elegante Erscheinung war es noch , nur ein wenig fremd in der Zivilkleidung , ein wenig vornüber gebeugt , ein wenig voller vielleicht – Ihre zitternde Hand faßte den Schleier unter dem Kinn zusammen , und im Umwenden murmelte sie : » Verzeihung , ich verwechselte eben – ich wohne noch gar nicht lange hier . « Sie ging rasch zu ihrer Seite hinüber und läutete dort mit aller Macht . Aber als der schrille Ton verhallt war , scholl seine Stimme hinter ihr : » Fräulein Wilkens ! Helene – Helene Wilkens ! « Sie wendete den Kopf und sah ihn neben sich . » Nein , ist es denn möglich ? « sprach er weiter . » Helene , Sie ? Ich las wohl den Namen dort , aber wie konnte ich denn denken , daß der Zufall – Geben Sie mir doch Ihre Hand , daß ich sie küsse . Wenn Sie wüßten , wie mich das freut – glücklich macht ! « Es lag eine so überzeugende Wahrheit in seinen Worten , daß auch ihr Gesicht sich erhellte . Sie sagte ebenso herzlich , aber 14 leise und mühsam : » Wirklich , ein sonderbarer Zufall , Herr Oberstleutnant ! Auch ich freue mich sehr ! « Und dabei drückte sie wieder mit aller Kraft auf den elektrischen Knopf , so daß drinnen ein schrilles , langgedehntes Klingeln anhob . Aber es blieb totenstill hinter der Türe . » Mein Mädchen ist offenbar nicht zu Hause , « fügte sie rasch und ängstlich hinzu und noch immer mit der tiefen Bewegung kämpfend , die sie jählings überfallen hatte bei diesem Erkennen . Die Treppe herauf kam eben das Stubenmädchen des Wirts , um einen Korb Wäsche in die Mansarde zu tragen . Wie es die Dame erkannte , erschrak es : » O Gott , gnä ' Fräulein , Luise ist zur Kirmeß nach Oberndorf gefahren . Die wird nicht wiederkommen vor Zwölfen . Haben denn gnä ' Fräulein keinen Drücker bei sich ? « Nein , den hatte sie nicht nach der Schweiz und Italien mitgenommen . » Wollen das gnä ' Fräulein in der Wohnung unten warten ? Die Herrschaft ist freilich nicht daheim . Ich könnte aber rasch einen Schlosser holen ! « schlug das Mädchen vor . » Ih bewahre ! « sagte der Oberstleutnant , » das gnädige Fräulein wartet bei mir . Mein altes Hannchen bringt schon ein Abendessen und eine Tasse Tee noch zu stande . Bitte , Fräulein Wilkens ! « Er war hinübergegangen , schloß die Flurtür auf und trat zur Seite , um sie vorausgehen zu lassen . Einen Augenblick zögerte Helene noch , dann lächelte sie . Sie hatte eben beinahe vergessen , daß sie eine alte Dame geworden war und jede Ziererei geschmacklos sein würde . So schritt sie ihm voran in die Wohnung . Die alte Dienerin , die herzukam , machte ein höchst verblüfftes Gesicht , als sie ihren Herrn , der eben in den Klub hatte gehen wollen , wiederkommen sah mit einer Dame , der er zart und rücksichtsvoll Mantel und Hut abnahm . » Hannchen , machen Sie Tee ! « befahl er . » Und ein bissel kalten Aufschnitt besorgen Sie ! Die Dame kommt von der Reise . – So , und nun bitte hier herein , Fräulein Wilkens ! « Es war das Erkerzimmer , das drüben auch ihr Wohnzimmer 17 bildete . Ebenso traulich , nur in andrer Art. Dunkel die Möbel und Stoffe , tiefe plumpe Sessel , Waffen an den Wänden und hohe Büchergestelle . Das einzige Lichte , das durch die mit leichtem blauen Zigarrenrauch versetzte Luft schimmerte , war das lebensgroße Ölbild einer Frau in weißem Kleide . Es hatte seinen Platz über dem Schreibtisch . Helene Wilkens sah weg . Das Bild tat ihr weh . Sie wählte den Sessel , der mit dem Rücken nach dort stand . Er ging in der Stube auf und ab . » Das ist doch wie ein Traum ! « sagte er endlich , vor ihr stehen bleibend . » Und wissen Sie , vorhin hatte ich noch gerade an Sie – an uns – gedacht . Wie das so kommt , – Kleinigkeiten machen das oft . Mich brachte das Nebelwetter darauf . So ein Tag war es , Helene , wissen Sie noch , als wir – « » Sollen wir überhaupt davon reden ? « unterbrach sie ihn leise und ängstlich . Er schwieg einen Augenblick wie betroffen . » Nein , « sagte er dann , » wenn es Ihnen unangenehm ist , nicht . « » Unangenehm ist nicht das rechte Wort , – traurig ist es . « » Ja , « gab er zu , » traurig ist es , aber auch schön . Ehrlich gestanden , es ist das einzige Schöne , das einzige Poetische geblieben in meinem Leben . Ich habe die Erinnerung daran aufgehoben in meinem Herzen , sie wie eine Kostbarkeit bewahrt in festverschlossenem Schrein . Alles , was nachher kam , das war – « Wie sie ihn erstaunt , fast unwillig ansah , blieb er stehen . » Ich will Ihnen wahrlich keine Klagelieder vorsingen , « sagte er , » es wäre unrecht . Ich bin rechtschaffen glücklich gewesen in meiner Ehe . Aber sehen Sie , Sie waren für mich doch die erste Liebe , die Unerreichbare , das Rätsel . Meine Jugend selbst waren Sie . Ich hab ' s nie verwunden , daß ich scheiden mußte von ihr , ohne sie in mein Alter mit hinüber zu nehmen . – Ich weiß nicht , ob Sie mich verstehen – Sie haben vielleicht das alles längst vergessen , – haben – « » Ich verstehe Sie schon , Wendenfels ! « unterbrach sie ihn . » Aber « – sie lachte ein wenig wie verlegen . » Ich sage 18 nochmals : Wozu sollen wir darüber reden