Siegesbewußtsein , welches die Mütter sehr junger Töchter erfüllt : Kommt nur , ihr Freier ihr . . . heiraten soll mein Kind schon — aber wer von Euch ist eigentlich gut genug für sie ? “ Rückerts Liebesfrühling ! ” schrie Agathe da plötzlich laut auf und schwenkte ein kleines rotes Büchelchen so entzückt in der Luft , daß alles um sie her in Gelächter ausbrach . “ Zur Konfirmation ? Etwas früh ! ” bemerkte Papa verwundernd und tadelnd . “ Gewiß von Eugenie ? ” fragte die Regierungsrätin ; sie antwortete sich selbst : “ Natürlich — das ist ganz wie Eugenie . ” Inzwischen kam der Inhalt eines zweiten Paketes zu Tage . “ Geroks Palmblätter — von der guten Tante Malvine , ” berichtete Agathe diesmal ruhiger mit andächtiger Pietät . “ Ach — das wonnige Armband ! Gerade solches hab ' ich mir gewünscht ! Eine Perle in der Mitte . Nicht wahr , Mama , das ist doch echt Gold ? ” Sie legte es gleich um ihr Handgelenk . Knips ! sprang das Schlößchen zu . “ — Und hier wieder ein Buch ! Der prachtvolle Einband ! Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau , Gattin und Mutter . . . Von wem denn nur ? Frau Präsident Dürnheim . Wie freundlich ! — Nein , aber wie freundlich ! Sieh doch nur , Mama ! Das Weib als Jungfrau , Gattin und Mutter mit Illustrationen von Paul Thumann und anderen deutschen Künstlern ! ” “ Nein — nein — wie ich mich aber freue ! ” Agathe sprang mit einem Satz vom Teppich auf und tanzte vor ausgelassenem Glück in der Stube zwischen den gelben und braunen Papieren herum ; die losen Löckchen auf ihrer Stirn , die Kette und das Kreuz auf ihrer Brust , der Liebesfrühling und das Weib als Jungfrau , Gattin und Mutter , das sie beides zärtlich an sich drückte — alles hüpfte und tanzte mit . Die erwachsenen Leute auf dem Sofa und in den Lehnstühlen lächelten wieder . Wie reizend sie war ! Ach ja — die Jugend ist etwas Schönes ! Endlich fiel Agathe ganz außer Atem bei ihrer Mutter nieder , warf ihr all ihre Schätze in den Schoß und rieb wie ein vergnügtes Hündchen den braunen Kopf an ihrem Kleide . “ Ach — ich bin ganz toll , ” sagte sie beschämt , als Mama leise ihr Haupt schüttelte . Agathe fühlte ein schlechtes Gewissen , weil Pastor Kandler gerade jetzt eintrat . Er hatte den Talar abgelegt und trug seinen gewöhnlichen Hut in der Hand . “ Du gehst noch aus ? ” fragte seine Frau erschrocken . “ Ja — wartet nicht auf mich mit dem Essen . Ich muß doch bei Groterjahns gratulieren — ich höre , daß ihre Familie durch ein Kälblein vemehret worden ist , ” sagte er mit der gutmütigen Ironie des resignierten Landgeistlichen , der längst erfahren hat , daß die Dorfleute nur durch sein persönliches Interesse für ihre materiellen Sorgen fügsam zur Anhörung der christlichen Heilslehre macht . “ Ich bestelle also Wiesing zu heut Abend herauf — , Du wolltest doch wohl selbst mit ihr sprechen , liebe Cousine ? ” fragte er die Regierungsrätin . “ Ja — wenn das Mädchen Lust hätte , in die Stadt zu ziehen , möchte ich es schon einmal mit ihr versuchen , ” antwortete diese . Agathe saß bei Tisch vor einem Teller , der mit gelben Schlüsselblumen umkränzt war , zwischen Vater und Mutter . Der Konfirmandin gegenüber hatte Pastor Kandler seinen Platz , neben ihm leuchtete Onkel Gustavs rosiges Gesicht aus den blonden Bartkoteletten über der weißen vorgesteckten Serviette . Die Pastorin war von dem Regierungsrat geführt worden . Unten , zwischen der Jugend , saß eine alte Näherin , die stets das Osterfest im Pfarrhause zuzubringen pflegte . Nach jedem Gang zog sie ihr Messer zwischen den Lippen hindurch , um nichts von den prächtigen Speisen und der nahrhaften Sauce zu verlieren . Walter fühlte sich in seiner Abiturientenwürde sehr gekränkt , weil man ihm die zahnlückige Person als Nachbarin gegeben hatte , und es war ihm fatal , daß er nicht recht wußte , ob es schicklicher von ihm sein würde , sie anzureden oder ihre Gegenwart einfach zu übersehen . Die Regierungsrätin warf gleichfalls unbehagliche Blicke auf die alte Flickerin , denn sie dachte , ihr Mann möchte vielleicht an deren Gegenwart Anstoß nehmen . Aber auf den Regierungsrat Heidling wirkte sie nur sanft belustigend . Er war ja ganz im Klaren darüber , daß er sich unter naiven , weltfremden Leutchen befand . Mit wohlüberlegter Absicht hatte er seine Tochter nicht im Kreise ihrer Freundinnen bei dem Modeprediger in M. konfirmieren lassen , sondern bei dem bescheidenen Vetter seiner Gattin . Er schätzte eine positive Frömmigkeit an dem weiblichen Geschlecht . Für den deutschen Mann die Pflicht — für die deutsche Frau der Glaube und die Treue . Daß der Fonds von Religion , den er Agathe durch die Erziehung mitgegeben , niemals aufdringlich in den Vordergrund des Lebens treten durfte , verstand sich bei seiner Stellung und in den Verhältnissen der Stadt ebenso von selbst , wie das Tischgebet und die alte Flickerin hier in dem pommerschen Dörfchen an ihrem Platz sein mochten . “ Luise ” von Voß fiel ihm ein — in jungen Jahren hatte er das Buch einmal durchgeblättert . Es that seiner Tochter gut , diese Idylle genossen zu haben . Agathe war frisch und stark und rosig geworden in dem stillen Winter , bei den Schlittenfahrten über die beschneiten Felder , in der klaren , herben Landluft . Sein Kind hatte ihm nicht gefallen , als es aus der Pension kam . Etwas Zerfahrenes , Eitles , Schwatzhaftes war ihm damals an ihr aufgefallen . Nur das nicht ! Er stellte ideale Forderungen an die Frau . Unwillkürlich formten sich ihm die Gedanken zu rednerischen Phrasen . Er schwieg bei