von Stund an eine Waise mehr in der Gemeinde . « » Nicht doch « , sagte Baltzer . » Ich nehme das Kind , und es soll mit meinem Martin zusammengehen . Ja , Pastor , ich will ein Gespann haben , damit fährt sich ' s besser , und ist dem Jungen gut . Und lieben wird er sie schon , denn ' s ist ein feines Kind und hat die langen Wimpern und das helle Rothaar – dasselbe , das die drüben haben . Und wer den Toten Blumen streut , der streut sie , denk ich , auch wohl den Lebenden . « » Ich hoff es « , antwortete Sörgel . Und danach riefen sie Hilden und sagten ihr , daß sie nun Abschied nehmen müsse . Die war denn auch bereit und stutzte nicht , und nur auf der Schwelle wandte sie sich noch einmal und lief zurück , um der Toten die Hand zu streicheln . Und nun erst folgte sie den beiden Männern und trat auch ihrerseits und ohne Zeichen tieferer Bewegung ins Freie . Der Pastor gedachte seinen Weg wieder über Kunerts-Kamp und die Sieben-Morgen zu nehmen , genauso , wie sie gekommen waren ; als ihn aber der Heidereiter bedeutet hatte , es sei näher über Diegels Mühle , schlenderten sie gemeinschaftlich an einer tiefen Grenzfurche hin , die von dem kleinen weißen Haus aus bis an den Abfall des Berges führte . Hilde ging vor ihnen her und stemmte , wie sie zu tun liebte , den rechten Arm in die Seite . Das gab ihr einen geraden Gang und machte , daß sie größer aussah , als sie war . Die beiden Männer aber folgten ihr mit den Augen , und Baltzer sagte lächelnd : » Ich werde sie zu hüten haben . « Eine kurze Strecke noch , und die Grenzfurche bog nach links hin um eine kahle Felswand herum , in deren Front sie sich als mannsbreite Straße fortsetzte . Die Felswand selbst aber hieß Ellernklipp . Ein mittelhoher Brombeerbusch wuchs hier als einzige Schutzlehne hart am Abgrund hin , und der alte Sörgel , indem er sich an dem Gezweige festhielt , sah in freudiger Bewegung in das Landschaftsbild hinein , das ihm heut , unter dem Einfluß einer besonderen Beleuchtung , als etwas Neues und Niegesehenes erschien . In den Fenstern des Schlosses stand die Vormittagssonne , weiter unten blinkte der Wetterhahn auf der Schindelspitze des Turmes , und von rechts her , unter Erlen halb verborgen , flimmerte das Schieferdach von Diegels Mühle herauf . » Ich muß nun da hinein « , sagte der Heidereiter und zeigte halb rückwärts auf den Wald . » Und dies ist der Weg , der nach der Mühle führt . Ehrwürden sehen den Haselbusch , und wenn Sie den haben , schlängelt sich ' s allmählich bergab . Aber immer rechts . Nach links hin geht ' s in den Elsbruch und ist steil und abschüssig , und wer fehltritt , ist kein Halten mehr . Und du , Hilde , gehst vorauf und suchst Ehrwürden die besten Stellen . « Und sie ging vorauf und wartete nur dann und wann , bis der Alte , den sie führen sollte , wieder heran war . In diesem aber klang es nach , was der Heidereiter in der Muthe Haus oben gesprochen hatte : » Wer den Toten Blumen streut , der streut sie , denk ich , auch wohl den Lebenden . « Und er wiederholte sich jedes Wort . » Aber ich fürchte « , fuhr er in leisem Selbstgespräch fort , » sie kennt nicht gut und nicht bös , und darum hab ich sie zu dem Baltzer Bocholt gegeben . Der hat die Zucht und die Strenge , die das Träumen und das Herumfahren austreibt . Und wenn sie Gutes sieht , so wird sie Gutes tun . « 2. Kapitel . Hilde spielt Zweites Kapitel Hilde spielt Hilde blieb in der Pfarre bis zum Begräbnis ihrer Mutter , am dritten Tag in aller Frühe . Man läutete nicht , und nur einige Neugierige waren gekommen , darunter auch Dienstleute vom Schloß . Und als nun der alte Sörgel das Gebet gesprochen und der Toten eine Handvoll Erde nachgeworfen hatte , nahm Baltzer Bocholt das Kind an der Hand , um es in seine neue Heimstätte hinüberzuführen . Auf dem Flur , in der Nähe der schmalen Treppe , standen alle Zugehörige des Hauses , und Baltzer , als er sie stehen sah , sagte : » Das ist gut , daß ihr da seid . Sieh , Hilde , dies ist unsere Grissel . Mit der wirst du nun zusammenleben und mußt ihr gehorchen in allen Stücken , als ob ich ' s selber wär . Und dies ist Joost , unser Knecht , der meint es gut . Nicht wahr , Joost ? Und laß dich nur aufs Pferd von ihm setzen , aber immer nur , wenn er Zeit hat , und darfst ihn nicht stören bei seiner Arbeit . Und dies ist unser Martin ; der soll nun dein Bruder sein , und ihr sollt euch liebhaben . Wollt ihr ? Willst du , Hilde ? « Diese nickte , während Martin schwieg und verlegen vor sich niedersah . Baltzer aber hatte dessen nicht acht und fuhr fort : » Und nun gebt euch die Hand . So . Und jetzt einen Kuß . Und nun , Grissel , führ unser neues Kind in seine Stube hinauf und zeig ihm , wo es wohnt . Und zu Mittag sehen wir uns wieder . Punkt zwölf , auf die Minute . Hörst du ! Denn ich bin ein alter Soldat und liebe Pünktlichkeit . Und nun Gott befohlen ! « Danach wandt er sich und ging aus dem Flur in die Vorlaube , während Martin in den Hof lief und Grissel und Hilde treppauf stiegen . Oben waren zwei Giebelstuben