ihr jetzt eben Lucas eines der wieder gezäumten Pferde vorführte . » Gehabt Euch wohl , Herr Waser ! « grüßte Planta , sich rasch in den Sattel des zweiten schwingend . » Ich kann Euch nicht einladen , auf Euerm Heimwege bei mir im Domleschg einzusprechen , wie ich es unter andern Umständen gerne getan hätte . Die schuftigen Hände , die jetzt unser Staatsruder führen , haben mir , wie Ihr wißt , mein festes Haus Riedberg zugeriegelt und das durch sie entehrte Bündnerwappen auf mein Tor geklebt . « Waser verbeugte sich und schaute eine Weile nachdenklich dem über die Hochebene davontrabenden Reisezuge nach . Dann bückte er sich nach seinem aufgeblättert am Wege liegenden Taschenbuche und warf , bevor er es schloß , noch einen Blick auf seine Zeichnung . Was war das ? Mitten zwischen die zwei flüchtig entworfenen Säulen hatte eine kindlich ungeübte Hand große Buchstaben hineingeschrieben . Deutlich stand es zu lesen : Giorgio , guardati . Kopfschüttelnd preßte er das Büchlein mit dem eingesteckten Stifte zusammen und versenkte es in die Tiefe seiner Tasche . Unterdessen hatten die Wolken sich gemehrt und verdüsterten den Himmel . Waser setzte seinen Weg durch die sonnenlose Felsenlandschaft mit beschleunigten Schritten fort . Noch heftete sein lebhaftes Auge sich zuweilen auf die großen dunkeln , jetzt unheimlich grotesken Felsmassen , aber es bestrebte sich nicht mehr , wie am Morgen , mit rastloser Neugierde diese ungewohnten seltsamen Formen sich einzuprägen . Es schaute nach innen und suchte mit Hilfe alter Erinnerungen das Verständnis des eben Vorgegangenen sich aufzuschließen . Offenbar konnten die warnenden Worte nur von der jungen Lucretia geschrieben sein ; sie mußte , als die Rede auf Jenatsch kam , des Wanderers Absicht , den Jugendfreund aufzusuchen , durchschaut haben . Offenbar hatte sie sich weggestohlen in der Angst ihres Herzens , um dem jungen Pfarrer im Veltlin ein mahnendes Zeichen naher Gefahr zu geben . Offenbar zählte sie darauf , das Taschenbuch werde ihm zu Gesicht kommen . Von dem eben Erlebten spannen sich Wasers Gedanken an fliegenden Fäden in seine Knabenzeit zurück . Auf dem düstern Hintergrunde des Julier malte seine Seele ein farbenlustiges Bild , in dessen Mitte wiederum Herr Pompejus mit seinem Töchterlein Lucretia stand . Zweites Kapitel Zweites Kapitel Waser sah sich in der dunkeln Schulstube des neben dem großen Münster gelegenen Hauses zum Loch im Jahre des Heils 1615 auf der vordersten Bank sitzen . Es war ein schwüler Sommertag und der würdige Magister Semmler erklärte seiner jungen Zuhörerschaft einen Vers der Iliade , der mit dem helltönenden Dativ magádi schloß . » Magás « , erläuterte er , » heißt die Drommete und ist ein den Naturlaut nachahmendes Klangwort . Glaubt ihr nicht den durchdringenden Schall der Drommete im Lager der Achaier zu vernehmen , wenn ich das Wort ausrufe ? « Er hemmte seinen Schritt vor der großen Wandkarte des griechischen Archipelagus und rief mit hellkrähender Stimme : » Magádi ! « Diese Kraftanstrengung wurde durch ein schallendes Gelächter belohnt , das der Magister mit Genugtuung vernahm , ohne den Hohn zu bemerken , der im Beifalle seiner belustigten Schüler mitklang . War es ihm doch verborgen geblieben , daß ihm diese alljährlich wiederholte effektvolle Szene schon längst den kriegsmäßigen Spitznamen Magaddi zugezogen hatte , der sich im Wechsel der nachrückenden Geschlechter von Klasse auf Klasse vererbte . Heinrich Wasers Aufmerksamkeit aber wurde seit einigen Minuten von einem andern Gegenstande gefesselt . Er saß der morschen Eichentüre gegenüber , an welcher sich in längern Zwischenräumen ein zweimaliges , dreimaliges Klopfen hatte vernehmen lassen und die sich dann leise , leise auftat . Durch die Spalte wurden zwei spähende Kinderaugen sichtbar . Als der Drommetenstoß erscholl , mochte der kleine Besuch das tönende Wort für die in einer fremden Sprache an ihn ergehende Aufforderung zum Eintritte nehmen . Es öffnete sich geräuschlos die Tür und über die hohe Schwelle trat ein vielleicht zehnjähriges Mädchen mit dunkeln Augen und trotzig scheuer Miene . Ein Körbchen in der Hand näherte sie sich ohne Zögern dem würdigen Semmler , verneigte sich vor ihm mit Anstand und sprach : » Mit Eurer Erlaubnis , Signor Maestro . « Dann schritt sie auf Jürg Jenatsch zu , den sie auf den ersten Blick in der Schülerschar entdeckt hatte . Dieser saß , eine fremdartige Erscheinung , unter seinen fünfzehnjährigen Altersgenossen , die er um Haupteshöhe überragte . Seinem braunen Antlitz gaben die düstern Brauen und der keimende Bart einen fast männlichen Ausdruck und seine kräftigen Handgelenke ragten weit vor aus den engen Ärmeln des dürftigen Wamses , dem er längst entwachsen war . Beim Eintreten der Kleinen überflog eine dunkle Schamröte seine breit ausgeprägte Stirn . Er behielt eine ernste Haltung , aber seine Augen lachten . Jetzt stand das Mädchen vor ihm , umschlang den Sitzenden mit beiden Armen und küßte ihn herzlich auf den Mund . » Ich habe gehört , daß du hungerst , Jürg « , sagte sie , » und bringe dir etwas ... Von unserm gedörrten Fleische , das du so gerne issest ! « fügte sie heimlich hinzu . Ein unbändiges Gelächter durchdröhnte die Schulstube , das Semmlers gebieterisch erhobene Rechte lange nicht beschwichtigen konnte . Die Augen des Mädchens blickten befremdet und überquollen dann von schweren Tränen des Unmuts und der Scham , während sie Jenatsch fest bei der Hand faßte , als fände sie bei ihm allein Schutz und Hilfe . Jetzt endlich brach sich die strafende Stimme des Magisters Bahn : » Was ist da zu lachen , ihr Esel ? – Ein naiver Zug , sag ich euch ! Rein griechisch ! Euer Gebaren ist ebenso einfältig , als wenn ihr euch beigeben laßt über die unvergleichliche Figur des göttlichen Sauhirten oder die Wäsche des Königstöchterleins Nausikaa zu lachen , was ebenso unziemlich als absurd ist , wie ich euch schon eines öftern bewiesen habe . – – Du bist eine Bündnerin ? Wem gehörst du , Kind ? « wandte