sie , sei es , was ihr Leben einst erfüllt oder was , oft jählings , aus demselben sie hinausgetrieben hatte . Einst hatte die alte Maike ihr das erzählt ; jetzt war ihr , wenn sie auf die einen oder andern blickte , als erzählten es die toten Bilder selber , daß ihres Lebens Lust und Jammer nicht vergessen werde . Und von dem milden Antlitz ihres Vaters gingen ihre Blicke stets nach jener fernsten Ecke , wo in dem Schatten der Fensterwand des jungen bleichen Obristers Bildnis hing ; von diesem weiter zu der stolzen Dame mit der Reiherfeder , die jetzt mit ihren dunkeln Augen in das Leere schaute . Dann schrak sie wohl zusammen und ließ die kleine Arbeit aus den Händen fallen ; denn ihr war gewesen , als hübe auf der Dame Hand der Stieglitz seine Flügel , als ob er plötzlich seinen Sang beginnen wolle . Aber wenn sie mit aufgerissenen Augen horchte , so war es totenstill im Saale . Auch einmal , da in der steigenden Dämmerung es immer einsamer um sie geworden war , als auch draußen das Rauschen in den Eichen aufgehört hatte und ihr die müden Hände in den Schoß gesunken waren , ist es über sie gekommen , als wäre in dem leeren Saal nun auch sie selber nicht mehr da , sondern statt ihrer nur noch ihr Bildnis , das mit den anderen in den stillen Raum hinabsehe . Sie hat versucht , die Arme oder den Fuß zu strecken , aber sie hat es nicht vermocht ; ihr ist gewesen , als sei sie nun für immer leblos in den dunkeln Rahmen des Bildes festgebannt . Das finstere Wort des Vaters hat vor ihr gestanden ; doch als es jählings sie durchfuhr , daß dies den Tod bedeuten möge , da hat die Mutterangst aus ihr geschrien : » Mein Kind , mein Kind ! Was soll aus meinem Kinde werden ! « Und mit gelösten Gliedern ist sie aufgesprungen und in dem fast dunkeln Saal umhergewandert ; als sie aber an ihrem eignen Bild vorübergekommen , hat sie geschaudert und ist dann eilig in die Kammer nebenan geflohen , allwo sie mit der teueren Bürde unter ihrem Herzen an der Wiege hingesunken ist . Herr Hennicke hat dies nie erfahren ; aber sein junges Weib hat es in ihrer letzten Not ihrem alten Seelsorger , dem Pastor drunten aus dem Dorfe , anvertraut ; von diesem ist es auf seinen Nachfolger Albertus Petri übertragen worden , welcher vor seinem Dienstantritt als Informator in Herrn Hennickes Hause lebte und später der erste Erzähler dieser Geschichte wurde . Und als die Zeit erfüllt war , sind nach schwerer Angst die Kammerwände von der matten Stimme eines Knäbleins angeschrien worden ; die Mutter selber aber hat am dritten Tage ein Schlaf befallen , aus welchem die Seele nicht mehr Kraft gehabt hat , sich emporzuringen . Und wieder danach am dritten Tage , da eben durch die kleinen Scheiben das letzte Sonnengold hereinleuchtete , ist draußen aus der Abendstille ein süßer Vogelgesang erschollen , obwohl die Zeit des Singens längst vorüber war und schon der Herbst die Blätter von den Bäumen riß . Die Kranke aber ist aus ihrem Fieber aufgefahren und hat mit Wehelaut gerufen : » Der Stieglitz ! Maike , ach , der Stieglitz singt ! « Und als im selben Augenblick Herr Hennicke mit hartem Schritt hereintrat , ist er in jähem Schrecken an der Schwelle festgehalten worden und hat mit vorgerecktem Halse horchend dagestanden . Da war es , als ob der Vogelsang sich nebenan im Bildersaal verliere ; dann ward es völlig still , und auch die Wöchnerin sank stumm in ihre Kissen ; doch als Herr Hennicke herzutrat , lag nur noch seines Weibes Leiche vor ihm . Als bald danach die Wehmutter , welche im Hause verblieben war , das weiße Linnen über der Toten Antlitz deckte , stand der Witwer an der Wiege und starrte schweigend auf das schwache Wesen , das dort in den Kissen um die Lebensluft zu ringen schien . Da trat das Weib auf leisen Sohlen zu ihm . » Betet zu Gott , Herr Hennicke ! « sprach sie ; » aber getröstet Euch nicht , daß Euch das Kind behalten bleibe ! « Er fuhr zusammen und wandte rasch den Kopf . Das Weib erschrak fast , als er sie mit seinen schwarzen Augen ansah . » Das Kind ? Was meinst du ? « rief er . » Daß auch das Kind noch sterben sollte ? « Die Alte wurde fast verwirrt ; er sprach so laut ; doch weder Schreck noch Kummer war in seiner Stimme . » Das liegt in Christi Händen « , sagte sie ; » aber saht Ihr ' s denn nicht ? Es steht ein Lächeln um der Leiche Mund ; so liegen nur , die bald ihr Liebstes nach sich ziehen . « Sie trat zurück , um von der Toten Angesicht das Linnen abzudecken ; aber Herr Hennicke packte raschen Griffes ihren Arm . » Geschwätz « , stieß er mit heiserem Laut hervor , » wenn du nichts anderes zu berichten weißt ! « » Laßt mich , Herr Hennicke ! « sagte die alte Frau . » Ihr seid ein großer Herr ; aber der Toten Angesichter versteh ich besser doch als Ihr ! Harret eine Viertelstunde hier an Eures Kindes Wiege , so werdet Ihr die Gichter kommen sehen . « Und Herr Hennicke blieb und sah die Gichter in dem kleinen Antlitz zucken . Dann schritt er aus der Kammer und durch den Saal ; aber er sah nicht auf , wo seines Weibes Bildnis hing . Eilends stieg er in den Hof hinab , und bald saß er zu Pferde , und seine großen Hunde neben sich , ritt er über die Brücke in die schon dunkelnde Nacht hinaus . Er ritt auf dem engen Wege um den