der rechten Seite desselben , bildete die Fortsetzung des Buchenganges eine Nachahmung des Herrenhauses ; die ganze Front mit allen dazugehörigen Tür- und Fensteröffnungen , das Erdgeschoß und das obere Stockwerk , sogar der stumpfe Turm neben dem Haupteingange , alles war aus der grünen Hecke herausgeschnitten und trotz der jahrelangen Vernachlässigung noch gar wohl erkennbar ; davor breitete sich ein Obstgarten von lauter Zwergbäumen aus , an denen hie und da noch ein Apfel oder eine Birne hing . Nur ein Baum schien aus der Art geschlagen ; denn er streckte seine vielverzweigten Äste weit über die Höhe des grünen Laubschlosses hinaus . Die Dame blieb bei demselben stehen und warf einen flüchtigen Blick umher ; dann setzte sie den geschmeidigen Fuß in die unterste Gabel des Baumes und stieg leicht von Ast zu Ast , bis die Umgebung der hohen Laubwände ihren Blick nicht mehr beschränkte . Seitwärts , unmittelbar am Garten , erhob sich der Tannenwald und verdeckte das tiefer liegende Dorf ; vor ihr aber war die Schau ins Land hinaus eine unbegrenzte . Unterhalb des Hochlandes , worauf das Schloß lag , breitete sich nach beiden Seiten eine dunkle Heidestrecke fast bis zum Horizont ; in braunviolettem Dufte lag sie da ; nur an einer Stelle im Hintergrunde standen schattenhaft die Türme einer Stadt . Die schlanke Frauengestalt lehnte sorglos an einen schwanken Ast , indes die scharfen Augen in die Ferne drangen . – Ein Schrei aus der Luft herab machte sie emporsehen . Als sie über sich in der sonnigen Höhe den revierenden Falken erkannte hob sie die Hand und schwenkte wie grüßend ihr Schnupftuch gegen den wilden Vogel . Ihr fiel ein altes Volkslied ein ; sie sang es halblaut in die klare Septemberluft hinaus . Aber unten neben dem auf dem Boden liegenden Sommerhut stand der Hund , die Schnauze gegen den Baum gedrückt , mit den braunen Augen zu seiner Herrin emporsehend . Jetzt kratzte er mit der Pfote an den Stamm . » Ich komme , Türk , ich komme ! « rief sie hinab ; und bald war sie unten und ging mit ihrem stummen Begleiter den hinteren Buchengang hinab , der von dem Rondell aus nach der breiten Lindenallee führte . Als sie in diese eintrat , kam ihr ein junger , kaum mehr als zwanzigjähriger Mann entgegen , in dessen gebräuntem Antlitz mit der feinen vorspringenden Nase eine Familienähnlichkeit mit ihr nicht zu verkennen war . » Ich suchte dich , Anna ! « sagte er , indem er der schönen Frau die Hand küßte . Ihre Augen ruhten mit dem Ausdruck einer kleinen mütterlichen Überlegenheit auf ihm , als sie ihn fragte : » Was hast du , Vetter Rudolf ? « » Ich muß dir Vortrag halten ! « erwiderte er , während er sie höfisch zu einer in der Nähe stehenden Gartenbank führte . Dann begann er , vor ihr stehend , einen ernsthaften Vortrag über die Dränierung einer kaltgrundigen Gutswiese ; über die Art , wie dies am zweckmäßigsten ins Werk zu richten sei , und über die Kosten , die dadurch veranlaßt werden könnten . – Er hatte schon eine Zeitlang gesprochen . Sie lehnte sich zurück und gähnte heimlich hinter der vorgehaltenen Hand . Endlich sprang sie auf . » Aber Rudolf « , rief sie , » ich verstehe von alledem nichts ; du hast mir das ja selbst erklärt ! « Er runzelte die Stirn . » Gnädige Frau ! « sagte er bittend . Sie lachte . » So sprich nur ; ich habe schon Geduld ! « – Dann brachte er ' s zu Ende . – Sie reichte ihm die Hand und sagte herzlich : » Du bist ein gewissenhafter Verwalter , Rudolf ; aber ich werde mich nach einem andern umsehen müssen ; ich kann dies Opfer nicht länger von dir fordern . « Ein leidenschaftlicher Blick traf sie aus seinen Augen . » Es ist kein Opfer « , sagte er ; » du weißt es wohl . « » Nun , nun ! Ich weiß es « , erwiderte sie ruhig , » du bist ja sogar als zehnjähriger Knabe mein getreuer Ritter gewesen . – Bestelle mir nur den Rappen ; wir können gleich miteinander zur Wiese hinabreiten . « Er ging , und sie sah ihm nachdenklich und leise mit dem Kopfe schüttelnd nach . Bald waren beide zu Pferde . Der junge Reiter suchte an ihrer Seite zu bleiben ; aber sie war ihm immer um einige Kopfeslängen voraus . Sie ließ den Rappen ausgreifen , der Schaum flog von den Ketten des Gebisses , während der Hund in großen Sätzen nebenhersprang . Ihre Augen schweiften in die Ferne , über die braune Heide , auf der sich schon die Schatten des Abends zu lagern begannen . – – – – Einige Stunden später saß sie wieder allein in ihrem Zimmer am Schreibtisch , die am Nachmittage weggeschlossenen Blätter vor sich . Neben ihr auf seinem Teppich ruhte Türk.- Von der Lampe beleuchtet , erschien ihre nicht gar hohe Stirn gegen die Schwärze des schlicht zurückgestrichenen Haars von fast durchsichtiger Blässe . Sie schrieb nur langsam ; mitunter ließ sie die Feder gänzlich ruhen und blickte vor sich hin , als suche sie die Gestalten ferner Dinge zu erkennen . Sie gedachte einer Novembernacht , da sie zum letztenmal vor ihrem gegenwärtigen Aufenthalt das Schloß betreten hatte . – Der Brief des Oheims , der ihr die Nachricht von der tödlichen Erkrankung ihres Vaters in die Residenz brachte , trug auf dem Kuverte einen mehrere Tage alten Poststempel . Eilig war sie abgereist ; nun dämmerte schon der zweite Abend , und die Wälder und Fluren an der Seite des Weges wurden allmählich ihr bekannter . Schon machte aus der Dunkelheit die Nähe des letzten Dorfes sich bemerklich ; sie hörte die Hunde bellen und spürte den Geruch des Heidebrennens . An einem kleinen Hause in der Dorfstraße hielt