Ambition , die einem von der Kindheit auf , ohne den rechten Begriff davon zu geben , eingeflößet wird , würde immer weiter gegangen seyn , und zuletzt dem eitlen Verstande zugeschrieben haben , was doch einzig und allein von Gott kommt . Solchem hat der gütige und gerechte Gott wollen zuvorkommen , und – da ich seiner öftern und vielfältigen Regung nicht Gehör gegeben – auf solche Art mich fassen müssen , daß ich mich nicht weiter ins Verderben stürzte , und gar die ewige Verdammniß mir zuzöge . Darum sei er auch dafür gelobet ! Fassen Sie sich demnach , mein Vater , und glauben Sie sicherlich , daß Gott mit mir im Spiel , ohne dessen Willen nichts geschehen , auch nicht einmal ein Sperling auf die Erde fallen kann ! Er ist es ja der alles regieret und leitet durch sein heiliges Wort ; darum kommt auch dieses mein Verhältniß von ihm her . Ist gleich die Art des Todes bitter und herbe , so ist die Hoffnung und die Gewißheit der künftigen Seligkeit desto süßer und angenehmer ! Ist es gleich mit Schimpf und Schmach verknüpfet , so ist es doch nicht im Vergleich der künftigen Herrlichkeit ! Trösten Sie sich , mein Vater ! Hat Ihnen doch Gott mehr Söhne gegeben , denen er vielleicht mehr Glück in dieser Welt geben wird , und Ihnen , mein Vater , die Freude in denenselben erleben lassen , die Sie vergebens an mir gehoffet . Welches ich Ihnen von Grund meiner Seele wünsche . Unterdessen danke mit kindlichem Respekt für alle mir erwiesene Vatertreue , von meiner Kindheit an bis zur jetzigen Stunde . Gott der Allerhöchste vergelte Ihnen tausendfach die mir erzeigte Liebe , und ersetze Ihnen durch meine Brüder , was bey mir rückständig geblieben . Er erhalte und bewahre Sie bis in Ihr hohes und graues Alter , und speise Sie mit Wohlergehen , und tränke Sie mit der Gnade seines Geistes . Ihr bis in den Tod getreuer Sohn Hans Hermann von Katt . « » Nachschrift . Was soll ich aber Ihnen , liebwertheste Mama , die ich so sehr , als hätte uns das Band der Natur verbunden ( sie war seine Stiefmutter ) geliebet , und Euch , liebwertheste Geschwister , wie soll ich mein Andenken bei Euch stiften ? Mein Zustand läßt nicht zu , alles was ich auf dem Herzen habe , Euch vorzustellen ; ich stehe vor der Pforte des Todes , muß also bedacht seyn , mit einer gereinigten und geheiligten Seele einzugehen , kann also keine Zeit versäumen . H. H. v. K. « Als Katte mit diesem flüchtig und auf bloße Zettel niedergeschriebenen Briefe geendigt hatte , wollte er an eine Abschrift desselben gehen , aber der Prediger riet ihm ab : » seine Zeit wäre zu edel und er möcht ' es nur lassen ; sein Herr Vater sähe ja doch seine Meinung « . So begab er sich und bat den von Schack , den Brief späterhin rein abschreiben zu lassen . Danach aß er ein weniges , trank ein Glas korsikanischen Wein und nahm die geistlichen Unterredungen wieder auf , bei welcher Gelegenheit er ebenso große Fassung und Ergebung wie Kenntnis und Geistesschärfe zeigte . » Er gehe mit Freuden in den Tod « , so sagte er , » und wenn er die Wahl zu leben oder zu sterben hätte , so wollt er das letztere wählen , denn es möchte ihm nicht immer die Zeit werden , sich so gut vorzubereiten wie jetzt . « Unter solchen Gesprächen verging der Abend . Gegen zehn Uhr bat ihn von Schack , sich niederzulegen , was er anfänglich nicht mochte . Zuletzt aber tat er es und genoß eines festen Schlafes . Am anderen Morgen ging es weiter . Er war mitteilsam wie den Tag zuvor und sprach viel darüber , daß man ihn für einen Atheisten gehalten . Das sei er nie gewesen , ja er dürfe vielmehr versichern , daß er vor atheistischen Büchern allezeit einen wahren Abscheu gehabt habe . Andererseits könne er nicht leugnen , daß er öfters » eine Thesin mainteniret « , aber bloß um seinen Verstand sehen zu lassen . Denn er habe gefunden , daß solches in belebten Gesellschaften » vor sehr artig passiret wäre « . Und so hätte er es mitgemacht . Auch an diesem Tage – die jedesmalige Tagesfahrt war nur vier Meilen – kamen sie früh ins Quartier , und er erquickte sich an Kaffee , » der überhaupt sein bestes Labsal war « . Sowohl abends wie morgens . Der dritte Tag war ein Regentag . Als er gegen Mittag Küstrin erkannte , das er immer nur bei Gelegenheit des in Sonnenburg ( eine Meile östlich von Küstrin ) stattfindenden Johanniter-Ritterschlages gesehen haben mochte , erinnerte er sich des Markgrafen Albrecht , damaligen Herrenmeisters , und bat von Schack , dem Markgrafen seinen untertänigsten Respekt vermelden , demselben auch danken zu wollen , daß er ihn in den Johanniterorden aufgenommen habe . Dieses sei die höchste Ehre gewesen , die ihm diese Welt erwiesen , und er wolle in schuldiger Dankbarkeit dafür bei Gott bitten , den hohen Herrn in seinen himmlischen Orden aufzunehmen . Während dieses Gespräches waren sie bis an die große Oderbrücke gekommen ; der Regen ließ nach und die Sonne trat hervor . » Das ist mir ein gutes Zeichen « , sagte er , » hier wird meine Gnadensonne anfangen zu scheinen . « Gleich danach hielten sie vor dem Tor und wurden von dem Platzkommandanten von Reichmann empfangen , der den Delinquenten in eine dicht über dem Tor gelegene Stube führte . Von hier aus trat er den anderen Morgen seinen letzten Gang an . Der 6. November 1730 Der nächste Morgen war für die Hinrichtung bestimmt . Eine Relation des Majors von Schack , die derselbe dienstlich an den Feldmarschall von Natzmer richtete , enthält eine genaue Schilderung aller Vorgänge