aber da du alles wissen sollst , so muß ich weit zurück , bis in meine letzte Primanerzeit . « » Du bist als Student einmal mehrere Tage mit mir in meinem elterlichen Hause gewesen ; der Örtlichkeiten hinter dem mächtigen alten Wohngebäude wirst du dich wohl noch kaum entsinnen . Wenn man aus der Hoftür trat , lag rechts zunächst ein hoher Flügel des Hauses , dann Stallräume und ein Aufgang zum Heu-und Kornboden ; zur Linken zog sich der höher belegene , mit niedriger Mauer und darauf befindlichem Stakete eingefriedigte Garten entlang ; hohe Obstbäume reckten ihre Zweige über den darunter liegenden Steinhof , so daß ich mir als Knabe , wie oft , morgens die vom Wind herabgeschüttelten und auf den Steinen geplatzten Gravensteiner sammelte . Verzeih mir , Hans , ich vergesse mich ; aber es ist mein Vaterhaus , und ein Brand hat später das meiste davon zerstört , damals aber stand alles , als sei es immer dort gewesen und müsse immerfort so bleiben . Was zwischen dem Garten und den Baulichkeiten zur Rechten die beiden Seiten des Hofes schloß , war neben dem ersteren der Eingang zu einer unendlichen Rummelei von seit Jahrzehnten verödeten Fabrikgebäuden mit finsteren Kellern , Kammern voll Spinngeweben mit kleinen Scheiben in den klappernden Fenstern und unzähligen , sich übersteigenden Böden , über welche wir einmal , mit Gartenstöcken bewaffnet , den Fabrikkobold verfolgten , der uns , wie starr behauptet wurde , mit seiner Zipfelmütze aus einer Dachöffnung angegrinst hatte . Dann folgte das geräumige Waschhaus , durch das man in einen gleichfalls großen abgelegenen Hühnerhof gelangte , der von der Hinterseite der stillen Fabrikgebäude und einiger Nachbarspeicher rings umschlossen war , übrigens außer dem gewöhnlichen Federvieh von mir mit Meerschweinen und Kaninchen , gezähmten Möwen und Bruushühnern , auch wohl mit gefangenen Ratten und Feldmäusen und anderem unheimlichen Geziefer bevölkert zu werden pflegte ; nach der Schulzeit war das meine liebste Gesellschaft . Damit sind die Räume meiner Knabenfreude zu Ende ; nur noch der letzte in der Ecke gegen die Heubodentreppe ist zu erwähnen . Wenn man eintrat , war zunächst eine Kammer für Pferdegeschirr und dergleichen , nebst andern kleinen Gelassen ; dann aber rechts hinter einer leeren Türöffnung befand sich ein Raum , zur Bergung des Torfes , von ungewöhnlicher Höhe und Flächengröße . Selbst bei Tage herrschte hier meist tiefe Dämmerung , denn nicht allein , daß alle Wände von Torfstaub geschwärzt waren , es war auch nur eine einzige Fensteröffnung hier , aber in solcher Höhe , daß ich darunter mehrere alte Kisten aufeinandergepackt hatte , um dadurch in den darunterliegenden Hühnerhof hinabblicken zu können . Und das geschah nicht selten ; nicht nur wenn am Tage Hühner und Kaninchen krächzend und schnubbernd gegeneinanderflogen , sondern auch gegen Abend , wenn der Hof leer und schon alles an seinem Nachtort war , wenn nur die Fledermäuse über den Hof flogen und ich meine Mäuse in ihren Kästen an der Mauer knuspern hörte . Manch halbes Stündchen , und auch wohl länger , bin ich so dort gestanden , bis die Nacht herabfiel und mir Beine machte , daß ich in das helle Haus zurückkam . Von jener Fensterhöhle aus – denn ein Fenster war nicht mehr darin – habe ich ein Gesicht gehabt , das , wie ich mir noch heute nicht verreden kann , mein ganzes späteres Leben bestimmt hat ; nur ein Nachtgesicht , das mir mit geschlossenen Augen offenbar ward , denn mein Leib lag in meiner Kammer oben im Wohnhause und von Schlaf bezwungen . Aber gleichviel ; ich sah , ich erlebte es . Mir ist noch wohl erinnerlich , es hatte damals ein Scharlach in der Stadt gewütet , und viele Kinder , besonders männlichen Geschlechts , wurden hingerafft , uns Primaner aber hatte es nicht berührt . Gleichwohl mochte meine Phantasie unbewußt davon ergriffen sein ; aber die Seuche war schon im Erlöschen . « Der Erzähler sah ein paar Augenblicke vor sich hin . » Es war in einer Oktobernacht « , begann er dann wieder ; » ich hatte mich lange schlaflos in meinem Bett umhergeworfen , denn vor meinem Fenster , das nach dem Garten hinausging , schüttelte der Sturm die schon halb entlaubten Baumkronen , fuhr dann davon , weiter und weiter , daß es totenstill ward , bis er nach kurzer Weile , wer weiß woher , zurückkam und sich tosender als vorher auf die Bäume und gegen die feste Mauer des Hauses warf . Endlich wurde es schwächer ; ich hörte schon nichts mehr , ich stand unten in jenem Torfraum auf den aufeinandergepackten Kisten und schaute durch die schwarze Fensterhöhle in den einsamen Hühnerhof hinab . Es war erst kalte Morgenfrühe , wo noch kein Leben sich regt ; auch in den Lüften war es still , und der Hof schien gänzlich öde ; ein letztes Dämmern lag noch in den Ecken . Ich weiß nicht , wie es kam , aber plötzlich , mir gegenüber in der Mitte des Hofes , sah ich etwas : in einem Dunste , der aus dem Boden aufzuziehen schien – mir war , ich hätte es einmal an einem schwülen Mittsommerabend auf dem Kirchhof über dem Hügel eines Frischbegrabenen so gesehen – , darin stand eine Gruppe von Knaben , einer an dem andern ; ihre Arme hingen herab , ihre welken Köpfe lagen schief auf ihrer Schulter , von den Augen sah ich nichts . Aber meine Blicke hafteten nicht auf ihnen ; in ihrer Mitte , sie ein wenig überragend , stand die Gestalt eines etwa dreizehnjährigen Mädchens ; ein schlichtes aschfarbenes Gewand zog sich bis an ihren Hals hinauf , wo es mit einer Schnur zusammen gezogen war . Schön war sie eben nicht ; ein etwas fahlblondes Haar lag ein wenig wirr auf ihrem kleinen Kopfe , aber aus den feinen durchsichtigen Zügen ihres Antlitzes blickten ein Paar lichtgraue Augen unter dunklen Wimpern in die meinen ,