ich diesen in helle Verzweiflung dadurch , daß es mir unmöglich war , eine gewisse angeborene Gelassenheit loszuwerden , welche er Langsamkeit schalt und mit seiner blitzschnell zuckenden Klinge spielend besiegte . Um mir das mangelnde Feuer zu geben , verfiel er auf ein seltsames Mittel . Er nähte sich auf sein Fechtwams ein Herz von rotem Leder , das die Stelle des pochenden anzeigte , und auf welches er im Fechten mit der Linken höhnisch und herausfordernd hinwies . Dazu stieß er mannigfache Kriegsrufe aus , am häufigsten : » Alba hoch ! – Tod den niederländischen Rebellen ! « – oder auch : » Tod dem Ketzer Coligny ! An den Galgen mit ihm ! « – Obwohl mich diese Rufe im Innersten empörten und mir den Menschen noch widerlicher machten , als er mir ohnehin war , gelang es mir nicht mein Tempo zu beschleunigen , da ich schon als pflichtschuldig Lernender ein Maß von Behendigkeit aufgewendet hatte , das sich nun einmal nicht überschreiten ließ . Eines Abends , als der Böhme gerade ein fürchterliches Geschrei anhob , trat mein Oheim besorgt durch die Seitentüre ein , zu sehen was es gäbe , zog sich aber gleich entsetzt zurück , da er meinen Gegner mit dem Ausruf : » Tod den Hugenotten « mir einen derben Stoß mitten auf die Brust versetzen sah , der mich , galt es Ernst , durchbohrt hätte . Am nächsten Morgen , als wir unter unsrer Linde frühstückten , hatte der Ohm etwas auf dem Herzen und ich denke , es war der Wunsch sich des unheimlichen Hausgenossen zu entledigen , als von dem Bieler Stadtboten ein Schreiben mit einem großen Amtssiegel überbracht wurde . Der Ohm öffnete es , runzelte im Lesen die Stirn und reichte es mir mit den Worten : » Da haben wir die Bescherung ! – Lies , Hans , und dann wollen wir beraten , was zu tun sei . « Da stand nun zu lesen , daß ein Böhme , der sich vor einiger Zeit in Stuttgart als Fechtmeister niedergelassen , sein Weib , eine geborne Schwäbin , aus Eifersucht meuchlerisch erstochen ; daß man in Erfahrung gebracht , der Täter habe sich nach der Schweiz geschlagen , ja , daß man ihn , oder jemand der ihm zum Verwechseln gleiche , im Dienste des Herrn zu Chaumont wolle gesehen haben ; daß man diesen , dem in Erinnerung des seligen Schadau , seines Schwagers , der Herzog Christoph sonderlich gewogen sei , dringend ersuche , den Verdächtigen zu verhaften , selbst ein erstes Verhör vorzunehmen und bei bestätigtem Verdachte den Schuldigen an die Grenze liefern zu lassen . Unterzeichnet und besiegelt war das Schreiben von dem herzoglichen Amte in Stuttgart . Während ich das Aktenstück las , blickte ich nachdenkend einmal darüber hinweg nach der Kammer des Böhmen , die sich , im Giebel des Schlosses gelegen , mit dem Auge leicht erreichen ließ , und sah ihn am Fenster beschäftigt eine Klinge zu putzen . Entschlossen den Übeltäter festzunehmen und der Gerechtigkeit zu überliefern , erhob ich doch unwillkürlich das Schreiben in der Weise , daß ihm das große , rote Siegel , wenn er gerade herunter lauerte , sichtbar wurde – seinem Schicksal eine kleine Frist gebend ihn zu retten . Dann erwog ich mit meinem Ohm die Festnehmung und den Transport des Schuldigen ; denn daß er dieses war , daran zweifelten wir beide keinen Augenblick . Hierauf stiegen wir , jeder ein Pistol in der Hand , auf die Kammer des Böhmen . Sie war leer ; aber durch das offene Fenster über die Bäume des Hofes weg – weit in der Ferne , wo sich der Weg um den Hügel wendet , sahn wir einen Reiter galoppieren , und jetzt beim Hinuntersteigen trat uns der Bote von Biel , der das Schreiben überbracht hatte , jammernd entgegen , er suche vergeblich sein Roß , welches er am hintern Hoftor angebunden , während ihm selbst in der Küche ein Trunk gereicht wurde . Zu dieser leidigen Geschichte , die im Lande viel Aufsehn erregte , und im Mund der Leute eine abenteuerliche Gestalt gewann , kam noch ein anderer Unfall , der machte , daß meines Bleibens daheim nicht länger sein konnte . Ich ward auf eine Hochzeit nach Biel geladen , wo ich , da das Städtchen kaum eine Stunde entfernt liegt , manche , wenn auch nur flüchtige Beziehungen hatte . Bei meiner ziemlich abgeschlossenen Lebensweise galt ich für stolz , und mit meinen Gedanken in der nahen Zukunft , die mich , wenn auch in bescheidenster Stellung , in die großen Geschicke der protestantischen Welt verflechten sollte , konnte ich den innern Händeln und dem Stadtklatsch der kleinen Republik Biel kein Interesse abgewinnen . So lächelte mir diese Einladung nicht besonders , und nur das Drängen meines ebenso zurückgezogenen , doch dabei leutseligen Oheims bewog mich , der Einladung Folge zu leisten . Den Frauen gegenüber war ich schüchtern . Von kräftigem Körperbau und ungewöhnlicher Höhe des Wuchses , aber unschönen Gesichtszügen , fühlte ich wohl , wenn ich mir davon auch nicht Rechenschaft gab , daß ich die ganze Summe meines Herzens auf eine Nummer zu setzen habe , und die Gelegenheit dazu , so schwebte mir dunkel vor , mußte sich in der Umgebung meines Helden finden . Auch stand bei mir fest , daß ein volles Glück mit vollem Einsatz , mit dem Einsatz des Lebens wolle gewonnen sein . Unter meinen jugendlichen Bewunderungen nahm neben dem großen Admiral sein jüngerer Bruder Dandelot die erste Stelle ein , dessen weltkundige stolze Brautfahrt meine Einbildungskraft entzündete . Seine Flamme , ein lothringisches Fräulein , hatte er vor den Augen seiner katholischen Todfeinde , der Guisen , aus ihrer Stadt Nancy weggeführt , in festlichem Zuge unter Drommetenschall dem herzoglichen Schlosse vorüberreitend . Etwas Derartiges wünschte ich mir vorbestimmt . Ich machte mich also nüchternen und verdrossenen Herzens nach Biel auf den Weg .