greisen Vaters Anblick und Verlegenheit , nach seinem inneren Bedürfen , nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefühle gehandelt ; aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht , als er sich sagte , daß er selber Verpflichtungen eingegangen sei , denen zu genügen ihm jetzt vielleicht nicht möglich sein werde , wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine Art verlustig gehen sollte . Er fühlte , daß er der Geschäftskenntniß , der Sparsamkeit und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute , und er schämte sich doch wieder solchen Gedankens . Er hätte es seinem Vater abbitten , sich ihm in die Arme werfen mögen , indeß ihm fehlte das Herz dazu , denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes mißverstehen . Er hätte dem Vater von Hildegard sprechen mögen , um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und dem Vater die Genugthuung zu bereiten , daß er seinem Sohne gegenüber immer noch der Herr und der Gewährende sei . Wie aber , wenn der Freiherr in der Verfassung , in welcher er sich eben jetzt befand , des Sohnes Absichten und Wünschen sich nicht geneigt erwies , oder wenn er glauben könnte , der Sohn rechne darauf , daß der Vater ihm , der eben jetzt ein großes Opfer gebracht habe , in allen Fällen zu Willen sein müsse ? Er konnte zu keinem Entschlusse kommen . Das Mein und Dein war zwischen ihn und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei , eben jetzt , da sein Vater ihm anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte . Es war jedoch , als errathe der Freiherr , was in seinem Sohne vorging , denn er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt : Es freut mich , daß ich mich in Dir nicht irrte . Art läßt nicht von Art , und es soll meine Sorge sein , daß Dir Nichts entzogen wird . Ich werde Dein mütterliches Vermögen auf Richten eintragen lassen , das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich nicht entäußern werden . Die Zinsen sollen Dir regelmäßig zugehen , und das Jahrgeld , welches ich Dir bis jetzt gegeben habe , Dir nicht vorenthalten werden . Mit unserem Namen , mit Deinen persönlichen Vorzügen hast Du unter den ersten Familien des Landes zu wählen , und es wird Deine Sache sein , wenn Du , was der Himmel fügen wolle , uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst , eine Frau in unser Haus zu führen , deren Vermögen Dir einst die Mittel an die Hand giebt , den Schaden herzustellen , welchen die Noth und Ungunst der letzten Jahre unserem Besitze gebracht haben . Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glück beschieden werden , wie es mir in dem schönen , fröhlichen Herzen Vittoria ' s zu Theil geworden ist ! Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzüge seiner Gattin , erwähnte , daß er sein Testament zu machen beabsichtige , sobald Renatus mündig gesprochen sei , weil er über Vittoria ' s und ihres Sohnes Zukunft sich beruhigt fühlen dürfe , wenn er sie in die Hände von Renatus lege , und er war allmählich von diesen ernsthaften Erörterungen wieder zu den Ansprüchen zurückgekehrt , welche die Erfordernisse der nächsten Tage an ihn und seine Mittel machten , ohne daß sein Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund gegeben hatte , daß er den Mittheilungen seines Vaters achtsam folge . Renatus befand sich in jenem Zustande , in welchem wir gleichsam ein doppeltes Denken haben . Er hörte alles , was der Freiherr zu ihm sprach , er nahm es mit dem Sinne auf , mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entweder selbst ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte . Er war unter dem Einflusse , den die angeborene und anerzogene Ehrfurcht vor seinem Vater auf ihn übte , und doch hatte er die Ueberzeugung , sein Vater täusche ihn und sich mit bewußter Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses , er sei weit weniger ruhig , weit weniger unbesorgt über dieselben , als er sich zeige ; und doch wußte er , die Liebe , welche der Freiherr für Vittoria hegte , betrüge denselben , und seine Zuversicht sei verrathen . Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater auf einmal . Jeder seiner Gedanken , jede seiner Empfindungen wurde von einem widersprechenden Gedanken , von einer widersprechenden Empfindung gekreuzt . Er fühlte sich eben so beängstigt als unglücklich . Er ahnte , obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig war , daß auch Richten bereits mit schweren Schulden beladen sein müsse , und daß sein Vater nur darum sich zu seiner Mündigsprechung entschlossen haben werde , weil er es unmöglich gefunden habe , in den gegenwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypothekenstelle zu erhalten . Daß er sein Vermögen hergeben müsse , darüber war er keine Minute in Zweifel gewesen . Er war das seinem Vater schuldig und es mußte fraglos auch geschehen , wenn er es nicht zu einem Aeußersten kommen lassen , wenn er sich und seinem Geschlechte den angestammten Grundbesitz erhalten wollte . Aber wer bürgte ihm dafür , daß damit wirklich den Nothständen abgeholfen war , und was sollte aus ihm selber werden , wenn seines Vaters Verhältnisse sich immer mehr verschlechterten , wenn man gezwungen wurde , wie das in den letzten Jahren manchem Edelmanne begegnet war , die Güter zu verkaufen , und wenn der Kaufpreis nicht hoch genug sein sollte , sein auf Richten einzutragendes Vermögen zu decken ? Er selber - nun , er selber , so meinte er mit der Zuversicht des Reichgeborenen , der es nie bedacht hat , wie vieles Ueberflüssige ihm durch Gewohnheit zum Bedürfnisse geworden ist , und der es nie erfahren , wie schwer es für den Ungeübten ist , sich auch nur des Lebens Nothdurft zu erwerben - er werde mit sich und seinem