so nannte man das ein System , und dann kam es vor allem darauf an , ob das Buch einen Verleger und das System Anhänger und Schüler fand . Unterdessen wechselte , wie gesagt , Geburt und Tod , und schickte oder lief der Mensch nach dem Tischler , um eine Wiege oder einen Sarg zu bestellen : Beides sehr unphilosophisch , das heißt in erklecklicher Aufregung mit beschleunigtem Pulsschlag und keuchendem Atem . Es gab freilich Piepenschnieder , philosophische und unphilosophische , die nichts aus der Fassung brachte , was selbst ihre nächsten Familienmitglieder betraf . Leider waren sie die Allerkitzlichsten in allem , was ihre eigene liebe Person anging , und kam hier einmal auch Not an den Mann , so fand die Nachbarschaft allen Grund , zu bemerken : » Mein Gott , wer schreit denn da so fürchterlich ? « Kam dann die Antwort : » Wissen Sie ' s nicht ? Es ist ja der Onkel Lump , der mit dem Kopf durch die Decke will ! « so pflegte die Nachbarschaft sich gewöhnlich verstohlen die Hände zu reiben und vergnügt vor sich hin zu nicken . Klug jedoch tat sie , wenn sie die Augen offen behielt und auf ihre Türen acht gab , denn es gab Fälle , in denen der gute Onkel es ausgezeichnet verstand , seinen Schaden einem anderen zuzuschieben oder gar ein damnum commune , einen allgemeinen Schaden daraus zu machen . » Er ist doch ein kommuner Kerl ! « sagte dann die Stadt ; aber nun durfte sich der Onkel die Hände reiben und vergnügt hinnicken , denn es fand sich immer ein Bruchteil der Bevölkerung , der das Wort ins Deutsche übersetzte und ihn einen » gemeinnützigen Bürger « nannte . Einen solchen Onkel haben wir gekannt , der noch um ein Bedeutendes fester an sich glaubte als seine Kollegen . Er hatte auch etwas gelernt , wußte gut zu reden und trefflich , unübertrefflich sich selber zu erklären und auf seine Bedeutung hinzuweisen . Nie hat ein zweiter Märtyrer unserer Bekanntschaft in der Melancholie des Verkanntseins gleich tonlos geschwelgt . Seine Tonlosigkeit können wir nicht wiedergeben ; seine Worte aber über sich lauteten ungefähr : » Ein wackerer Mann ist wie ein Granitblock im Felde – ein Findling , ein geologischer Findling , herabgerollt vom Urgipfel des Urgebirges des Menschtums . Und so findet man ihn auf dem Roggenacker oder zwischen den Zuckerrüben und läßt ihn liegen , bis man ihn durch die Dynamitpatronen des Neides , des Hasses , des Undankes klein kriegt und entfernt . Aber Gott sei Dank , man kriegt ihn nicht immer klein ! Wie es um ihn her stäubt , wie die Wirbel sich drehen , was für Staub auf ihn geweht , getrieben und gehäuft wird , er bleibt liegen , und er liegt ruhig und fest . Der Sturm wird ihn von dem Schmutze wieder befreien , und die Sonne wird wieder auf ihn scheinen . Wenn ihn aber der Schlamm der Gewöhnlichkeit einmal ganz begraben sollte , so bleibt er auch unter diesem Schlamm immer derselbige und wartet auf seine Zeit . Hausse und Baisse wechseln auch in diesem Falle , das muß unsereiner wissen ; und die Augen , die sich an uns trösten , die Herzen , die sich an uns erheben sollen , werden uns immer im richtigen Moment wieder zu Gesicht und Gefühl bekommen , verlassen Sie sich darauf , liebster Herr ! « Und er hatte recht und sagte wahr bis unter den tiefsten Dreck hinunter : man hat ihn wiedergesehen und sich an ihm erhoben . Er hatte viele , viele , viele erquickt ; die einen auf diese Art , die anderen auf jene . Wirklich ergötzt hat er aber vielleicht nur Uns ; denn nur wir wußten die breitbäuchige Volltönigkeit in Organ und Ausdruck , mit der er uns bei unserem ersten Zusammentreffen nach seiner Rehabilitierung begönnerte , ganz zu würdigen und in den feinsten Abstimmungen zu genießen . – – Nun denkt man wohl , weil das beides so wunderhübsch beieinander saß und lag , ich meine der Einsiedler und die Stadt , daß sofort vom ersten Gerücht der Niederlassung des Klausners in der Wildnis an ein reger Verkehr zwischen dem einzelnen und der Vielheit und umgekehrt stattgefunden habe . Dem war aber nicht so ; ganz abgesehen davon , daß der Vater Konstantius nicht des geselligen Verkehrs wegen den Wald bezogen hatte . Auch die Stadt kümmerte sich lange Jahre hindurch nicht im geringsten um ihn ; zumal da in einem sehr besuchten öffentlichen Garten eine Tuffsteingrotte vorhanden war , in welcher ein automatischer Eremit saß , der ein ziemliches Teil der Bewegungen eines wirklichen ganz vortrefflich vermittelst des Räderwerkes in seinem Innern nachmachte und dem Volke vollständig für seine Bedürfnisse in dieser Hinsicht genügte . Diejenigen Piepenschnieder , welche das Theater besuchten , hatten überdies noch die Eremiten des Schauspiels und der Oper zur Deckung ihrer Waldeinsamkeitsgelüste , und so war es nichts als ein Zufall , daß ein bedrücktes Menschenkind , mitten im Gassen- und Marktgetümmel den Gedanken fassend , sich zu hängen , sich in die Wildnis verfügte und den Vater Konstantius fand . Dieser , welcher gerade einen neuen Strick zum Gürtel für seine Kutte nötig hatte , nahm dem Lebensmüden den seinigen ab und schickte den Narren so getröstet heim , daß er aus dem Walde auf der Stelle hinging , sich zum zweiten Male verehelichte und zehn Jahre hintereinander jedes Jahr ein Knäblein oder ein Mägdlein und einmal sogar ein Zwillingspaar taufen ließ : letzteres auf die Namen Konstantius und Konstanze . Sein Familienname war auch Piepenschnieder , was einige unserer Leser wahrscheinlich bereits vermutet haben ; – wir aber wünschen im Verlaufe dieser Erzählung noch viele in den Stand zu setzen , zu sagen : » Das haben wir uns doch gleich gedacht ! « Wer den Einsiedler zuerst auffand , wissen wir nunmehr ; jetzt handelt es sich darum