, und es wurde an das Schiebfenster der Offizin gepocht . Herr Philipp Kristeller erhob sich , stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebückt in seine Werkstatt . Kopfschüttelnd kam er nach einer viertelstündigen Arbeit im Berufe zurück ; die Haustürglocke erklang von neuem , und eiligen Laufes entfernte sich jemand , durch die Wasserlachen der Landstraße dem Dorfe zuplatschend , ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben . Kopfschüttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein , zündete seine Pfeife von neuem an und sagte : » Eine ungesunde Jahreszeit – ein Apothekerherbst . Gute Kasse , aber doch ein schlechtes Geschäft . « Er seufzte dabei , und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von einem guten Herzen . Nun saß er wieder einige Minuten , bis er plötzlich zusammenschrak : » Mein Gott – ja aber – ist es denn so ? ! « Er erhob sich von neuem hastig , schritt diesmal eilig in die Offizin , schloß ein Stehpult am Fenster auf , nahm ein Buch hervor und blätterte darin . Seine Finger zitterten , seine Lippen zuckten , er sah sich mehrere Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um : es war kein Zweifel , jede Büchse und jedes Glasgefäß , mit oder ohne Totenkopf , befand sich noch auf seinem Platze . Der Apotheker Kristeller schloß das Buch , legte die Hand darauf und rief : » Es ist wahrhaftig so ! Es ist richtig ; heute ist der Tag oder vielmehr der Abend . Es sind dreißig Jahre auf die Stunde – ein Jubiläum – , und ich hatte das vollständig , vollständig vergessen . Dorothea , Dorothea ! « » Lieber Bruder ? « klang es draußen schrill . Der Alte schritt in seiner Aufregung fünf Minuten lang auf und ab ; dann war seine Geduld zu Ende . Er öffnete die Tür : » Dorette , Dorette ! « » Was gibt es denn , Philipp ? « ertönte es aus der Ferne . » Ich höre den Wind wohl ; aber was kann man dagegen tun – Tür und Fenster sind verwahrt , und das übrige steht in Gottes Hand . « » Ei , ei « , murmelte Herr Philipp und rief dann : » Es handelt sich nicht um Wind und Wetter . Komm doch einmal einen Augenblick herein , Dorothea ! « Es dauerte noch verschiedene Augenblicke , ehe das möglich war ; aber zuletzt geschah es doch . Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt die ganze übrige Figur , und zwar mit einem über jeden höflichen Zweifel erhabenen Buckel zwischen den Schultern . » Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Küche , lieber Philipp . Wünschest du etwas , bester Bruder ? « » Nein ; aber heute vor dreißig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in diesem Hause für den ersten Groschen Wundspiritus . Den Altvater Zimmermann – Gott habe ihn selig ! – hatte der Gaul an die Hüfte geschlagen . Ich habe es mir notiert vor dreißig Jahren , und ich hatte es gänzlich vergessen – dem Lehnstuhle dort zum Trotz ! « » O du meine Güte ! « rief das alte Fräulein und verschwand nach einigem , wie es schien , ratlosen Zögern , schlug dann aber die Tür um so heftiger hinter sich zu . Schon auf dem Hausflur wußte Fräulein Dorette Kristeller ganz genau , was sie zu tun habe , und man hatte für den ferneren Abend es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Küche der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . Zweites Kapitel Trotz aller geistigen Aufregung mußte der Apotheker Philipp Kristeller einen erstaunten Blick für die Pforte , durch welche die Schwester so plötzlich verschwunden war , übrighaben . » Herr Jesus ! « sagte er ; und dann versuchte er es von neuem , sich ruhig zu setzen , allein es wollte nicht angehen . Das bedeutungsvolle Datum brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen , und so schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte , immerfort den Kopf schüttelnd , in seiner Bildergalerie auf und ab ; und immer klarer und deutlicher stieg die Welt , welche vor dreißig Jahren , vor einem Menschenalter , war , in seiner Seele empor . Ja , von seiner frühesten Kindheit an lag mit einemmal alles in den schärfsten Umrissen vor ihm , und nur seine ihm allzufrüh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft die helle Landschaft . Dagegen stand der Vormund in derber , ungemütlicher Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Szenerie jener kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges , dem Thüringerlande zu , mit dem Kyffhäuser in der Nähe und dem Kickelhahn in der blauen magischen Ferne . » Der allergewöhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt , wenn er so ein Menschenalter über ein Menschenalter hinaus zurückdenken kann « , murmelte der Alte . » Wie lebendig das nun alles ist , was eben tot und vergessen in meiner Seele lag . Da ist ja der alte Biedermann , der Grauwacker , mein Lehrherr , mit seinem ganzen Haus und Hauswesen . Welch ein schnurriger , verbissener Patron er war ; und dann die Patronin , ich meine die Frau Prinzipalin . Herrgott , wie sorgst du in deiner Güte und Weisheit dafür , daß denen , welchen du einen kleinen Löffel auf den Lebensweg mitgibst , auch der Brei nach dem richtigen Maße zugemessen wird ! Ist es mir doch , als verspürte ich heute noch das Magenknurren aus jener guten , alten Zeit unter dem Zwerchfell . Und es war doch eine glückliche , gesunde Zeit ! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem alten Grauwacker ; man muß es ihm lassen , er verstand das Geschäft , die Kunst , und er wußte uns darin zurechtzuschütteln . Alles , was nachher kam – « Die Glocke der Offizin klingelte von