rührte ihn Vittoria ' s banger Blick , doch übten auch in dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und der Zauber ihres Wesens die alte , durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt über ihn aus . Er war froh , als der Wagen endlich vorfuhr ; aber das Alleinsein mit seinem Vater erleichterte ihn nicht . Weil der Freiherr den Sohn immer in einer ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemüht gewesen war , weil er an den Spielen des Kindes , an den Beschäftigungen des Knaben , an den täglichen Erlebnissen des Jünglings keinen thätigen Antheil genommen und den Sohn bisher geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten hatte , fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und Berührungspunkten , durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind wie die Scheidemünze für den täglichen Verkehr . Dazu war Alles seit gestern so völlig anders gekommen , als er es erwartet hatte , die Menschen , die Verhältnisse verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich , daß er Scheu vor seinem eigenen Worte trug , weil er meinte , auch das Wort könne sich verwandeln auf seiner Lippe , und was er heute spreche , könne nicht zum Heile führen . So waren sie schweigend nach Rothenfeld gelangt . Der Freiherr stieg aus und besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen , in welchen die betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte . Er wendete sich dabei mit mannigfachen Erklärungen an seinen Sohn , gab ihm ungefragt Auskunft über die Verhältnisse des Dorfes , und Renatus begann sich an dem Gedanken , daß sein Vater ihn auf die einstige Uebernahme der Güter vorzubereiten strebe , zu erfreuen . Es zeugte ihm sogar für die feine Empfindung des Freiherrn , daß er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser Vorbereitung wähle , als wolle er zu erkennen geben , wie zuversichtlich er auf seines Sohnes glückliche Heimkehr baue , und Renatus war bemüht , den Freiherrn über seine antheilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen , als dieser in das Haus seines Justitiarius ging , um sich zu erkundigen , ob er seine Befehle ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht erhalten habe . Der Justitiarius sagte , die nöthigen Schritte seien von ihm gethan , und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile , so würde man Alles in Richtigkeit bringen können , da die Verfügung in jeder Stunde ankommen könne . Renatus fragte , wovon die Rede sei . - Von Deiner Mündigkeits-Erklärung ! gab sein Vater ihm zur Antwort . Der Sohn , der dies mit der Art und Weise in Verbindung brachte , in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der Geschäftsverwaltung auf den Gütern sprach , glaubte daran zu erkennen , wie sein Vater sich altern fühle , und das machte ihn traurig . Aber da jeder Mensch bei den Ereignissen , die ihm begegnen , mit Naturnothwendigkeit zuerst an sich und an die Wirkung denken muß , welche sie auf ihn und seine Zustände üben werden , so freute sich Renatus der Absicht seines Vaters , weil er sich sagte , dem Sohne , den er mündig sprechen lasse , könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl seiner Lebensgefährtin um so weniger versagen , als Renatus mit seiner Volljährigkeit den unbeschränkten Besitz seines allerdings nicht eben großen mütterlichen Erbes antrat . Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen , wie er meinte , die Verpflichtung auf , dem Vater seine Verlobung mit Hildegard anzuzeigen , noch ehe derselbe ihn aus der väterlichen Gewalt entlassen habe , und er schickte sich , sobald sie wieder im Wagen neben einander saßen , zu seinen Mittheilungen an , als der Freiherr , ihm zuvorkommend , das Wort nahm . Er sagte , daß die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei , weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige , und er wünsche , daß für den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde , unabhängig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse in die Hand nehmen zu können . Er sprach das mit der Kraft und Ruhe , welche ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten , Renatus gab sich also wieder der Hoffnung hin , daß er sich getäuscht habe , als er seinen Vater so verändert geglaubt . Er versicherte den Freiherrn , wie zuversichtlich er darauf rechne , ihn noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen . Der Freiherr drückte ihm die Hand . Deine Gesinnung kenne ich , sprach er ; sie ist gut , und ich habe eben im Hinblicke auf sie meine Maßregeln genommen . Es glitt ein Schatten über des Freiherrn Züge , er schien der Ueberwindung nöthig zu haben , um in seiner Rede fortzufahren . Deine Gesinnung ist gut , wiederholte er , und ich weiß , daß es Dir eine Genugthuung sein wird , mir eine Erleichterung in den mannigfachen Verlegenheiten zu bereiten , mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kämpfen habe . Er hielt abermals inne , Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem Antlitze . Du wünschest mir , sprach der Freiherr , daß ich mich noch lange meines Besitzes , meines Daseins erfreuen möge , und Du kannst es selber kaum ermessen , denn Du hast es nicht empfunden , wie erfreulich das Dasein dem Manne ist , wenn er der Herr ist innerhalb seines Besitzes . Indeß die Zeiten , in welchen das der Fall war , sind vorüber . Man hat unsere alten Rechte angetastet , uns neue Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen , ihnen zu entsprechen , indem man unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmälert hat . Ich bin nicht mehr Herr auf meinen Gütern , seit man