dann aber legte er schweigend die Haydnsche G-Dur-Sonate mit dem Allegretto innocente aufs Pulpet , die er schon bei seinem Eintritt in der Hand gehalten hatte . Rudolf blickte auf und um , und da er den Pastor erkannte , nickte er gehorsam , schüttelte wie zur Ermunterung noch ein paarmal seine geschickten Hände , und bald erklangen die heiteren Fiorituren des unsterblichen Meisters und füllten das Zimmer wie mit Vogelsang und Sommerspiel der Lüfte . » Bravo , junger Freund ! « rief der Pfarrer , der wie alle andern , die Frau Forstjunkerin nicht ausgeschlossen , mit entzücktem Angesicht gelauscht hatte ; » das hat rote Wangen ; wir haben kaum gemerkt , wie Sie uns durch die Dämmerung hindurchgespielt haben . Nun aber Licht ! Die Schneiderstunde ist zu Ende ! « Die zehnjährige Käthe lief hinaus ; Anna aber , als wollte sie sich zu ihm emporstrecken , hatte sich dicht an die Schulter des kräftigen Vaters gestellt und blickte mit aufmerkendem Lächeln zu ihm auf ; es war recht sichtbar , daß die beiden eines Blutes waren . Ein freundlicher Verkehr , dem es bald an einer verschwiegenen Innigkeit nicht fehlte , hatte zwischen Rudolf und dem blonden Mädchen schon vom ersten Tage an begonnen , wo noch das blasse Antlitz des Genesenden die Schonung der Gesunden anzusprechen schien ; durch die scheue Jungfräulichkeit des Mädchens war wie aus der Knospe etwas von jener Mütterlichkeit hervorgebrochen , in deren Obhut auch der Mann am sichersten von Leid und Wunden ausruht . Wenn aus der überwundenen Nacht noch ein Schatten ihn bedrängen wollte , wenn vor der nächsten Zukunft eine Scheu ihn anfiel , dann suchte er unwillkürlich ihre Nähe , und wo er sie immer antreffen mochte , im Garten oder in der Küche , die Welt erschien ihm heller , wenn er auch nur das Regen ihrer fleißigen Hände sehen konnte . Oft aber , wenn sie eben beisammen waren , hatten schon die ahnenden Augen des Mädchens ihn gestreift , und bald mit stillen , bald mit neckenden Worten ließ sie ihm keine Ruhe , bis er im frischen Tageslichte vor ihr stand . Frau von Schlitz hatte anfangs beobachtet ; dann hatte sie die jungen Leute sich selber überlassen . Gewiß , wenn irgend eine , so war dies die Frau , wie sie der Doktor ihrem Sohn verordnet hatte ! Übrigens war Rudolf nicht der einzige junge Mann , welcher sich eines Verkehres mit dem Mädchen zu erfreuen hatte : ein entfernter Vetter , ein hübscher Mann mit treuherzigen braunen Augen , der hier im Hause » Bernhard « genannt wurde und sich mit Anna duzte , kam an den Sonntagnachmittagen von seinem nicht allzu fernen Hof herübergeritten . Die beiden jungen Männer hatten sich bald als Schulkameraden aus den unteren Klassen des Gymnasiums erkannt , und Rudolf fand , je kräftiger er wurde , an Bernhards frischem Wesen immer mehr Gefallen . Desto geringeres Glück machte dieser bei Rudolfs Mutter , die ihn sichtlich , freilich ohne ihn dadurch zu beirren , von oben herab behandelte ; denn nur ihrem Auge war es nicht entgangen , daß auch der junge Hofbesitzer der blonden Pfarrerstochter eine ebenso stille als geflissentliche Verehrung widmete . Eines Nachmittags war Bernhard zu Wagen und selbander angelangt ; seine Schwester Julie , die ihm den Haushalt führte , saß an seiner Seite . » Das freut mich ! « rief der Pastor , als er das frische Mädchen gleich darauf der Frau von Schlitz entgegenführte ; » dieses Prachtkind mußten Sie noch kennenlernen ! « Aber die Dame blickte mit ziemlich kühlen Augen auf das » Prachtkind « , deren Antlitz nur zu sehr die Züge ihres Bruders zeigte ; und die stürmische Begrüßung der von Anna herbeigeholten Kinder kam zur rechten Zeit . Eine Stunde später , da sie mit der Pastorin am Fenster saß , sah Frau von Schlitz die beiden jungen Paare , Bernhard mit Anna und hinter diesen Rudolf mit der braunen Julie , auf einem Feldwege dem nahen Walde zuschreiten . Die Pfarrfrau , die sich heute ihre Freischützphantasien gönnte , hatte den noch einmal rückschauenden Mädchen lebhaft zugenickt . » Nicht wahr , Fernande « , wandte sie sich jetzt an ihre Jugendfreundin , » ich sage immer : › Ännchen und Agathe ‹ . Nun hat das Ännchen gar einen Max zur Seite , um ihm die Grillen wegzuplaudern ! « Die Angeredete nickte nur , ohne die Augen von der Gruppe draußen abzuwenden , welche jetzt durch eine Biegung des Weges ihrem Blick entzogen wurde ; sie wußte selbst nicht , war es Zorn oder ein Gefühl der Demütigung , das sie bedrängte ; aber – gewiß , die Schwester war heute nicht ohne Absicht von dem Bruder mitgenommen worden ! – – Es kam doch anders , als ihr Scharfsinn , vielleicht auch , als Bernhard selber es gedacht hatte . Zum ersten Male sah Rudolf sich in Annas Gegenwart zu einer anderen gezwungen , und wiederum , als ob sich das von selbst verstehe , hatte sich zu ihr ein junger Mann gesellt , der nicht er selber war . Schweigend folgte er dem andern Paare an der Seite seiner hübschen redseligen Partnerin ; seine Augen hingen an der schlanken Gestalt der Voranschreitenden , an der anmutigen Biegung ihres Nackens , über dem im Herbsthauche die goldblonden Härchen wehten , während ihr Antlitz sich in freundlicher Wechselrede dem jungen Landmann zuwandte . Eine brennende Sehnsucht ergriff ihn ; ja , er konnte sich nicht verhehlen , ein Groll war in ihm aufgestiegen , er wußte nicht , ob nur gegen Bernhard oder ob auch gegen sie , die Schöne , Ungetreue selber . » Was denken Sie doch einmal , Herr von Schlitz ? « sagte plötzlich das muntere Mädchen , das an seiner Seite schritt . » Sollte nicht auch ein Bröcklein für mich dazwischen sein ? « Er sah sie flüchtig an . »