Frühstück erhält jetzt ein jeder von euch zwei trockene Wecken ; die Butter ist zu Hause geblieben , die Zukost müßt ihr euch selber suchen . Es stehen genug Erdbeeren im Walde , das heißt , für den , der sie zu finden weiß . Wer ungeschickt ist , muß sein Brot trocken essen ; so geht es überall im Leben . Habt ihr meine Rede begriffen ? « » Jawohl ! « riefen die Jungen . » Ja , seht « , sagte der Alte , » sie ist aber noch nicht zu Ende . Wir Alten haben uns im Leben schon genug umhergetrieben ; darum bleiben wir jetzt zu Haus , das heißt , hier unter diesen breiten Bäumen , und schälen die Kartoffeln und machen Feuer und rüsten die Tafel , und wenn die Uhr zwölf ist , sollen auch die Eier gekocht werden . Dafür seid ihr uns von euren Erdbeeren die Hälfte schuldig , damit wir auch einen Nachtisch servieren können . Und nun geht nach Ost und West und seid ehrlich ! « Die Jungen machten allerlei schelmische Gesichter . » Halt ! « rief der alte Herr noch einmal . » Das brauche ich euch wohl nicht zu sagen : wer keine findet , braucht auch keine abzuliefern ; aber das schreibt euch wohl hinter eure feinen Ohren , von uns Alten bekommt er auch nichts . Und nun habt ihr für diesen Tag gute Lehren genug ; wenn ihr nun noch Erdbeeren dazu habt , so werdet ihr für heute schon durchs Leben kommen . « Die Jungen waren derselben Meinung und begannen sich paarweise auf die Fahrt zu machen . » Komm , Elisabeth « , sagte Reinhard , » ich weiß einen Erdbeerenschlag ; du sollst kein trockenes Brot essen . « Elisabeth knüpfte die grünen Bänder ihres Strohhutes zusammen und hing ihn über den Arm . » So komm « , sagte sie , » der Korb ist fertig . « Dann gingen sie in den Wald hinein , tiefer und tiefer ; durch feuchte undurchdringliche Baumschatten , wo alles still war , nur unsichtbar über ihnen in den Lüften das Geschrei der Falken ; dann wieder durch dichtes Gestrüpp , so dicht , daß Reinhard vorangehen mußte , um einen Pfad zu machen , hier einen Zweig zu knicken , dort eine Ranke beiseite zu biegen . Bald aber hörte er hinter sich Elisabeth seinen Namen rufen . Er wandte sich um . » Reinhard ! « rief sie . » Warte doch , Reinhard ! « Er konnte sie nicht gewahr werden ; endlich sah er sie in einiger Entfernung mit den Sträuchern kämpfen ; ihr feines Köpfchen schwamm nur kaum über den Spitzen der Farrenkräuter . Nun ging er noch einmal zurück und führte sie durch das Wirrnis der Kräuter und Stauden auf einen freien Platz hinaus , wo blaue Falter zwischen den einsamen Waldblumen flatterten . Reinhard strich ihr die feuchten Haare aus dem erhitzten Gesichtchen ; dann wollte er ihr den Strohhut aufsetzen , und sie wollte es nicht leiden ; dann aber bat er sie , und dann ließ sie es doch geschehen . » Wo bleiben denn aber deine Erdbeeren ? « fragte sie endlich , indem sie stehenblieb und einen tiefen Atemzug tat . » Hier haben sie gestanden « , sagte er , » aber die Kröten sind uns zuvorgekommen , oder die Marder , oder vielleicht die Elfen . « » Ja « , sagte Elisabeth , » die Blätter stehen noch da ; aber sprich hier nicht von Elfen . Komm nur , ich bin noch gar nicht müde ; wir wollen weitersuchen . « Vor ihnen war ein kleiner Bach , jenseits wieder der Wald . Reinhard hob Elisabeth auf seine Arme und trug sie hinüber . Nach einer Weile traten sie aus dem schattigen Laube wieder in eine weite Lichtung hinaus . » Hier müssen Erdbeeren sein « , sagte das Mädchen , » es duftet so süß . « Sie gingen suchend durch den sonnigen Raum ; aber sie fanden keine . » Nein « , sagte Reinhard , » es ist nur der Duft des Heidekrautes . « Himbeerbüsche und Hülsendorn standen überall durcheinander ; ein starker Geruch von Heidekräutern , welche abwechselnd mit kurzem Grase die freien Stellen des Bodens bedeckten , erfüllte die Luft . » Hier ist es einsam « , sagte Elisabeth ; » wo mögen die andern sein ? « An den Rückweg hatte Reinhard nicht gedacht . » Warte nur ; woher kommt der Wind ? « sagte er und hob seine Hand in die Höhe . Aber es kam kein Wind . » Still « , sagte Elisabeth , » mich dünkt , ich hörte sie sprechen . Rufe einmal dahinunter . « Reinhard rief durch die hohle Hand : » Kommt hieher ! « – » Hieher ! « rief es zurück . » Sie antworten ! « sagte Elisabeth und klatschte in die Hände . » Nein , es war nichts , es war nur der Widerhall . « Elisabeth faßte Reinhards Hand . » Mir graut ! « sagte sie . » Nein « , sagte Reinhard , » das muß es nicht . Hier ist es prächtig . Setz dich dort in den Schatten zwischen die Kräuter . Laß uns eine Weile ausruhen ; wir finden die andern schon . « Elisabeth setzte sich unter eine überhängende Buche und lauschte aufmerksam nach allen Seiten ; Reinhard saß einige Schritte davon auf einem Baumstumpf und sah schweigend nach ihr hinüber . Die Sonne stand gerade über ihnen ; es war glühende Mittagshitze ; kleine goldglänzende , stahlblaue Fliegen standen flügelschwingend in der Luft ; rings um sie her ein feines Schwirren und Summen , und manchmal hörte man tief im Walde das Hämmern der Spechte und das Kreischen der andern Waldvögel . » Horch ! « sagte Elisabeth . » Es läutet . «