Füßen weiter und um die große Fontäne herum , auf deren ruhigem Spiegel die gelben Blätter der Linden schwammen , die im Kreise um sie her standen . Die heisere Uhr des alten Schloßkirchturmes schlug just halb , und bei diesem Klange blieb Aenne May stehen ; sie hatte ja noch Zeit , eine halbe Stunde lang . Sie wandte sich und [ 003 ] raschelte wieder vorwärts in dem Laub bis zu einem Pavillon am westlichen Ende der Terrasse und lugte dort durch die Scheiben der Glasthür . Im selbigen Augenblick fuhr ihr Kopf aber so blitzschnell zurück , daß der dunkelblaue Filzhut vom Scheitel rutschte und sie , mit beiden Händen danach greifend , eine jähe Wendung zur schleunigsten Flucht machte . Die Thür des kleinen achteckigen Gebäudes wurde nämlich aufgerissen und ein junger Mann in farbenbekleckstem Leinwandrock trat oder stürzte vielmehr mit dem Rufe ihr entgegen : „ Das ist wirklich zu nett ; Fräulein Aenne – nun müssen Sie aber auch gleich eine Kritik abgeben ! Treten Sie ein und sagen Sie mir , wie die Kleckserei ausgefallen ist und ob die Herzogin und ihr Gefolge holder Damen es ansehen können , ohne von Krämpfen befallen zu werden ! “ Sie hatte sich dem Redenden gleich zugewandt , aber sie lachte nicht , sie sah vielmehr ein bißchen blaß aus , folgte indessen ohne eine Spur von Widerstreben der Einladung und trat voran in den Raum , dessen Thür weit offen blieb und an dessen zwischen den Fenstern befindlichen Wänden eine gar nicht ungeübte Hand figurenreiche Fresken mittelalterlichen Stiles gemalt hatte . „ Da , Aenne , “ rief er mit komischem Stolz und zeigte auf das Mittelfeld , „ das sind Sie ! Machen Sie ein Kompliment vor sich ! “ „ Wirklich ? Das soll ich sein ? “ „ Ja ! Sehen Sie es denn nicht selbst ? Da sind Ihre blonden Haare , Ihre braunen Spitzbubenaugen – – “ Er hielt inne und schaute sie an mit solchem ehrlichen Entzücken , daß sie verlegen von ihm weg zu dem Bilde hinüber sah . „ Und das sollte ich sein ? “ sagte sie noch einmal forciert lustig , „ aber keine Spur ! “ „ Lange nicht so reizend wie in natura , natürlich nicht ! “ gab er zu , „ aber – “ „ Keine Spur ! “ unterbrach sie ihn , „ so geschmacklos hätte ich mich im ganzen Leben nicht angezogen – ein grünes Unterkleid , ein karmoisinrotes darüber , o , und ein blauer Saum und blauer Gürtel dazu ! Pfui , Heinz , Sie haben keine Spur von Farbensinn ! “ „ Das bestreite ich ! Uebrigens damals , Anno 1450 , war es so Mode , “ verteidigte er sich . „ Und die dort daneben , die Hofdame mit dem Kränzlein im Haar , das ist – ja , das ist nun wirklich ähnlich . Heinz ! “ jubelte sie jetzt , „ die haben Sie mit Liebe gemalt , o ja , die Toni von Ribbeneck ! “ „ Mit was habe ich sie gemalt ? “ fragte er lachend . Aber sie antwortete nicht , sondern betrachtete königlich belustigt die Figur , diese Figur , die der Natur so köstlich abgelauscht war ; das starke hochmütige Gesicht mit den blassen aufgeworfenen Lippen , die allzu breiten Schultern , die viereckige Taille und das dünne , zu einzelnen Strähnen aufgelöste Haar , auf dem das Blütenkränzlein saß . Die Guitarre im Arm schritt sie neben der Gräfin Breitenfels , der Ahnfrau der Herzogin , her . „ Es ist ein Jammer und ein Elend , Heinz , daß Sie nicht Maler geworden sind ! “ rief das Mädchen endlich . „ Satteln Sie um , machen Sie , daß Sie nach München oder sonst wohin kommen , und lassen Sie diese Ihre schöne Gabe nicht verkümmern ! “ „ Sie sehen ja , Aenne , daß ich ihn mächtig kultiviere , diesen Götterfunken ! “ „ Das sind doch nur Possen , “ antwortete sie und wies auf die Bilder . „ Nun ’ mal ganz im Ernst , Heinz , fühlen Sie sich denn wirklich glücklich in Ihrer gegenwärtigen Stellung ? “ „ Ja , “ sagte er fest , aber mit einem Schatten über dem hübschen Gesicht . „ Ja ? “ fragte Sie spöttisch . „ Es muß ja allerdings ein erhebendes Gefühl sein , in Breitenfels ein zwanzig Mann starkes Corps zu befehligen , die Wachen vor den Thüren Ihrer Durchlaucht zu revidieren und mittags mit Helm und Schärpe der alten Excellenz zu melden , daß alles ruhig sei im Land und die Frau Herzogin ohne Gefahr ihr Mittagsschläfchen machen kann . “ „ Er zieht nicht , Aenne , der Spott – das ist Dienst , “ erklärte er . „ Ich bin mit Leib und Seele Soldat , wer daran je zweifelt , der – – ich möchte es keinem raten – – und sehen Sie , Aenne , dies Kommando finde ich obenein noch riesig nett ! “ Und dabei setzte er sich auf den Tisch und sah ihr mit beredtem Blick in die Augen und lächelte . Er war in seiner Art ein ebenso schönes Menschenexemplar wie Aenne May in ihrer , genau so frisch , so jung wie sie , leider auch ebenso arm , nur mitunter weniger zufrieden , was er aber nur sich selbst eingestand . Und das war ihm nicht übelzunehmen in Anbetracht seiner wirklich drückenden Familienverhältnisse . „ Haben Sie gut geschlafen , Spötterin , und ist Ihnen der Waldspaziergang gut bekommen ? “ fragte er nach einer Pause . Sie war glühend rot geworden . „ Ja ! “ flüsterte sie ausweichend . „ Aber , bitte , sagen Sie mir , Heinz , wie spät es ist ! Ich muß zur Probe punkt elf Uhr im roten Saale sein . “ „ Noch viel Zeit , Fräulein Aenne