liebes Fräulein . « Ich reichte ihr die Hand , die sie mit Wärme drückte : » Halten Sie auch Wort , ich freue mich schon sehr auf Ihren Besuch . « Ein heller Freudenstrahl brach aus den alten Augen , als sie mich nickend und grüßend entließ . Droben am Fenster stand mein Mann und sah ganz verwundert aus . » Wo kommst du denn her , du Ausreißerin « , lachte er , als ich , noch ganz aufgeregt von meinem Besuche , in sein Zimmer trat . » Du siehst ja aus , als hättest du deine Lieblingsidee ausgeführt und einen Besuch bei deiner alten Jungfer gemacht ! « » Habe ich auch ! « rief ich triumphierend , » und es war wundervoll drüben . Sie ist in der Nähe noch weit interessanter als vom Fenster aus , und dann ist es bei ihr so himmlisch altmodisch , weißt du : alte Pastellbilder an den Wänden , alte gradlehnige Möbel , eingelegte Schränke mit großen , spiegelblanken Messingschlössern , unter dem Spiegel mit dem geschliffenen Rahmen alte , uralte Porzellantassen auf der geschweiften Kommode – es ist so gemütlich , so anheimelnd drüben , ich werde oft , sehr oft hinübergehen . « » Hat sie dich denn eingeladen ? « » Gewiß , sonst würde ich doch nicht hinüber wollen . Das heißt « , setzte ich unsicher hinzu , » ich habe sie zuerst eingeladen , und das hat sie abgelehnt , sie geht nicht gern mehr aus . Aber ich darf kommen , sooft ich will , und es werden gewiß interessante Stunden werden . « Mein Mann lachte . » Kleine Schwärmerin , ich fürchte , du langweilst dich noch recht herzlich drüben – inwiefern soll es interessant sein ? « » Sie wird Zutrauen zu mir gewinnen und mir von ihrer Jugend erzählen . Gewiß , das wird sie tun , sie ist – « » Sie ist jung gewesen und einsam und unbegehrt alt geworden , das wird ihre Geschichte sein , wie so vieler alter Mädchen « , schaltete mein Mann ein . » Was doch die Frauen zuweilen für eine lebhafte Phantasie haben . Aber ich denke , nun speisen wir zu Abend , und dann kannst du mir erzählen , wie du es angefangen hast , den Eingang zu der alten Burg da drüben zu erzwingen . « Ich erzählte ihm nun , während er mit dem besten Appetit der Welt aß , von meinem Gange nach dem Kirchhof , von dem Fund des Buches und von dem alten Grabe , das den Namen » Wilhelm v. Eberhardt « trug . » Wilhelm v. Eberhardt ? « fragte mein Mann . » Ich war im Korps mit einem Eberhardt zusammen , merkwürdig – er hieß auch Wilhelm mit Vornamen . « » Oh , dieser ist schon lange tot , schon beinahe vierzig Jahre « , erwiderte ich . » Du sollst einmal sehen , diese alte Jungfer hat eine traurige Episode in ihrer Jugend verlebt , und Wilhelm v. Eberhardt war gewiß ihr Geliebter . « » Natürlich ! « neckte mein Mann . » Bei euch Frauen geht es nicht ab ohne Liebe . Es kann ja ein Vetter von ihr gewesen sein , oder – « » Nein , nein « , fiel ich ein , » um einen Vetter trauert man nicht Jahre hindurch so tief . Du wirst es noch erleben , ich habe recht . « Und ich hatte recht . Schon in den nächsten Tagen klopfte ich wieder an Fräulein Siegismunds Tür , wurde herzlich empfangen und fand mich bald so behaglich , als wäre ich daheim bei meinem Großmütterchen . Und sie verstand auch , es gemütlich zu machen . Die Kaffeemaschine summte auf dem mit schneeweißer Serviette belegten Tische , die altmodischen Tassen mit den kleinen Füßchen standen neben der altertümlich geformten Zuckerschale , durch die Geraniumstöcke drang grünes Licht in das kühle Zimmer , und auf dem Sofa neben meiner alten Jungfer saß ich mit meiner Arbeit . Sie selbst in ihrer feinen Weise machte die Wirtin mit aller Etikette früherer Zeiten . » Ich bin ganz ans der Übung , mein kleines Frauchen « , sagte sie wie entschuldigend . » Es ist lange , lange her , seit ich Besuch hatte . Sie müssen so vorliebnehmen . « Ich hatte nun eine wahre Freude daran , die alte , hübsche Dame so schalten und walten zu sehen . Nie sah ich so schlanke , feine Hände . Die Gestalt war noch ungebeugt . Das feine , ovale Gesicht zeigte Spuren von früherer großer Schönheit , die großen Augen hatten etwas Schwärmerisches , Sanftes , man hätte immerfort hineinsehen mögen . Ihr ganzes Wesen atmete eine Milde , eine Herzensgüte aus , die man wohl selten vereint findet mit einem so freudenlosen , einförmigen Dasein . Sehr bald hatte ich ihr ganzes Vertrauen gewonnen . An allen meinen kleinen Sorgen nahm sie teil , nie ging ich ohne einen guten Rat von ihr , nie ohne irgend etwas gelernt zu haben . Sie half mir Strümpfe für meinen Mann stricken , gab mir alte , bewährte Rezepte für mein Kochbuch , und bald verging kein Tag , an dem ich nicht hinüberhuschte , ihr eine Probe eines selbst gekochten Gerichtes zu bringen , ein Buch zu leihen , oder überhaupt , um sie zu sehen , und immer wurde ich liebevoll empfangen und , wie mein Mann behauptet , gründlich verzogen . So war sie mir wirklich eine Freundin geworden , sie vertrat beinahe die Stelle der fernen Mutter bei mir , und noch immer hatte ich nichts von ihrer Vergangenheit erfahren . Da war ich einmal an einem häßlichen , regnerischen Novembertage bei ihr in dem traulichen Stübchen , draußen heulte der Wind und jagte prasselnd den Regen an die Fenster . Im Zimmer war es so dunkel , daß ich meine Stickerei aus der