, der Vater der Unglücklichen habe einem armen Mädchen die Ehe versprochen und sich dabei vermessen , der Allmächtige solle ihn an Armen und Beinen strafen , wenn er sein Wort nicht halte . Er habe den Schwur gebrochen und das einarmige Kind sei die notwendige Erfüllung des göttlichen Drohwortes . Beschwören konnte indeß Niemand dies Gerücht , das auch niemals bis zu den Ohren der armen Verkürzten gedrungen war . Sie blieb das einzige Kind ihres Vaters , der sie vergötterte und dem auch sie anhing mit der ganzen Liebe , deren ihr Herz fähig war . Um ihn über ihre Zukunft zu beruhigen , reichte sie an seinem Sterbebette in ziemlich vorgerückten Jahren dem Hofrat Falk , einem alten Hausfreund , ihre Hand . Aber auch er starb nach einer kurzen , glücklichen Ehe und fortan lebte sie als Wittwe in ihrem väterlichen Hause , umgeben von zwei musterhaften Inventarstücken desselben , dem alten Bedienten Sauer und der sechszigjährigen Köchin Dorte . Das Haus lag außerhalb der Stadt . Die Chaussee , die hart an dem alten , mit einem häßlichen Turm gekrönten Stadtthor begann , mußte eine beträchtliche Strecke laufen , bevor sie den Berg erreichte , der , droben jäh emporsteigend , seinen greisenhaften , unbedeckten Scheitel aus einem Kranz prächtiger Buchenwaldung hob , während er drunten gleichsam ein Knie vorbog , auf welchem das Haus der Hofrätin lag . Es war alt und unschön . Ein ungeheures Ziegeldach mit zwei mächtigen Schornsteinen saß so anspruchsvoll auf der einstöckigen Fronte , als sei sie lediglich um seinetwillen da . Einige dickstämmige Weinstöcke umspannen zwar die Wände , aber sie vermochten nicht ganz , einzelne Streifen der schmucklosen , weißen Tünche und die vom Alter braungefärbten Holzrahmen der Fenster zu verstecken . Und doch lag es so traut und heimlich da , gleichsam auf den grünen Pfühl des Waldes gebettet , der seinen Atem darüber hinwehte , jenen Hauch der Romantik , in den sich auch alte , versteckte Jagdschlösser einspinnen … Trat man auf der Talsohle weit zurück , so daß man die ganze untere Breite des Berges übersehen konnte , dann erhielt freilich das alte Haus einen Gegner , der höhnisch alle Schattenseiten des verunglückten Baues , alle Sünden seines Schöpfers hervorhob . Auf demselben Vorsprung des Berges , nur durch einen hohen lebendigen Zaun von Tante Bärbchens Besitzung getrennt , erhob sich die brillante Façade eines neuen Hauses . Ein viereckiger , stumpfer Turm an der Südseite überragte das beinahe flache Dach des Hauptgebäudes um eines Stockwerkes Höhe . Droben schwebte zart durchsichtig wie Spinnengewebe eine zierliche Galerie um die Zinne , und die vier Fenster , die fast die ganzen Wandbreiten des Turmes einnahmen , zeigten in blendendem Farbenschmelz kostbare Schildereien aus buntem Glas . Fast schien es , als verhauche die nordische Luft ihre ganze Kühle und Schärfe an der trennenden grünen Hecke . In Tante Bärbchens Garten strich sie über ehrliche deutsche Kraut- und Kohlhäupter , über ungekünstelten Graswuchs [ 419 ] voller hochaufgeschossener Wiesenblumen , und drüben flüsterte sie in den verlockenden Zweigen des Lorbeers , in den Kronen dunkler Granat- und Orangenbäume , die ihre leuchtenden Blüten auf die Terrasse vor dem Hause und die in den Garten hinabführende breite Steintreppe schüttelten . Drüben rauschte das Brunnenwasser aus der einfachen Holzröhre in eine uralte , grünbemooste Steinmulde , und hier sprangen Fontainen und spritzten ihre Silbertropfen auf den duftig grünen Flaum des englischen Rasens , auf eine wahrhaft orientalische Rosenpracht … Man meinte , auf jenes alte Dach , das sich vertraulich an die Buchenwipfel schmiegte , auf dessen Ziegeln große Büschel Hauswurz nisteten und das zahllose Schwalbennester beschirmten , den ernsten Schatten der deutschen Sage gleiten zu sehen , während drüben ein Stück heiterer , südlicher Poesie waltete . Früher stand da , wo sich jetzt das neue Haus erhob , ein Gebäude , das dem Haus der Hofrätin glich , wie ein Ei dem andern . Vor Zeiten existirte auch die grüne Hecke nicht . An ihrer Stelle lief eine schöne Kastanienallee den Berg hinab und mündete drunten vor einem hohen Thor , dem einzigen in der ganzen , großen Umfangsmauer . In den Häusern wohnten zwei Vettern , Hubert und Erich Dorn mit ihren Familien . Sie waren sehr angesehen in der Stadt und galten für steinreich . Ihr musterhaftes Zusammenleben war zum Sprüchwort geworden ; nie fiel ein Wort des Streites zwischen den zwei Männern . Die Kinder liebten und zankten sich , und die Mütter waren weise genug , Kläger und Beklagte allein fertig werden zu lassen . Der Garten wurde gemeinschaftlich benutzt und zur Sommerzeit aß man stets vereint in dem großen Pavillon , der zu Anfang der Allee stand … Da trat plötzlich eine schwarze Wolke über die beiden Häuser der Eintracht . Ein neuer Geist zog ein und ein fahles Gespenst , der Neid , heftete sich an seine Fersen und folgte ihm unhörbar , als er über die Schwelle schritt . Es war die Sammelleidenschaft , von der die beiden Familienoberhäupter mit einem Mal besessen wurden . Sie nahm liebe Familienbilder von den Wänden und hing dafür alte , verdunkelte Oelgemälde auf ; die geliebten Leinenschränke der Hausfrauen wurden in entfernte Winkel gerückt , an ihre Stelle traten hohe Glaskästen mit Mordwaffen aller Arten und Zeiten , vor denen sich die Frauen- und Kinderseelen entsetzlich fürchteten . Das alte Aegypten kehrte ein unter den gemütlichen Thüringer Dächern , und über seinen unverstandenen Hieroglyphen vergaßen die Sammler , weiter zu forschen im Reich der lebendigen Zungen , in ihren wohlausgestatteten Bibliotheken . Anfänglich lachten die beiden Frauen über die urplötzliche Sammelwuth ihrer Eheherren . Allmählich aber überschlich Bangigkeit ihr Herz , wenn die sonst so friedliebenden Männer heftig wurden im Streit über den Wert oder Unwert einer neuen Acquisition ; wenn der blasse Neid in den Zügen des Einen und Schadenfreude triumphirend in denen des Anderen erschien ; wenn Jeder bei Erlangung einer heißersehnten Antiquität sofort frohlockend in den Ausruf ausbrach