gar nicht , daß auch Alternde lieben und glücklich sein können , in Empfindungen von einer keuschen Zartheit , geheimnisvoll verwandt den Träumen der ersten , noch begierdelosen Jugend . So läßt die Natur auf dem Feld im Spätherbst noch einmal die eine und andere Frühlingsblume wieder zur Blüte kommen ... Welch tiefes Sinnbild ... Sophie schreckte auf . Die wundervolle Stille sollte ihr gestört werden ? Ihre treue alte Tyrannin Therese verstand doch sonst so bestimmt die Tür zu verteidigen . » Nein , « sagte sie schon ganz ärgerlich zu dem Geräusch draußen , » nein , ich habe zu denken , habe Verlangen nach Schweigen , will Briefe schreiben - - daß mich keiner mit seinem Besuch belästigt ! « Da öffnete sich ein wenig die Tür , und Therese lächelte in der Spalte . » Herr Geheimrat ! « sagte sie und machte gleichsam Tür und Tore weit , mit jener froh-feierlichen Geste , die sie immer hatte , wenn sie diesen Mann hereinließ . Denn sie wußte es aus ihres ergebenen Herzens Ahnungsgefühl heraus : sein Kommen war ein Fest für ihre Herrin und heute ganz gewiß ein unerwartetes . Sophie kam in die Höhe - förmlich ein wenig zitternd und in ihrer Hast durch den Tisch gehemmt , hinter welchem sie auf ihrem kleinen Ecksofa gesessen hatte . » O ! « sagte sie nur , in einem stillen und dankbaren Glücksgefühl . Sie streckte ihm beide Hände hin . Aber mit diesen ihren beiden Händen mußte sie begnügsam seine Rechte umfassen . In der Linken trug er eine große Aktenmappe . Leise , mit einer scheuen Hingebung lehnte Sophie ihre Stirn einen Augenblick gegen seine Schulter . Dann sah sie zu ihm empor . Der stattliche , grauhaarige Mann lächelte sie gütig an . Sein kluges Gesicht , von einer gewissen stolzen Regelmäßigkeit der Züge , schien sehr bleich . Eine Falte , wie von Mattigkeit oder Leiden , ging scharf von seinen Mundwinkeln herab . In seinen dunklen Augen war nicht das strahlende Feuer , das sonst dies ganze Angesicht wie ins Licht stellte . » Was ist Dir ? « fragte sie , aufmerkend . Denn sie kannte sein Gesicht in jedem Ausdruck und sah es nur zu oft verfinstert von Aergernissen und hatte so oft die Beglückung , daß es hell wurde in ihrer Nähe . » Unbehaglich ist mir - und darum komme ich . Gib mir eine Tasse Tee - ja - hier ist es warm und still und milde ... « Er sah sich um . Dieses Zimmer war ja seine Zuflucht . Die sanfte Helle über dem Ecksofa , das so bequem war - und der gut abgemessene Tisch mit dem zierlichen Teegerät davor - alles andere lag im Halbdämmer : Bilder und ruhige Möbel . Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau , die nur von Vergnügungen und Eitelkeiten wußte . Es schien , als fröre ihn . » Ja , was hast Du denn ? « fragte sie wieder . Sie wußte , wieviel er zu tragen hatte in einer Ehe , die zu lösen seine Frau sich , halb aus Gehässigkeit , halb aus Instinkt der Selbsterhaltung , seit Jahren weigerte . Denn sie war eine schlechte Wirtschafterin , und seine Umsicht mußte immer die Angelegenheiten ordnen , die ihre Luxusbegierden verwirrten . Und sie fühlte vielleicht , daß sie , aus seiner lenkenden Hand entlassen , in Ruin kommen könne . Wie oft kam er , ermüdet von Szenen , um in diesem friedlichen kleinen Eckchen seine Nerven zu beruhigen . Heute hatte Sophie den Freund nicht erwartet . Er kam zumeist am Donnerstag . In seltenen Fällen trafen sie sich auch in der Gesellschaft , der Sophie sich aus Klugheitsgründen nicht entziehen konnte . Ihr alter Name hatte ihr doch geholfen , gleich in Kreise zu kommen , in denen sie Aufträge fand . Sie wußte genau : der erste war ihr vor zwölf Jahren geworden , wie ein verstecktes Almosen . Ihre Cousine Lucie , die Gattin des Ministers von Eggebeck , hatte sich bei ihr malen lassen . Lucie war gutmütig , eitel und mäßig bemittelt . Sie sah die Gelegenheit , sich für eine geringe Ausgabe in ihrer schönsten Hoftoilette malen zu lassen . Das Porträt gelang , wurde ausgestellt und hatte Erfolg . Erfolg hatte auch die Malerin , die man von da an im Salon der Exzellenz zuweilen traf . Mit jedem neuen Auftrag erweiterte sich dann Sophiens geselliger Kreis . Im Eggebeckschen Hause hatte Sophie auch den Mann kennen gelernt , dessen Freundschaft ihr arbeitsames Leben hob und mit freudigem Mut füllte . Ihre Verbindung war der Welt ein vollkommenes Geheimnis . Was sie einander gaben , war auch nicht von der Art , das Interesse der Welt zu erregen . Frieden wollten sie und das bißchen stille Glück , sich Hand in Hand von dem lauten Leben draußen auszuruhen und sich darüber auszusprechen . Es bedurfte , zumal von Sophiens Seite , gar keiner besonderen Vorsicht oder Vorsätze , ihre Neigung zu verstecken . Kein Mensch in der Weltstadt kümmerte sich darum , daß der Geheimrat Rositz Donnerstag nachmittags Frau von Hellbingsdorf besuchte . Rositz freilich war mit Bedacht behutsam . Seine Frau hätte ihm diese Erquickung mißgönnt und gestört , wäre auf den Gedanken gekommen , daß er sich Sophiens wegen scheiden lassen wollte , während er in der Tat schon lange , bevor er die Freundin kannte , um seine Freiheit rang . Sophie schenkte ihm Tee ein und bediente ihn pflegsam und beobachtete dabei mit immer wachsender Sorge sein schlechtes Aussehen . » Wie komme ich heute zu der Freude ? « fragte sie . » Ich hatte Geschäfte in der Nähe . Geldsachen . Und bin auf dem Wege zu meinem Bankier . Sollte ich an Deiner Wohnung vorbeifahren ? Als Egoist kam ich herauf . Mir ist irgendwie nicht wohl - kann sein ,