Urgroßonkel lag , der wunderliche Alte , der mehr gefürchtet als geliebt wurde in seiner Familie und gestorben war , einsam und verlassen , wie ein verwundeter Löwe in seiner Höhle ? „ Frieda , wer liegt hier begraben ? “ fragte ich ; denn die ehemals vergoldete Schrift war schwarz geworden und ließ sich schwer entziffern . Aber es erfolgte keine Autwort ; sie stand , mir den Rücken zuwendend , und blickte durch einen Aushau in der dunklen Tannenwand zu dem herzoglichen Schloß hinüber , das aus dem grünen Laube des Schloßberges stattlich und vornehm zu uns herübersah . Die Fenster blitzten golden in dem Scheine der Herbstsonne , und die weißen Mauern leuchteten fast blendend ; kaum einen Büchsenschuß weit dünkte mich die Entfernung , und doch waren wir eine halbe Stunde gewandert . „ Schönste Cousine , erhöre meine Bitte und sage mir : liegt hier der räthselhafte Jägersmann und Urgroßonkel ? “ Sie wandte sich um und schüttelte den Kopf . „ Ich weiß es nicht , “ sagte sie dann kurz ; ihre Augen ruhten auf dem Hügel , und plötzlich fügte sie mit weicher , völlig veränderter Stimme hinzu : „ Es ist ja gleichgültig , wer hier ruht , aber nicht wahr , es ist ein köstliches Plätzchen für den letzten Schlaf ? Es träumt sich so süß , wenn der Wald über uns rauscht und die Sonnenstrahlen durch die Zweige lugen . “ „ Ein echtes Waidmannsgrab , Frieda ; ich kann es ihm nicht verdenken , wenn er hier begraben sein wollte , statt in Reih ' und Glied mit dem übrigen Menschengesindel auf einem regelrechten Kirchhof zu liegen . “ Und meinen Lieblingsdichter recitirend , begann ich : „ In kühler Erd ' , bedeckt von Moos und Farren , Die oft mein Fuß beim Waidmannsgange traf Durch ' s Tannendickicht – also möcht ' ich harren Der Ewigkeit in süßem , stillem Schlaf – “ „ Hast Du die Inschrift schon gelesen ? “ unterbrach das Mädchen meinen Erguß rasch . „ O , bemühe Dich nicht ; ich kann die Verse auswendig ! “ und feierlich sprach sie : „ So lernten wir uns kaum Für diese Welt hier kennen , Wo uns so kurz die Sonne scheint . Wir finden einst , wenn Jeder ausgeweint , Uns wieder , um uns nie zu trennen . “ Dann wandte sie sich rasch ab . „ Sehr hübsch , Frieda , aber mich dünkt , es sei just keine Grabschrift für einen Jägersmann . “ „ Du hast wohl Recht , “ sagte sie und brach ein paar Zweige von dem Epheu ; dann schritt sie wieder vor mir her durch die dunklen Waldespfade . Wenn meine Mutter mit mir während der Ferien zu dem Onkel Oberförster in den Harz reiste , so war Abends im traulichen Familienkreise hin und wieder wohl die Rede gewesen von einem gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts gestorbenen Urgroßonkel . Und mochte nun meine Großmutter von ihm erzählen oder die alte Tante Rieke , die sonst die Prosa in Person war , mochte mein Onkel von ihm berichten oder der uralte Castellan des herzoglichen Schlosses , der mitunter in Schlafrock und Pantoffeln [ 595 ] in die Oberförsterei zu einem Plauderstündchen kam , es wob sich immer ein Stückchen echter Poesie wie ein duftiger grüner Tannenkranz um seine Gestalt , die gleichwohl nur undeutlich aus dem Rahmen der Erzählungen hervortrat . Denn von den damals lebenden Mitgliedern der Familie hatte ihn selbstverständlich Niemand mehr gekannt , und nur meine hochbetagte Urgroßmutter erinnerte sich , ihn einmal gesehen zu haben , da er wie ein Einsiedler in dem rothen Hause mit einem alten Factotum von Diener gelebt , der Köchin und Gesellschafter zugleich war . „ Ich weiß es noch wie heute , “ pflegte sie zu erzählen , „ ich saß auf der Gartenmauer und aß Weintrauben ; so ein acht- oder neunjährig Ding mochte ich dazumal sein ; es war ein kalter Octobertag ; wir hatten schon Nachtfröste gehabt , und die Trauben hatte der Fuchs geleckt – darum schmeckten sie so süß . Da kam ein Mann aus der Schloßgartenpforte heraus , langsam und bedächtig ; wundersam sah er aus , seine Kleider waren altmodisch , aber wohlerhalten , und sein Haar und Bart silberweiß . Erstaunt blickte ich ihn an und sah ihn näher kommen ; er schritt an unserer Mauer entlang , und gerade als er an der Stelle war , wo ich mich neugierig hinüberbog , schaute er empor und – ich weiß nicht mehr , wie er ausgesehen , nur das weiß ich noch , daß ihm Thränen in den Augen standen und auch ein paar Tropfen in dem weißen Barte hingen , und daß ich unwillkürlich und sehr respectvoll „ Guten Tag ! “ zu ihm sagte . Ob er meinen Gruß erwidert hat , erinnere ich mich nicht mehr . Eine halbe Stunde später aber flog die Kunde durch ' s Städtchen : Prinz Christian sei todt , und sein so lang verfeindeter Jugendfreund habe an seinem Sterbebett gestanden und ihm die Augen zugedrückt , nachdem sie sich versöhnt . “ So meine Großmutter . Und nun gab es geheimnißvolles Vermuthen und unnützes Kopfzerbrechen noch hinterher , wie es gekommen sei , daß jene Beiden , die eine glühende Jugendfreundschaft verband , sich so plötzlich trennten . Mitunter wurde ein Frauenname dazwischen geworfen , aber Niemand wußte Näheres , und nur das Eine stand fest : der Unterthan kündigte dem Prinzen die Freundschaft , und so oft auch dieser ihm die fürstliche Hand zur Versöhnung bot , sie wurde mit einer an Verachtung grenzenden Kälte zurückgewiesen , ohne daß die Geduld und Langmuth des Prinzen sich je erschöpfte ; als aber der Oberförster , alt und grau geworden , sein Amt niederlegen wollte , da wurde das „ rothe Haus “ ihm als Eigenthum zugewiesen und die Oberförsterei in ein neues Gebäude , näher