kleinlaut geworden , das Zimmer erschien ihm plötzlich kühler , er empfand einen angenehmen Luftzug , als die hohe Gestalt an seinem Bett vorüberglitt und sich in den Lehnstuhl zu dessen Häupten schmiegte . „ Es ist ja kein Wunder , wenn man außer sich gerät “ — entschuldigte sich Herr von Hartwich — „ das Balg bringt einen auch aufs Äußerste . Wenn man so unsäg ­ liche Schmerzen leidet und monatelang gelähmt ans Bett gefesselt ist , wie ich , da ist man gereizt und hat nicht mehr die Geduld eines Gesunden , der den widerwärtigen Szenen aus dem Wege gehen kann ! “ — „ Das könntest Du auch , mindestens indirekt , indem Du die Kleine in den oberen Stock hinauf schaffen ließest , der nun jahrelang leer steht . Du hättest so wenigstens Ruhe und müßtest Dir nicht nachsagen lassen , daß das schwächliche Kind des reichen Hartwich bei solcher Hitze in der Plättstube sitzen muß , ich finde das mehr als un ­ recht , ich finde es unklug ! “ „ So “ — fiel Hartwich heftig ein , — „ ich soll also da oben die Mägde und das Kind treiben lassen , was sie wollen , und hier unten ganz verlassen liegen ? Oder soll ich vielleicht gar noch einen teuern Krankenwärter bezahlen , damit man mich gleich als einen Sterbenden aus ­ schreit und die Fabrikarbeiter meinen , sie seien herrenlos ? “ „ Das Letztere wird nicht geschehen , denn diese be ­ trachten Dich schon lange nicht mehr als ihren Herrn , da sie wissen , daß ich das denkende und leitende Haupt des ganzen Unternehmens bin . Was aber nun die Aus ­ rede mit der Kostspieligkeit eines Krankenwärters betrifft , so ist eine solche Torheit nur mit Deinem unerhörten Geiz zu entschuldigen , der sich in letzter Zeit bis zur Manie gesteigert hat . Für wen sparst und scharrst Du nur zusammen ? Für Dein Kind nicht , denn das hast Du ja auf den Pflichtteil gesetzt , — für mich noch weniger , — denn Du warst mir von jeher ein echter Stiefbruder und vermachtest mir Dein Vermögen nur , weil ich Dir sonst das Geheimnis meiner Erfindungen nicht über ­ lassen hätte , weil Du lieber nach Deinem Tode das Ganze als bei Lebzeiten auch nur den kleinsten Teil hergeben wolltest . — Ich aber versichere Dir , daß , wenn — was ja vielleicht gar nicht geschehen wird — wenn ich Dich je beerben sollte , ich lieber auf ein paar tausend Taler verzichten , als den Skandal einer solchen Kindererziehung länger mitansehen will ! “ Der Kranke horchte hoch auf . „ Du sprichst heute sehr unumwunden mit mir und rechnest , wie es scheint , sehr fest auf die Unabänderlichkeit meines letzten Willens ? “ fragte er drohend und gereizt . Ohne eine Miene zu verziehen , fuhr der Andere fort : „ Du bist trotz aller Deiner Sonderbarkeiten und Fehler ein so rechtschaffener Charakter , um Offenheit und Ehrlichkeit so schwer zu bestrafen , wie Du mir es eben andeuten zu wollen scheinst . Du weißt am besten , daß ich es gut mit Dir meine und ein ehrlicher Mann bin . Ich hätte Dir große Summen abnötigen , hätte Dich auf Grund der beträchtlichen Einnahmen , welche durch meine Tätigkeit erzielt wurden , zwingen können , mich zum Kompagnon zu ernennen und dergleichen mehr , aber ich begnügte mich mit dem bescheidenen Gehalt eines Direktors und mit der Gewißheit , daß durch Dein Testament — Gott schenke Dir ein langes Leben — meinem Kinde , wenn ich nicht mehr bin , eine glänzende Zukunft bereitet ist . — Ich denke , diese Beweise von Uneigennützigkeit geben mir auch das Recht , ein freies Wort mit Dir zu sprechen ! “ „ Nun wohin zielt denn die weitschweifige Vorrede eigentlich ? “ fragte Hartwich , während sich eine auffallende Abspannung seiner bemächtigte und seine Zunge schwerer zu werden begann . „ Mach ’ s kurz , denn ich bin schläfrig . “ „ Nun einfach darauf , daß Du Ernestinen entweder in den oberen Stock — oder , was das Beste wäre , aus dem Hause tun sollst ! “ „ Aus dem Hause — wohin denn ? “ „ Nun , in ein Institut , wo sie anständig erzogen wird und etwas lernt , damit man sich dereinst nicht schämen muß , sie als Verwandte anzuerkennen ; das Kind verbauert ja völlig in der Umgebung von Mägden , Knechten und Dorfkindern . “ „ Ah pah ! “ brummte der Kranke , „ was liegt daran ! “ „ Wenn es Dir auch gleichgültig ist , was aus Deiner Tochter , so ist es doch mir nicht gleichgültig , was aus meiner Nichte wird und welchen Einfluß sie , wenn sie überhaupt am Leben bleibt , auf mein heranwachsendes Töchterchen üben kann . So , wie sie jetzt ist , denke ich mit Sorge daran , daß diese Kinder in wenig Jahren Spielgefährtinnen sein sollen ! Lebt sie bis dorthin noch und ist hier , so werde ich meine Kleine fortschicken müssen , sonst verdirbt Ernestine sie mir ganz und gar ! Abgesehen davon aber , wünsche ich ihre Entfernung auch in Deinem Interesse ; Du kannst Dich dem starren , verwahrlosten Kinde gegenüber nicht mäßigen und so lange Du sie um Dich hast , sind Szenen , wie die vorige , unvermeidlich . Ich habe aber heute erfahren , daß bereits im ganzen Dorf das Gerede von Deiner ‚ Grausamkeit ‘ gegen Dein leibliches Kind geht ! — Das wirft ein schlechtes Licht auf Deinen Charakter in einem Augenblick , wo Du unsern neuen Nachbarn den Eindruck strengster Rechtschaffenheit machen solltest ! “ „ Ach , das ist dummes Zeug ; wenn ihnen die Fabrik 50,000 Taler wert scheint , so kaufen sie sie — ob sie mich für einen Schurken oder Ehrenmann halten ! “ warf Hartwich