. « Er schüttelte energisch den Kopf . » Nicht bis zur Schwelle des alten Hauses gehst du mit , Klaudine ! Fahre du nur mit dem Wagen wieder heim ! Meine Beine sind steif geworden vom stillen Hocken in diesem Winkel , wohin ich mich vor dem Menschentrubel geflüchtet habe , der Marsch nach dem Eulenhaus wird ihnen gut tun , und mein Kind wird der Friedrich , unser alter , treuer Friedrich tragen , wenn die Beinchen müde werden sollten . Und nun ein kurzes Lebewohl , Klaudine ! « Er breitete die Arme aus , um die Schwester abschiednehmend zu umfangen , aber sie wich zurück . » Wer sagt dir denn , daß ich wieder zurück kann ? « fragte sie ernst . » Ich habe um meine Entlassung gebeten , und sie ist mir gewährt worden . Meine teure , alte Hoheit hat mich verstanden , und ohne daß auch nur eine Frage von ihrer Seite gefallen wäre , weiß sie genau , wie die Sachen liegen . Und so sei auch du diskret , Joachim « - ein tiefes , dunkles Rot überflutete jäh ihr Gesicht - » und lasse neben meinem Wunsche , bei dir zu sein , auch noch ein anderes Motiv für meine Heimkehr stillschweigend gelten . Nimm mich hin , wie ich zu dir komme , mit verschlossenem Mund , aber das Herz voll treuer Schwesterliebe . Willst du ? « Er zog sie schweigend an sich und küßte sie auf die Stirn . Sie atmete tief auf . » Schmale Kost werden wir freilich haben « , sprach sie weiter , » aber Bettelbrot ist ' s drum doch nicht ! Die Hoheit läßt es sich nicht nehmen , mir mein Gehalt nach wie vor auszuzahlen , und das Legat von der Großmama wirft jährlich auch eine hübsche kleine Summe ab . Verhungern werden wir mithin nicht , und mit jagenden Pulsen darfst du in Zukunft auch nicht schreiben – das leide ich nicht ! In ungestörter Ruhe , zu deinem eigenen Genusse sollst du dein schönes Werk vollenden . Und nun wollen wir uns fertig machen ! « Ihre Augen glitten durch das kahle Zimmer und blieben an einem kleinen Koffer hängen . » Ja , das ist alles , was ich von Rechts wegen mitnehmen darf « , sagte Herr von Gerald , ihren Blick verfolgend . » Just nicht viel mehr , als der letzte Stammhalter der Gerolds bei seinem Eintritt ins Leben unwissentlich beansprucht hat – die allernötigste Bekleidung eines Leibes . Doch nein – was für ein schwarzer Undank ! « Er schlug sich vor die Stirn , und seine Augen leuchteten glücklich auf . » Höre , Klaudine , wie ist das doch seltsam ! Besinne dich ! Kennst du vielleicht einen Freund unseres Hauses , so einen , der unbedenklich zweitausend Taler mit der Rechten aus der Tasche nimmt und hingibt , ohne daß die Linke es merkt ? Ich kenne keinen , wie ich auch sinne und mein Gedächtnis zermartere , keinen auf der Gotteswelt ! Und da werden mir nun gestern einige Kisten hier nebenan in das Zimmer gestellt , so wie mit Fug und Recht , denn ich sollte sie ja in der Auktion durch einen Bevollmächtigten zurückerstanden haben – ich , der arme Hiob ! Ich glaube , ich habe den Trägern ins Gesicht gelacht . Aber sie sind gegangen und haben sie mir absolut nicht wieder abgenommen , meine Bücher , meine kleine , kostbare Bibliothek , um die mir die Augen doch feucht geworden sind , als profane Hände sie , Band um Band , in Waschkörbe warfen , um sie zur Versteigerung hinüberzuschaffen , meine lieben Bücher und treuen Einsamkeitsgenossen ! Wer sie mir aus dem Schiffbruch gerettet hat , er mußte es wissen , daß er mir geistigen Lebensodem und einen festen Stab zur Wanderung in die Wüste mit ihnen zurückgegeben hat , und dafür sei er dreifach gesegnet , der edle Unbekannte mit dem goldenen Herzen ! Ja , nicht wahr , auch du sinnst vergebens , Klaudine ? Gib es auf , das Rätsel lösen wir beide nicht ! « Er schob sein Manuskript in die bereitliegende Mappe , und Klaudine packte die Habseligkeiten der kleinen Elisabeth in eine Korbwanne , wobei die dicken Händchen des Kindes nach Kräften behilflich waren . Zehn Minuten später stand auch dieser letzte Zufluchtsort des Heimatlosen verlassen und er durchschritt , das Händchen seines Kindes in der seinen und die Schwester am Arme führend , den nächsten Korridor . Ein schöneres Geschwisterpaar ließ sich kaum denken als diese zwei Menschen , die umflorten Blickes zum letztenmal das Vaterhaus durcheilten , das heimische Nest , an dem die Gerolds Jahrhunderte hindurch gebaut und verschönert hatten , und in welches nun fremde Vögel einflogen , Vögel mit goldenen Federn , denn das Gut war um sehr hohen Preis von unbekannter Seite erstanden worden . 2. Im Treppenhause stießen sie auf eine Dame , die aus dem Seitenflügel kam , in welchem die Versteigerung stattfand . Sie nahm eben , besorgt und sichtlich unwillig vor sich hinmurmelnd , den Saum ihres braunen Kleides auf , denn auf den Stufen lag dicker Staub , den in all den Tagen des lebhaften Menschenverkehrs kein Besen weggefegt haben mochte . Die Röte eines jähen Erschreckens färbte ihr Gesicht , als sie aufblickend die beiden vor sich sah . » Ah , Verzeihung ! « sagte sie mit einer tiefen , unbiegsamen Stimme , indem sie zurücktrat . » Ich versperre Ihnen den Weg ! « Herr von Gerold sah einen Augenblick aus , als schwebe es ihm auf den Lippen , zu sagen : » Muß ich auch noch diesen Kelch leeren ? « Aber er bezwang sich und entgegnete mit einer höflichen Verbeugung : » Der Weg aus diesem Hause steht uns allzuweit offen , ein Augenblick der Verzögerung kann uns nur lieb sein . « » Es ist ja ein