Frau Lindner ? « Ohne Zweifel wollte die gequälte Frau dem schonungslosen Frager gebührend antworten ; denn sie hob würdevoll den Kopf und trat dem jungen Menschen einen Schritt näher , so daß er scheu zurückwich ; allein , durch einen unvermuteten Anwalt wurde sie jeglicher Selbstverteidigung enthoben . Das junge Mädchen da droben in dem netten Häuschen hatte nur ein einziges Mal von ihrer Näherei hinweg nach dem bunten Treiben auf dem Tanzplatz geblickt ; aber sie war auch sofort im jähen Freudenschrecken aufgesprungen , hatte die Tür aufgerissen und war atemlos nach der Stelle geflogen , wo die eben angekommene Frau sich befand . Durch den Menschenschwarm zurückgehalten , wurde sie Zeugin der peinlichen Szene . Nur mit Mühe hatte sie die Tränen unterdrückt , als sie die gebrochene , abgehärmte Gestalt schutzlos inmitten der hämischen Gesichter stehen sah , die sie mit jener scheu gaffenden Neugier umringten , mit der ungebildete Menschen ein fremdes , reißendes Tier , einen verunglückten Menschen oder einen eingefangenen Verbrecher zu betrachten pflegen . Mehrere Male hatte sie versucht , den dichten Haufen zu durchbrechen ; allein , den Leuten war der Auftritt viel zu interessant , als daß sie nur einen Zollbreit gewichen wären . Was indes Bitten und Flehen nicht vermocht hatten , das bewirkte endlich ein Schrei der Entrüstung , den das Mädchen infolge der letzten unverschämten Äußerung Bastels ausstieß . Die Menge stob sofort erschrocken auseinander – einen Augenblick später stand das junge Mädchen neben der gekränkten Frau und schloß sie zärtlich in ihre Arme . » Mutter « , sagte sie , » gib es auf , das Vorurteil dieser hier « – sie deutete mit einer fast stolzen Gebärde auf die Umstehenden – » zu bekämpfen . Eher würde ein Rabe weiß werden , als daß sie sich von deiner Unschuld überzeugen ließen . Sie glauben das Schlimme gern und trennen sich von einer üblen Meinung fast noch schwerer als von ihrem Geld ... Du , Bastel « , fuhr sie zu dem jungen Burschen gewendet fort , » hast wieder einmal deinen tückischen Sinn recht gezeigt . Dein ganzes Benehmen gegen uns während einer so schweren Prüfungszeit war ein elendes , ein undankbares . Diese Frau « – sie legte die Arme fester um ihre Mutter – » nahm dich einst als halbverwahrlostes , mit Ausschlag bedecktes Kind in ihr Haus , weil deinem eigenen Vater vor dem Anblick graute . Sie hat dich mütterlich gepflegt , und dein Dank dafür ist , daß du sie in ihren alten Tagen zu beschimpfen suchst . Ebenso hast du wohl vergessen , daß ihre Hände es waren , die deiner braven , sterbenden Mutter die Augen zudrückten , während du beim Kartenspiel diesen letzten Liebesdienst versäumtest ? « Bastel , der sich anfänglich bei dem Erscheinen des Mädchens hinter die Umstehenden zurückgezogen hatte , fuhr bei dieser letzten Anschuldigung wie wütend auf die Sprechende los . » Ach , du überg ' studierter Schulmeister , du ! « schrie er . » Mache dich nicht so mausig ! ... Wenn deine Mutter uns dienstbar war , so wird sie auch reichlich dafür bezahlt worden sein . Der reiche Tannenwirt nimmt nichts geschenkt ; am allerwenigsten aber von solchen Hungerleidern , wie ihr seid ... Geh lieber heim « , fuhr er fort , und ein tückischer Blick streifte das Mädchen , » und pfleg das Kind ; das kann dein vornehmer Herr für seine fünfzig Taler schon verlangen ... Geh heim , da tust du besser , als daß du hier stehst und predigst wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel ! « Es mußte eine furchtbare Beleidigung in diesen , von spöttischen Gebärden begleiteten Worten liegen , denn das junge Mädchen zuckte im tödlichen Schrecken zusammen ; sie erbleichte bis in die Lippen und richtete einen wehklagenden Blick auf ihre Mutter . Diese jedoch sagte scheinbar gelassen : » Du kannst mein Kind nicht beleidigen , Bastel ; denn du selbst bist zu verächtlich ... An die Schande , die du Marie aufbürden willst , glaubst du so wenig als das ganze Dorf – denn ihr unbescholtenes Leben liegt ja klar vor aller Augen . « » Bis auf ein Jahr , das sie in der Stadt zugebracht hat « , unterbrach sie hier eine rauhe Stimme . Der Wirt , welcher gesprochen hatte , ließ seinen Worten ein kurzes , rohes Gelächter folgen . Hatte die alte Frau bis dahin standhaft ihre Fassung behauptet , so war es jetzt um dieselbe geschehen . Mit funkelnden Augen trat sie vor ihre Tochter , hob die Rechte drohend gegen den Wirt und rief mit unheimlich klingender Stimme : » Tannenwirt , Ihr seid mein Feind seit langen Jahren ! Was mir auch Böses von den Menschen widerfahren ist , Ihr hattet stets die Hand dabei im Spiele ... Ich habe Euch nicht geflucht um Eurer unglücklichen Frau willen , und weil Ihr mich , mich allein verfolgtet . Aber hütet Euch , mein Muttergefühl zu kränken ! ... Ich sage Euch nochmals , hütet Euch , auch nur einen Schatten von Verdacht auf mein schuldloses Kind zu werfen , oder Ihr sollt mich kennenlernen ! « Der heroische Ausdruck einer edlen Empfindung hat in gewissen Momenten Gewalt selbst über die rohesten , unzugänglichsten Naturen , und so wurde diese entflammte , in ihrem Kind beleidigte Mutter momentan ein Gegenstand der allgemeinen Teilnahme . Freilich äußerte sich dieselbe nicht sehr tatkräftig , denn das Ansehen und der Reichtum des Wirtes fielen dem menschlichen Mitgefühl gegenüber schwer ins Gewicht ; allein , es wurden doch tröstende Stimmen laut , wie : » Beruhigt Euch , Frau Lindner , der Bastel war zu hitzig – Niemand im Dorfe glaubt , was er eben gesagt hat – Wir wissen ja , daß die Marie brav und unbescholten ist « – und der Kreis teilte sich , um die Frau mit ihren Kindern hindurchzulassen . Sie verließ denn auch , gestützt auf