der Wochenstube am Bett und erzählte der Frau Rätin von der Pracht drunten , von der stolzen Gevatterschaft in Samt und Seide , von dem Weine , den man wie Gewürz durchs ganze Haus röche , und daß das » Ratssöhnchen « wie ein Prinz unter Rosen- und Myrtenbäumen getauft worden sei . Das vergrämte Gesicht der Wöchnerin lächelte in bitterer Wehmut ; ihren kleinen Mädchen hatte die grüne Taufschleppe nicht gebührt – sie war von der Urahne nur für die männlichen Nachkommen gestiftet worden – , es hatten auch keine Rosen und Myrten um das Taufbecken gestanden , und der Silberschatz des Hauses war unter seinen schützenden Lederdecken verblieben ... Auf den Wangen der blassen Frau begannen auch Rosen aufzublühen , dunkle Fieberrosen , und während drunten die Gläser klangen zum Wohl und Gedeihen des heißersehnten Stammhalters , teilten sich droben die weißen Bettvorhänge , und fünf Kinder schlüpften herein – sie waren alle da bei der Mutter , die kleinen Mädchen , und sie herzte sie heiß , inbrünstig und spielte mit ihnen Tag und Nacht in sel ' ger Mutterlust , und die Ärzte standen ratlos um die unaufhörlich flüsternde Frau , bis sie mit müdem , seligem Lächeln den Kopf in das Kissen drückte und einschlief für immer . – – – – Ihr Heimgang hinterließ keine bemerkenswerte Lücke . Der kleine Veit hatte eine Amme , und wenige Stunden nach dem letzten Atemzuge der Hausfrau kam die Schwester des Rates , die schöne , bitterernste Frau , aus ihrem Wohngelaß im oberen Stockwerk herab , um die Schlüssel und mit ihnen die Leitung des verwaisten Hauswesens zu übernehmen . Sie war eine echte Wolfram in ihrem ganzen Tun und Wesen , wie in der äußeren Erscheinung , an der sechsundvierzig Lebensjahre fast spurlos vorübergeglitten waren . Nur einmal in ihrem Leben hatte sie die Leidenschaft über die anerzogenen strengen Grundsätze siegen lassen , und das war ihr » folgerichtig « zum Unheil ausgeschlagen . Sie war neben dem Rat die einzige Miterbin des Wolframschen Besitztums und dabei ein selten schönes Mädchen gewesen . Im Schillingshofe hatte man das Nachbarkind wie eine eigene Tochter gehätschelt , und dort hatte sie auch den Major Lucian aus Königsberg kennen gelernt , mit dem sie sich auch verheiratete , allen Ermahnungen des Bruders , ja , der eigenen inneren Warnstimme zum Trotz ... Und sie hatten in der Tat zusammengepaßt wie Wasser und Feuer , die herbe , in ihre Familientraditionen verbissene Wolframsnatur und der elegante , leichtlebige Offizier . Sie hatte darauf bestanden , ihn in ihre Lebensgewohnheiten zu zwingen , und er war » dem Spießbürgertum « mit scharfem Spott entschlüpft , wo er nur konnte . Das hatte zu bösen Auseinandersetzungen geführt , und eines Abends war die Majorin , ihr fünfjähriges Söhnchen an der Hand , aus Königsberg zurückgekehrt – sie war heimlich abgereist , um fortan auf dem Klostergut zu bleiben ... Der kleine Felix hatte den Kopf in ihren Reisemantel gedrückt , als sie ihn an jenem Abend durch ihr Vaterhaus geführt . Die Treppe , die in die verlassene Stille der oberen Stockwerke führte , mit ihrem fratzenhaft geschnitzten Geländer und ihren kreischenden Stufen voll ausgetretener Astknorren , die lagernde Dämmerung in den klaftertiefen Türbogen , und in den Schiebefenstern die bleigefaßten , glanzlosen Scheiben , an denen aufgescheuchte Nachtmotten lautlos taumelten , und durch die das Abendsonnenlicht gelb und träge wie Öl auf das zersprungene Estrich des Vorsaales floß – das war dem Knaben spukhaft erschienen , wie das Menschenfresserhaus im Walde ... Und das schlanke , feingliedrige Kind in seinem blauen Samtröckchen , seinem glänzenden , goldgelben Gelock war auch wie verirrt gekommen – sie bringe ihm einen buntscheckigen Kolibri in das alte Falkennest , hatte ihr Bruder , der Rat , finster und mit scheelem Blick gesagt . Fremden Blutes war und blieb der kleine Entführte auch . Die kühle Luft des Klostergutes blies ihm umsonst gegen die Idealgestalten in Kopf und Herzen – er war eine poetische , warmblütige Natur wie sein Vater ... Der verlassene Mann in Königsberg hatte übrigens alles aufgeboten , seinen Knaben wieder in die Hand zu bekommen ; allein an der juristischen Meisterschaft des Herrn Rat Wolfram waren alle Versuche gescheitert – die geschiedene Frau war im Besitz des Kindes verblieben . Infolgedessen hatte Major Lucian seinen Abschied genommen ; er war aus Königsberg verschwunden und nie hatte man erfahren , wohin er sich gewendet . Seitdem bewohnte die Majorin wieder , wie in ihren Mädchenjahren , das große , nach der Straße gelegene Giebelzimmer . Sie paßte mit Leib und Seele zwischen diese einfach gestrichenen Wände , vor deren tief eingelassenen Schränken breite , braungebeizte Flügeltüren lagen ; sie saß wie vordem auf dem steiflehnigen Lederstuhl in der tiefen Fensterecke und schlief hinter dem dickfaltigen härenen Türvorhang der anstoßenden Kammer , zu welchem einst ihre Großmutter die groben Fäden eigenhändig gesponnen ... Den Schillingshof aber hatte sie nie wieder betreten – sie floh jede Erinnerung an ihren geschiedenen Mann , wie einen mörderischen Feind . Der kleine Felix dagegen war sehr bald heimisch drüben geworden . Der einzige Sohn des Freiherrn Klafft von Schilling war sein Altersgenosse . Beide Knaben hatten sich vom ersten Augenblick an zärtlich geliebt , und die Majorin war mit diesem Verkehr einverstanden gewesen , jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung , daß ihr Kind nie mit einem Wort an seinen Vater erinnert werde . Später waren die jungen Leute auch Studiengenossen in Berlin gewesen . Sie hatten beide Jura studiert . Arnold von Schilling hatte die Staatslaufbahn in Aussicht genommen , und Felix Lucian sollte , ganz in die Fußstapfen seines Onkels tretend , anfänglich ein städtisches Amt bekleiden und später das Klostergut übernehmen ; denn seit auch die letzte der kleinen , flachshaarigen Cousinen gestorben , hatte ihn der Rat zu seinem Erben und Nachfolger bestimmt , vorausgesetzt , daß er seinem väterlichen Namen den Namen Wolfram anfüge . Da änderte , wie bereits erwähnt ,