gingen hin . Während wir die Universität besuchten , starb der gute Pastor , und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle ; ich hatte keine Veranlassung mehr , nach jenem Dorfe zu wandern . – Da , als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war , geschah es , daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte . Der eigenen Jugendzeit gedenkend , schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen , als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel , die verhochdeutscht etwa lauten würde : Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt , Also sind auch die Menschenkind . Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein ; denn ich hatte sie nie bemerkt , sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte . Fast unwillkürlich trat ich in das Haus ; und in der Tat , es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter . Die Stube ihrer alten » Möddersch « ( Mutterschwester ) – so sagte mir der freundliche Meister – , von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten , habe seit Jahren leer gestanden ; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür gewünscht . Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt , und wir betraten dann ein ziemlich niedriges , altertümlich ausgestattetes Zimmer , dessen beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen . Früher , erzählte der Meister , seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen ; aber er habe sie schlagen lassen , da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten . Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig ; während wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen , war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen , das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm . Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren , ernst und milde blickenden Mann dar , in einer dunklen Tracht , wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten , welche sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten . Der Kopf des alten Herrn , so schön und anziehend und so trefflich gemalt er immer sein mochte , hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht ; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt , der in seiner kleinen , schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt ; – und diesen Knaben kannte ich ja längst . Auch hier war es wohl der Tod , der ihm die Augen zugedrückt hatte . » Woher ist dieses Bild ? « frug ich endlich , da mir plötzlich bewußt wurde , daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung innegehalten hatte . Er sah mich verwundert an . » Das alte Bild ? Das ist von unserer Möddersch « , erwiderte er ; » es stammt von ihrem Urgroßonkel , der ein Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat . Es sind noch andre Siebensachen von ihm da . « Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz , auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren . Als ich sie von dem Schranke , auf dem sie stand , herunternahm , fiel der Deckel zurück , und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen . » Darf ich die Blätter lesen ? « frug ich . » Wenn ' s Ihnen Pläsier macht « , erwiderte der Meister , » so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen ; es sind so alte Schriften ; Wert steckt nicht darin . « Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis , diese wertlosen Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen ; und während ich mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte , verließ der Meister das Zimmer , zwar immer noch erstaunt , doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend , daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regalieren werde . Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen . * So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande ; am Sonntage Cantate war es Anno 1661 ! – Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß , die Straße durch den maiengrünen Buchenwald , der von der See ins Land hinaufsteigt . Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser , so in den tiefen Radgeleisen stund ; denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am Vormittage , so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte . Der helle Drosselschlag , der von den Lichtungen zu mir scholl , fand seinen Widerhall in meinem Herzen . Durch die Bestellungen , so mein theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet , war ich aller Sorge quitt geworden ; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen ; dazu war ich stattlich angethan : mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk , und der Lütticher Degen fehlte nicht an meiner Hüfte . Meine Gedanken aber eilten mir voraus ; immer sah ich Herrn Gerhardus , meinen edlen großgünstigen Protector , wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd ' entgegenstrecken , mit seinem milden Gruße : » So segne Gott deinen Eingang , mein Johannes ! « Er hatte einst mit meinem lieben , ach , gar zu früh in die ewige Herrlichkeit