daß der Dichter einige Sorge dafür getragen hätte , daß wenigstens ein Anschein von Möglichkeit das Ungereimte der Sache unserm ersten Blick entzöge . Je unglaublicher eine Dichtung an sich selbst ist , desto nöthiger ist es , unsre Einbildungskraft dadurch zu gewinnen , daß alle das Wunderding umgebenden Umstände in der natürlichen Ordnung der Dinge sind . Wir wollen uns gern gefallen lassen , daß Er aus der andern Welt zurückkommt , zumal wenn er uns recht viel Hörenswürdiges aus ihr zu erzählen hat : aber was wir uns nicht gefallen lassen können , ist , daß der Dichter nicht an die gänzliche Unmöglichkeit gedacht hat , daß der entseelte Leichnam eines an tödtlichen Wunden verstorbenen Menschen , nachdem er zehn Tage lang unter einem Haufen anderer bereits in Fäulniß gegangenen Leichen gelegen , unversehrt hervor gezogen werde , und am zwölften Tage bei Wiedervereinigung mit seiner Seele sich so frisch und gesund befinde , als ob ihm kein Haar gekrümmt worden wäre . Wenn wir aber auch über das Unnatürliche dieser Umstände hinaus gehen , und mit der gränzenlosen Gefälligkeit , welche Plato immer bei seinen Zuhörern voraussetzt , annehmen wollen , daß eben diese ( uns unbekannten ) Richter , welche die Seele des Armeniers nach zwölf Tagen in ihren Leib zurückschicken können , es auch in ihrer Macht haben , einen tödtlich verwundeten und entseelten Leichnam durch ein unbegreifliches Wunderwerk zwölf Tage lang frisch und gesund zu erhalten - sollten wohl die Fieberträume , die uns der Armenier als Nachrichten aus der andern Welt erzählt , eines so großen Wunders würdig seyn ? Ich habe wohl auch in meinem Leben Milesische Mährchen gehört , und unter unsern alten Götter- und Helden-Mythen ist mancher ammenhaft genug ; aber ein so idealisch ungereimtes Phantasiegebilde wie dieses ist mir noch nicht vorgekommen . Man fordert mit Recht von einem Dichter , daß er auf jede Frage , warum er dieß und das an seinem Werke gerade so und nicht anders gemacht , eine hinlängliche Antwort bereit habe . Ich möchte wohl wissen , was der Platonische Sokrates zu antworten hätte , wenn ihn Glaukon oder Thrasymachus in aller Demuth fragten : was ein gewisser dämonischer Ort für ein Ort sey ? Nach welcher Regel der Gerechtigkeit die Seelen der Lasterhaften für jede Uebelthat zehnfältig gestraft werden ? Warum die Seelen , die vom Himmel herunter , oder , nach ausgestandener Strafe aus der Hölle herauf gestiegen sind , um wieder in sterbliche Leiber zurückzukehren , sich gerade sieben Tage auf der Wiese , die er vorhin einen dämonischen Ort nannte , aufhalten ? Warum sie gerade vier Tage zu marschiren haben , bis sie den großen Lichtring oder Lichtgürtel zu Gesicht bekommen , der dem Regenbogen ähnlich aber viel glänzender und reiner ist ? Wie dieser Lichtring zugleich zwischen Himmel und Erde aufgerichtet stehen , über Himmel und Erde ausgebreitet seyn , und den ganzen Himmel wie ein Gürtel umfassen kann ? Warum die Seelen gerade noch einen Tag zu reisen haben , bis sie bei diesem Licht angelangt sind ? Woran die Enden dieses den Himmel zusammenhaltenden Lichtgürtels befestigt sind , damit die Spindel der Anangke an ihnen hangen kann ? Warum Anangke ihre Spindel , gegen die Gewohnheit aller andern Spinnerinnen , zwischen ihren Knieen herumdreht ? und zwanzig andere Fragen , deren der Leser sich nicht erwehren kann , ohne die Antwort darauf zu finden . Plato ist , wie wir lange wissen , ein Liebhaber vom Uebernatürlichen , Unerhörten , Kolossalischen ; wir wollen ihn dieses Geschmacks wegen nicht anfechten ; aber die Bilder , die er uns darstellt , müssen doch Sinn , Bestandheit und Zusammenhang wenigstens an und unter sich selbst haben , und er muß unsrer Einbildungskraft nicht mehr zumuthen als sie leisten kann . Versuch ' es einmal , dir die ganze Gruppe von Erscheinungen , die der Armenier in dem Lichtgürtel des Himmels gesehen haben will , in Einem Gemälde vor die Augen zu bringen . - In der Mitte die große Göttin Anangke mit der ungeheuren stählernen Spindel zwischen den Knieen ; um die Spindel einen nicht minder ungeheuren Wirtel , in welchem sieben andere , wie die Büchsen der Taschenspieler , in einander stecken , und alle zugleich , aber mit ungleicher Geschwindigkeit , von der Spindel in einer , ihrer eigenen Bewegung entgegen gesetzten , Richtung herumgedreht werden ; - jeden dieser an Glanz , Farbe und Bewegung verschiedenen Wirtel mit einem mehr oder minder breiten cirkelförmigen Rand , und auf jedem eine Sirene sitzend , die sich mit ihm herumdreht und aus voller Kehle singt ; aber jede nur einen einzigen Ton aus der Tonleiter bis zur Octave , so daß der Gesang aller acht Sirenen eine einzige sich selbst immer gleiche Harmonie ist - vor welcher die Götter unsre Ohren bewahren wollen ! - Nun denke dir noch die Töchter der Anangke , die drei Moiren , Lachesis , Klotho und Atropos , weiß gekleidet und mit Kränzen um die Stirne auf Lehnstühlen um ihre Mutter herum sitzend , wie sie , vom achttönigen Zetergeschrei der Sirenen begleitet , Lachesis das Vergangene , Klotho das Gegenwärtige , Atropos das Zukünftige absingen , während dessen Klotho ihrer Mutter mit der rechten Hand von Zeit zu Zeit den äußersten Wirtel der Spindel , Atropos mit der linken die innern , und Lachesis alle zusammen mit beiden Händen umdrehen hilft . Lass ' deine Phantasie , wenn ' s ihr möglich ist , ein Gemälde aus diesem allem zusammensetzen , und sage mir , ob einem Kranken im stärksten Fieberanfall etwas Abenteuerlicheres und Phantastischeres vorkommen könnte ? Und was will nun Plato daß wir uns bei diesem lächerlich wunderbaren Phantasma denken sollen ? Ist das alles in der dämonischen Welt wirklich so , wie sein Armenier gesehen zu haben vorgibt ? Er rechnet so wenig darauf , daß irgend einer seiner Leser einfältig genug seyn werde dieß zu glauben , daß sein Sokrates selbst die ganze Erzählung am