! Bitte ! Frau Mullrich hatte große Furcht vor dem jungen stämmigen Manne von kaum funfzehn Jahren , der seine Schwester an der Hand faßte und mit ihr in die hintern Höfe ging . Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold , der älteste Bruder der mehrerwähnten Louise Eisold , ein hübscher , frischer , aber von seiner schweren Arbeit etwas ermüdeter junger Mann . Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatsachen erfahren und war in der größten Spannung , als in der That zu dem Herrn auf der Straße sich ein zweiter gesellte , diesem herzlichst , ja überschwänglich die Hand schüttelte und ihn dann in die Hausflur zog . Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen , in dies Obdach zu treten . Als Frau Mullrich nun gar merkte , daß unter der Hausflur diese schönen , jungen Herren laut zu sprechen anfingen , blies sie rasch ihr Licht hinter der Wasserkugel aus , schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt , was diese mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen würden . Sechstes Capitel Nummer Sechs- und Nummer Siebenundachtzig Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadttheile genähert hatte , wo er den Bruder erwarten sollte , wurden alle seine gemischten Rückerinnerungen auf Melanie , Rudhard , Olga Wäsämskoi und besonders jenen tiefen Akkord : Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen , sich in dieser verworrenen , dunkeln , menschenüberfüllten Gegend zurechtzufinden . Die weiße Rose , die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstrauße bei der Fürstin Wäsämskoi mitgenommen hatte , war in dem Gedränge sogleich vom Stiele gebrochen und noch ehe er sie hatte retten können , von den Vorübergehenden zertreten , vom Straßenkoth beschmuzt . Er mußte sie aufgeben . Er mußte jetzt nur noch nach den Straßenecken sehen , auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren , trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels . Endlich entdeckte er die Brandgasse und zählte sich das neunte Haus ab . Eben hatte er es gefunden , als er zur Höhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt . Er kam von Dankmar , der ihn erwartete . Um nicht vom Gedräng gestört zu werden , traten sie sogleich in die Hausflur , die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrüßungsort schien . Nun , da bin ich ! sagte Siegbert , voll Freude und voll Rührung . Abenteuerlicher Mensch ! Wohin verlockst du mich ? Ich brauchte einen freien Platz , wo ich geschützt vom Dunkel der Bäume dir um den Hals fallen wollte , um mein Herz zu erleichtern , und hier in dem Wagengerassel , in dem Tumult der Menschen , hier auf der Hausflur dieser alten Räuberhöhle , was soll ich da ? Ganz gut ! Ganz gut ! sagte Dankmar lachend und gefaßt , aber voll Wärme . Ganz gut , daß uns die Umgebungen jede rührende Scene abschneiden . Was ich heute früh fühlte , als du mit dem Geständnisse deines Glückes mir meine eigenen Träume zerstörtest , Das hab ' ich dir in meinem Briefe gesagt . Ich schrieb dir , weil ich dir nicht mündlich verrathen mochte , daß mir die Trennung von einem so fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste Überwindung kostete ! Zu Grün ' s hätt ' ich nicht kommen können ; es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet , mich zu sammeln und zurechtzufinden ! ... Die wichtigsten Dinge mußt ' ich aufschieben und hättest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen , würdest du gesagt haben , ich gehörte jetzt zu den Träumern , während ich doch nicht einmal heute zu den Schläfrigen gehöre . Du hast dich von einer Quelle des Glückes losgerissen , sagte Siegbert , die mir doch nie geflossen wäre . Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah ' ich , daß ich ewig würde vergebens gehofft haben . Du sahst sie ? Und sprach sie von mir ? Sie sprach von dir . Nun ... ? Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches , daß ich dir in geeigneter Umgebung ausführlich davon reden muß . Soviel aber beobachtete ich doch fast , daß du nicht nöthig gehabt hättest , weil mir jene Quelle nicht rinnen wird , dir sie selbst zu trüben . Zu trüben Bruder ? Doch ! Recht umgewühlt hab ' ich sie ! Recht das Unterste zu oberst gebracht ! Es muß so sein . Trinke nun daraus , wer mag ! Siegbert seufzte und fuhr , sich im Dunkeln umsehend , fort : Was thun wir hier ? Was sollen wir bei Hackert , den du mich so zu verabscheuen gelehrt hast ? Glücklicherweise habe ich sein Geld bei mir ! Pst ! sagte Dankmar und sah ' sich um , als hätte er bei Erwähnung des Geldes etwas wispern hören . Dann fuhr er fort : Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch näher gerückt und hab ' ihn zu meiner Freude in einer guten , mir aus Interesse an der menschlichen Seele doppelt werthen Stunde gefunden . Bei ihm schrieb ich den Brief an dich . Den Nachmittag verwandte ich darauf , Lasally zu bewegen , von einer Klage gegen Hackert abzustehen , worüber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten wollte . Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte , dich in eine rührende , deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen , so beschied ' ich dich um neun Uhr selbst hierher . Wir finden im dritten Hof , drei Treppen hoch , Hackert , dem ich leider keine gute Nachricht über Lasally bringen kann . Hoffentlich fühlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt , mir sein Leben zu erzählen , was er mir heute früh versprochen hat . Also du hast sein Geld bei dir ? Ich hab ' es , sagte Siegbert leiser , sah sich um und faßte an seine Brust ; denn die verdächtigsten Gestalten drängten sich jetzt durch die enge