meiner Tür bewegte sich jemand , und ich erriet : es ist immer noch Rosina , die draußen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten , daß ich sie doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle . Und unten , ein halbes Stockwerk tiefer , lauert der blatternarbige , halbwüchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem , ob ich die Tür öffnen werde , und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine schäumende Eifersucht bis herauf zu mir . Er fürchtet sich , näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden . Er weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und möchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die Zügel schießen lassen ! - - - Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und Stichel hervor . Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig genug , die feinen japanischen Gravierungen auszubessern . Das trübe , düstere Leben , das an diesem Hause hängt , läßt mein Gemüt nicht still werden , und immer tauchen alte Bilder in mir auf . Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als Rosina . An ihren Vater , der Hostienbäcker gewesen , konnte ich mich kaum mehr erinnern , und jetzt sorgt für sie , glaube ich , ein altes Weib . Ich wußte nur nicht , welche es war unter den vielen , die versteckt im Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel . Sie sorgt für die beiden Jungen , das heißt : sie gewährt ihnen Unterkunft ; dafür müssen sie ihr abliefern , was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln . - Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt ? Ich konnte es mir nicht denken , denn erst spät abends kommt die Alte heim . Leichenwäscherin soll sie sein . Loisa , Jaromir und Rosina sah ich , als sie noch Kinder waren , oft harmlos im Hof zu dritt spielen . Die Zeit aber ist lang vorbei . Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her . Zuweilen sucht er sie lange umsonst , und wenn er sie nirgends finden kann , dann schleicht er sich vor meine Tür und wartet mit verzerrtem Gesicht , daß sie heimlich hierher komme . Da sehe ich ihn , wenn ich bei meiner Arbeit sitze , im Geiste draußen in dem winkligen Gange lauern , den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend vorgebeugt . Manchmal bricht dann durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm . Jaromir , der taubstumm ist , und dessen ganzes Denken eine ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt , irrt wie ein wildes Tier im Hause umher , und sein unartikuliertes heulendes Gebell , das er , vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen , ausstößt , klingt so schauerlich , daß einem das Blut in den Adern stockt . Er sucht die beiden , die er stets beieinander vermutet - irgendwo in einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt - in blinder Raserei , immer von dem Gedanken gepeitscht , seinem Bruder auf den Fersen sein zu müssen , daß nichts mit Rosina vorgehe , von dem er nicht wisse . Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist , ahnte ich , das Reizmittel , das Rosina antreibt , sich stets von neuem mit dem andern einzulassen . Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer , so ersinnt Loisa immer wieder besondere Scheußlichkeiten , um Rosinas Gier von neuem zu entfachen . Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge , wo sie aus rostigen Faßreifen , die in die Höhe schnellen , wenn man auf sie tritt , und eisernen Rechen - mit den Spitzen nach oben gekehrt - bösartige Fallen errichtet haben , in die er stürzen muß und sich blutig fällt . Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina , um die Folter aufs äußerste anzuspannen , auf eigene Faust etwas Höllisches aus . Dann ändert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut , als fände sie plötzlich Gefallen an ihm . Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit , die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen , und sie hat sich dazu eine geheimnisvoll scheinende , nur halbverständliche Zeichensprache ersonnen , die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von Ungewißheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muß . - Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen , und sie sprach mit so heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein , daß ich glaubte , jeden Augenblick würde er in wilder Aufregung zusammenbrechen . Der Schweiß lief ihm übers Gesicht vor übermenschlicher Anstrengung , den Sinn der absichtlich so unklaren , hastigen Mitteilungen zu erfassen . Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf den finsteren Stiegen eines halb versunkenen Hauses , das in der Fortsetzung der engen , schmutzigen Hahnpaßgasse liegt , - bis er die Zeit versäumt hatte , sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln . Und als er spät abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte , hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem anstoßenden Atelier durch die Mauern herüber zu mir . Ein Lachen ? - In diesen Häusern ein fröhliches Lachen ? Im ganzen Ghetto wohnt niemand , der fröhlich lachen könnte . Da fiel mir ein , daß mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler Zwakh anvertraute , ein junger , vornehmer Herr hätte ihm das Atelier teuer abgemietet - offenbar , um mit der Erwählten seines Herzens unbelauscht zusammenkommen zu