die sich über die Wimpern schleichen wollte , riß das Fenster auf , schlürfte die wonnige Morgenluft ein und warf sich dann lächelnd aufs Sopha . Es war am späten Vormittag , als er erwachte , aber sein Gesicht lächelte noch immer . Zweiundsiebenzigstes Kapitel . Verfallene Wechsel . Wer nicht beobachtet sein will , verhängt seine Fenster . Wer Geheimes schafft , verstopft auch die Schlüssellöcher . Das weiß ein Dummkopf , aber den Klügsten , welche den Luftzug berechneten , der durch ein Mauseloch dringen mag , passirt wohl , daß sie vergaßen , den Schlüssel in der Thür umzudrehen . - Weise sagen , wenn den Klugen das nicht zuweilen passirte , wär ' s in der Welt nicht auszuhalten ; die Affekte , die sie unbesonnen handeln lassen , seien das Salz , welches das Leben vor der Fäulniß schützt . Behaupten doch noch Weisere : wenn alle Menschen verständig wären und Charakter hätten , müsse die Welt vor lauter Reibung in Flammen aufgehen . Der Legationsrath von Wandel wollte heute gewiß nicht beobachtet sein . Er war in seinem Laboratorium , eine kleine alte Küche nach dem Hofe hinaus , die , unbenutzt zum gewöhnlichen Gebrauch , an seine Zimmer stieß . Es war kaum nöthig gewesen , die Fenster mit Matten zu behängen ; durch ihre , alle Farben schillernden , mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben wäre kein Blick gedrungen . Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen , keine Aufwärterin den Staub wegkehren . Es ward Niemand eingelassen , außer bei besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apotheker Flittner , der Geheimrath Hermbstädt und andere bekannte Chemiker . Aber dann hatte die Küche ein etwas verändertes Ansehen . Um irgend ein glänzendes Experiment zu zeigen , waren Töpfe , Tiegel fortgestellt , es war der übrige Apparat mehr theatralisch geordnet . Auch wurden ein Gerippe , und zwei Frauenbilder , die an der Wand hingen , beseitigt . Wahrscheinlich saß auch der Legationsrath nicht ganz in dem Kostüm wie heute vor der Retorte - in Hemdsärmeln , weiten Unterbeinkleidern , um den Kopf einen turbanartigen Bund gewickelt , auf der Nase eine große Brille mit Ohrenklappen , und mit einem seidenen Halstuch , das über die Lippen und halb über die Ohren ging . In dem einen Tiegel kochte ein Stoff . Er schob das Tuch höher und drückte den Turban tiefer in die Stirn , wenn er mit einem Spahn darin rührte , und neue Ingredienzien hinzuthat . Alsdann schien er dem Kräuseln des Rauches , der sich in den Schlot verlor , mit Aufmerksamkeit zu folgen . Das erste Experiment musste geglückt sein , das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte gethan , und der Legationsrath sah dem Entwicklungsprozeß des Gases mit einem stillen Vergnügen zu . Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des halb schielenden Auges , während er auf dem Schemel zurückgelehnt saß , ein Bein über dem andern wiegend . Sein Blick siel aber auch auf die beiden Frauenbilder . Wie er mit den Augen zwinkerte , schien er mit ihnen ein eigenthümliches Gespräch zu führen . Seine Lippen bewegten sich , er gestikulirte mit den Händen . Ein Diagnostiker hätte vielleicht bemerkt , daß ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete . Wenn er noch schärfer sah , würde er aber auch bemerkt haben , daß es Wandels Absicht war , sich zu etwas zu zwingen , was ihm Pein verursachte . Es giebt eine Wollust , die auch den Schmerz aufsucht . Die beiden Bilder waren in Wasserfarben , beide schöne Frauengesichter . Die Aeltere , blaß und kränklich , hatte einen schmachtenden Blick ; die jüngere Nußbraune schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die Welt hinein . Wandel schien sich lieber mit der Aelteren zu unterhalten , als einer genaueren Vertrauten . Wohl nickte er der Jüngeren und warf ihr eine Kußhand zu , aber es war , als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug . Er schlug zuweilen seine Augen nieder . Beide waren unzweifelhaft Schwestern , dem wohlhabenden Stande angehörig , wie ihre reichen Kleider , nach der Mode der vergangenen Jahrzehnte , andeuteten . Seine Lippen flüsterten , Laute , freilich nur für die Geister , welche im Sonnenstrahl als Ständchen sich schaukelten , aber auch der Dichter darf sie hören : » Schöne Molly , warum ließest Du nicht den Vorwitz ! Deine Kohlenaugen funkelten vielleicht noch , munterer als auf dem Bilde , und Dein Leib wäre so wonnig und voll , denn Du hattest Anlage zum Embonpoint , als Deine arme Schwester da täglich magerer und dürrer wird . Wenn ich nicht mit Draht hülfe , fiele sie auseinander . - Arme Angelika , Dir konnte ich nicht anders helfen . Hadre mit der Natur , daß sie Dir keinen besseren Brustkasten schuf . Du dankst mir auch , daß ich Deine Schmerzen schneller endete . Ja , ich weiß es , Angelika , wir sind Freunde geblieben - wenn die Wolke durch den Mond streift , und Du mir im Nebelgeriesel einen feuchten Kuß auf die Wange hauchst , es ist ein Kuß des Dankes und der Liebe . Ich versichere Dich auch , ich habe Dich geliebt . Du warst sanftmüthig , voller Ergebung , eine Schwärmerin freilich , aber klug genug , von einem Manne nicht mehr zu fordern , als er geben kann . Ein Mann hat viele Ausgaben , das sahest Du ein . Und darum Dein schönes Testament , das wahrhafte Zeichen einer schönen Seele , obgleich ich gestehen muß , daß ich es eigentlich diktirt . Um dieses Testamentes willen wirst Du mir ewig unvergesslich bleiben ! Nein , ohne Spaß , das Andre seitdem ist alles Spaß , Du gabst Alles für mich auf , in Brüssel Deinen Mann , in Paris Dich selbst . Mit solcher Aufopferung , Entsagung , solchem Fanatismus hat mich Keine geliebt . Um deswillen versprach ich Dir