhalten , und wenn sie doch das Wort Krieg aussprechen , ist ' s weil sie gezwungen werden , weil sie keine Unterstützung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden . Mein Herr van Asten , warum treten denn nicht die Patrioten zusammen , ich meine die , welche Mittel haben , warum unterstützen sie nicht des Kabinet ? Das ist noch möglich . Fragen Sie sich doch , was es gilt ? Bleibt Friede , bleibt er nur durch eine Allianz mit Napoleon , es giebt nichts Drittes . Krieg mit ihm oder Anschluß . Im letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem , die Häfen sind gesperrt , und Ihr Bordeauxwein , ohne Konkurrenz , ist wenigstens dreihunderttausend Thaler werth . Nun rechnen Sie , wenn Krieg wird , wenn es nur bleibt , wie es ist ! Ihr Wein ein todtes Kapital , Ihre Gläubiger lebendige Quälgeister , Ihr Haus erschüttert , vielleicht - Man schätzt Sie auf über zweihunderttausend , wenn indeß Ihre Aktiva nichts werden , Ihre Passiva - ich schweige davon . Aber in solchem äußersten Fall muß der Mann das Aeußerste wagen . Und sind Sie allein in dem Falle ? Verabreden Sie sich , schießen Sie zusammen . Lucchesini , Haugwitz