Ich darf ja nicht ‹ , entgegnete er ; › Vater hat ja gesagt , er wolle von dem dummen Zeug nun nichts mehr hören . ‹ › Nachbar ‹ , sagte der alte Ivers , der ein Junggeselle und sehr neugierig war , › so lassen Sie den Jungen doch seine Geschichte von sich tun ! ‹ Mein Vater klopfte den Alten mit seinem schelmischen Lachen auf die Schulter . › Nun , Christian , so schieß denn los ; du sollst doch Nachbar Ivers nicht die Nachtruh vorenthalten ! ‹ › Ja ‹ , sagte der Junge ; aber er sah sich erst mal um , ob doch auch alle andern hörten ; › es ist ganz gewiß , sie haben Peter Liekdoorn seinen einen Finger weggestohlen ! ‹ – › Wer hat euch das gesagt ? ‹ › Das hat Ratsdieners Ferdinand uns selbst erzählt . ‹ › Ei was ! Der Fuchs wird ihn geholt haben ‹ , sagte mein Vater ; › wer sollte denn dergleichen stehlen ! ‹ – › Nein , nein , Vater ; das Rad ist viel zu hoch , da können die Füchse nicht daran ! ‹ Der alte Ivers hatte schweigend zugehört . › Sag mir einmal , mein Jüngelchen ‹ , begann er jetzt , › was ist ' s denn eigentlich für ein Finger ? ‹ – › Wie meinst du das , Nachbar Ivers ? ‹ › Nun , ich meine , ist ' s der kleine Finger oder der Goldfinger oder – ‹ › Nein , nein ; es ist der Daumen ! ‹ unterbrach ihn Christian ; › ich weiß aber nicht , von welcher Hand . ‹ › So ‹ , sagte Ivers , › der Daumen ! Das hatte ich mir gedacht . Er braucht eigentlich nur von einem Dieb zu sein ; aber besser ist gewißlich immer besser ; nein , den Daumen hat sich nicht der Fuchs geholt , den können ganz andere Leute noch gebrauchen ! Da fragt nur Euren Lorenz , wenn Ihr ' s nicht selber wißt ! ‹ Aber Lorenz sah auf seinen Teller und aß schweigsam seinen Reisbrei . › So erzählt es doch nur , Nachbar ! ‹ sagte meine Mutter , denn sie wollte nicht , daß er den alten Lorenz necken sollte . › Kann leicht geschehen , Frau Nachbarn ‹ , erwiderte er ; › aber wißt Ihr das denn nicht ? Wer solch einen Finger unter seinem Drümpel eingegraben hat , dem strömt die Kundschaft in das Haus hinein ! – Nun ‹ , setzte er gutmütig hinzu , › hier , Gott sei Dank , sind solche Künste nicht vonnöten ! ‹ › Das walte Gott ! ‹ sprach meine Mutter leise und klopfte unter den Tisch , um die üble Berufung abzuwenden . Denn solche Dinge zählte sie nicht zum Aberglauben , und sie konnte ganz böse werden , wenn man ihr dawider stritt ; dagegen wußte sie wohl , daß das großväterliche Vermögen in viele Teile gegangen und die Brauerei derzeit mit schweren Schulden von ihrem Manne übernommen war . Mein Vater war ganz ernst geworden . › Setz dich , Christian ‹ , sagte er zu dem Jungen , der noch immer auf der Diele herumstand , › und mach , daß du mit deinem Reisbrei fertig wirst ! ‹ Ich weiß noch wohl , unsere Mahlzeit ging ganz still zu Ende . « Nachdem auf Befragen einer mitteldeutschen Anverwandten noch erklärt war , daß unter dem plattdeutschen Worte » Drümpel « eine Türschwelle zu verstehen sei , begann die Erzählerin wieder : » Man hätte glauben sollen , daß wir nun endlich mit Peter Liekdoorn fertig gewesen wären ; aber , leider Gottes , das alles war nur erst der Anfang . Es war im Juli und ungewöhnlich heiß ; die Ernte hatte schon begonnen . Von den umliegenden Dörfern kam ein Wagen nach dem andern hinten vor unserem Brauhaus angefahren , um Gut- und Dünnbier für Herrschaft und Leute abzuholen , und nicht nur viertel und halbe , sondern fast immer ganze Tonnen wurden aufgeladen . Mein Vater und unser alter Lorenz arbeiteten in hellem Schweiße , aber mit vergnügten Angesichtern . In unserer hohen kühlen Außendiele , unter dem Fenster , lagen zwei Fässer für den Hausverkauf ; ich habe manches Maß voll da herausgezapft , denn seit meiner Konfirmation hatte ich das zu besorgen . Aber jetzt ließ es mich in Wahrheit kaum zu Atem kommen ; ich merkte wohl , auch die Leute in der Stadt hatten bei der grausamen Hitze einen schönen Durst ; Kopf an Kopf stand es oft um mich herum , und mit all den Krügen und Kannen , die sie gegen mich streckten , trieben sie mich eines Tages so in die Enge , daß ich erst auf einen Tritt und dann oben auf die Fensterbank mich retirieren und von dort aus eine ordentliche Rede halten mußte , bevor ich nur wieder zu meinem Faß hinunter konnte . « Die Erzählerin sah uns an und nickte . » Ja « , sagte sie , » es mag wunderlich ausgesehen haben ; aber ich war damals auch noch eine flinke , leichte Dirne ! Und was war das für eine Freude , wenn ich so mittags und abends zwei schwere blanke Hände voll vor meinem Vater auf den Tisch schütten konnte ! Ich weiß noch , morgens , bevor die Zeit herangekommen war , wie ich in der Stube am Fenster stand und es nicht erwarten konnte , bis ich den ersten mit Krug oder Blechgemäß unserm Haus zusteuern sah . So stand ich auch eines Vormittags und konnte nicht begreifen , daß das lustige Geldeinnehmen noch immer nicht in Gang kommen wollte ; denn es war schon über zehn , und im Flur draußen von unserer Hausuhr schlug es erst ein Viertel , dann halb ; aber es kam noch immer niemand . Endlich ging ich