Dorfs Gebrauch zur Erde bringen lassen ; das kostet auch . « – – Die junge Dame verschwand lautlos , wie sie gekommen , aus der offenen Tür , in der sie während dieses Vorganges gestanden hatte . Draußen sah sie Rudolf jenseit des Gartens im Gespräche mit dem Mühlknappen ; aber sie wandte sich ab und ging einen Fußsteig entlang , der unterhalb der Mühle an den Bach hinabführte . Ihre Augen schweiften bewußtlos in die Ferne ; sie sah es nicht , wie die Dämmerung vor ihr auf die Berge sank , noch wie allmählich , während sie hier auf und ab wandelte , der Mond hinter ihnen emporstieg und sein Licht über das stille Tal ergoß . Das Leben in seiner nackten Dürftigkeit stand vor ihr , wie sie es nie gesehen ; ein endloser öder Weg , am Ende der Tod . Ihr war , als habe sie bis jetzt in Träumen gelebt , und als wandle sie nun in einer trostlosen Wirklichkeit , in der sie sich nicht zurechtzufinden wisse . Es war schon spät , als die Stimme ihres Mannes sie auf das Gehöft zurückrief , wo sie an der Tür von ihm erwartet wurde . – Auf dem Heimwege ging sie schweigend neben ihm , ohne zu fühlen , wie seine Augen teilnehmend auf ihr ruhten . » Du bist erschreckt worden , Veronika ! « sagte er und legte die Hand an ihre Wange ; » aber « , fügte er hinzu , » das Maß der Dinge ist für diese Leute ein anderes ; sie sind , wie gegen die Ihrigen , so auch härter gegen sich selbst . « Sie sah einen Augenblick zu dem ruhigen Antlitz ihres Mannes auf ; dann aber blickte sie zur Erde und ging demütig an seiner Seite . Ebenso schweigsam folgte Rudolf neben dem alten Schreiber . Seine Augen hingen an der vom Mond beleuchteten Frauenhand , die noch vor kurzem so willenlos in der seinen gelegen und die er nun zur guten Nacht noch einmal , wenn auch auf einen Augenblick nur , zu umfassen hoffte . – Aber es wurde anders ; denn , als sie in die Nähe der Stadt kamen , sah er die kleinen Hände , eine nach der andern , in ein Paar dunkler Handschuhe gleiten , die , wie er wohl wußte , Veronika sonst nur der vollständigen Toilette wegen bei sich zu tragen pflegte . Endlich hatten sie das Haus erreicht ; und ehe er sich dessen in seinem Unmut recht bewußt wurde , empfand er schon die flüchtige Berührung der verhüllten Finger an den seinen . Mit einem vernehmlich gesprochenen » Gute Nacht ! « hatte Veronika die Tür geöffnet und war , ihrem Manne voraus , im Dunkel des Flures verschwunden . 2. Palmsonntag 2 Palmsonntag Der Vormittag des Palmsonntags war herangekommen . Die Straßen der Stadt wimmelten von Landleuten aus den benachbarten Dörfern . Im Sonnenschein vor den Türen der Häuser standen hie und da die Kinder der protestantischen Einwohner und blickten hinab nach dem offenen Tor der katholischen Kirche . Es war der Tag der großen Osterprozession . – Und jetzt läuteten die Glocken , und der Zug wurde unter der gotischen Torwölbung sichtbar und quoll auf die Gasse hinaus . Voran die Waisenknaben mit ihren schwarzen Kreuzchen in den Händen , nach ihnen die barmherzigen Schwestern in den weißen Schleierkappen , dann die verschiedenen städtischen Schulen und endlich der ganze unabsehbare Zug von Landleuten und Städtern , Männern und Weibern , von Kindern und Greisen ; alle singend , betend , mit ihren besten Kleidern angeputzt , Männer und Knaben barhäuptig , die Mützen in den Händen haltend . Darüber her in gemessenen Zwischenräumen , auf den Schultern getragen , ragten die kolossalen Kirchenbilder : Christus am Ölberge , Christus von den Knechten verspottet , in der Mitte hoch über allen das ungeheure Kruzifix , zuletzt das Heilige Grab . Die Damen der Stadt pflegten sich an dieser öffentlichen Feierlichkeit nicht zu beteiligen . – Veronika saß in ihrem Schlafgemach halb angekleidet an einem Toilettentischchen . Vor ihr lag aufgeschlagen ein kleines Testament in Goldschnitt , wie es die katholische Kirche ihren Angehörigen gestattet . Sie schien sich über dem Lesen vergessen zu haben ; denn ihr langes schwarzes Haar hing aufgelöst über das weiße Nachtkleid herab , während ihre Hand mit dem Schildpattkamme müßig in ihrem Schoße lag . Als das Getöse des nahenden Zuges ihr Ohr erreichte , hob sie den Kopf empor und lauschte . Immer deutlicher kam es heran , das dumpfe Geräusch der Schritte , das singende eintönige Murmeln der Gebete . – » Heilige Maria , Mutter der Gnaden ! « erscholl es vor dem Fenster , und von hinten aus dem Zuge kam es gedämpft zurück : » Bitte für uns arme Sünder jetzund und in der Stunde des Todes ! « Veronika sprach die vertrauten Worte leise mit . Sie hatte den Stuhl zurückgeschoben ; mit herabhängenden Armen stand sie in der Tiefe des Zimmers , die Augen unablässig nach dem Fenster gerichtet . – Immer neue Menschen kamen und gingen , immer neue Stimmen erschollen , ein Bild nach dem andern wurde vorübergetragen . – Da plötzlich durchdrang ein herzerschütternder Ton die Luft . Das castrum doloris nahte sich , unter Posaunenschall , umdrängt von Menschen , gefolgt von den Meßdienern und den vornehmsten Priestern in feierlichem Ornate . Die Bänder flatterten , der schwarze Flor des Thronhimmels flutete in der Luft ; darunter in einem Blumengarten lag das Totenbild des Gekreuzigten . Der eherne Schall der Posaunen war wie ein Ruf zum Tage des Gerichts . Veronika stand noch immer unbeweglich ; ihre Kniee bebten , unter den scharf gezogenen schwarzen Brauen lagen die Augen wie erloschen in dem blassen Antlitz . Als der Zug vorüber war , sank sie neben dem Stuhl , worauf sie zuvor gesessen hatte , zu Boden , und mit beiden Händen ihr Gesicht bedeckend ,